Geschlechtsangleichung "Wenn Sie einen Penis abgeschnitten haben, dann ist er weg"

Gibt es einen "Trend" zur Geschlechtsangleichung? Oder trauen sich einfach mehr Menschen, ihrem tiefen Bedürfnis danach nachzukommen? Ein kulturWelt-Gespräch mit Jürgen Schaff, Facharzt für plastische und ästhetische Chirurgie.

Von: Christoph Leibold

Stand: 31.03.2021

Ein Schild mit Symbolen für drei Geschlechter. | Bild: stock.adobe.com/Karen Roach

Das Londoner Tavistock Centre hat sich auf minderjährige transidente Menschen spezialisiert. Es berichtet, dass dort etwa 1700 Mädchen jährlich vorstellig werden. Vor zehn Jahren waren es nur 30 im Jahr. Ist das Ausdruck einer größeren Offenheit – oder ein vorübergehendes Phänomen unserer Multioptions-Gesellschaft? Christoph Leibold sprach darüber mit dem Münchner Mediziner Dr. Jürgen Schaff, Facharzt für plastische und ästhetische Chirurgie, der seit 1988 über 8000 Erstoperationen bei Transsexuellen vorgenommen hat.

Christoph Leibold: Können Sie bestätigen, dass die Zahl der Patientinnen und Patienten, die eine Feminisierung oder Maskulinisierung qua Operation wünschen, in den letzten Jahren zugenommen hat?

Jürgen Schaff: In den letzten Jahren hat es natürlich sehr stark zugenommen. Ich würde fast von einer Welle sprechen. Eine solche Welle hatten wir auch schon mal Anfang der 1990er Jahre. Damals wurde die Grenze zur DDR geöffnet, und es kamen sehr, sehr viele Patienten, die eigentlich schon seit Jahren wussten, was sie wollten, denn sie waren Transgender. Aber in dem System war es nicht möglich, sich zu outen. Und die kamen dann alle. Leider waren sehr viele von denen in einem Alter, in dem es sehr, sehr schwierig wird, nicht nur mit den Operationen, sondern auch mit dem Äußeren. Und natürlich was die Stimme betrifft. Das sind sehr schwierige Fälle gewesen. Später hat es sich dann ein bisschen beruhigt.

Und jetzt kommt seit ungefähr fünf bis sechs Jahren die Welle von den Jugendlichen, die immer jünger werden. Natürlich kann man darüber nachdenken, dass die Gesellschaft offener geworden ist. Aber es gibt auch leider den Anstieg – so empfinden wir das jedenfalls als Operierende – von jungen Menschen, die schon mit Anfang 20 tatsächlich operiert werden, aber später vielleicht doch wieder zurückwollen. Und da sind natürlich vor allem die Psychiater und Psychologen gefragt. Wir Chirurgen können da gar nicht mithalten, sondern wir müssen uns darauf verlassen, dass diese Fachleute die richtige Auswahl treffen. 

Je jünger die Menschen, desto besser die Ergebnisse 

Verstehe ich das richtig, dass Sie sagen: Dass der Umgang mit dem Thema leichter geworden ist, ist zwar einerseits positiv, aber es verführt andererseits auch zu einem leichtfertigen Umgang. Die gewachsene Akzeptanz kann zu voreiligen Geschlechtsumwandlungen führen?

Ich würde es nicht als voreilig betrachten. Es gibt ja Kinderpsychiater und Kinderpsychologen, die hochspezialisiert sind. Keiner von denen macht sich das einfach. Aber man möchte natürlich den Menschen helfen, und in der weit überwiegenden Mehrheit kann ihnen ja auch geholfen werden. Übrigens – das muss man jetzt auch mal ganz deutlich sagen – je jünger die Menschen sind, desto besser sind die Ergebnisse in allen Bereichen.

Aber desto schwieriger ist wahrscheinlich die Entscheidung zu treffen, weil bei Kindern und Jugendlichen ja die sexuelle Identität oft noch nicht so richtig festgelegt ist. Das heißt der Wunsch nach einer Geschlechtsumwandlung könnte wieder verschwinden. Andererseits bleibt er bei vielen bestehen. Und wieso sollten die sich bis ins Erwachsenenalter damit herumquälen, im falschen Körper geboren zu sein? Und sie sagen auch selber: Desto älter die Leute werden, desto schwieriger wird die Umwandlung. Ein echter Konflikt. 

Natürlich ist das ein Konflikt, und der wird in der Wissenschaft sehr intensiv diskutiert im Moment. Wenn jemand mit 18 es will und wenn er mit Anfang 20 es wieder umkehren will, dann wird es schwierig. Also dieses Risiko besteht, dass vielleicht doch eine ganze Reihe von Falschen behandelt werden. Und das möchte man als Operateur nicht erleben. 

Ist eine Geschlechtsumwandlung umkehrbar, oder ist das gar nicht möglich?

Nein, es ist nicht umkehrbar. Also wenn Sie einen Penis abgeschnitten haben, dann ist er weg, und Sie werden nie mehr einen Penis irgendwie einsetzen können. Aber Sie können dann so etwas Ähnliches hinsetzen, so wie man es bei der Umwandlung einer Frau zum Mann ja auch macht. Da entnimmt man aus einer anderen Stelle des Körpers Gewebe, um das zu einem möglichst penisähnlichen Konstrukt zusammenzubasteln und an die Stelle eines Penis zu setzen. Wir nennen das dann Penoid.

Ohne Gutachten zu operieren geht nicht

Wenn ich richtig informiert bin, will die WHO in ihrer Klassifikation von Krankheiten Transsexualismus ab dem kommenden Jahr nicht mehr als psychiatrische Diagnose aufführen. Das wäre dann ein weiterer Schritt zur Entstigmatisierung, weil der Wunsch nach einer Geschlechtsumwandlung dann eben nicht mehr als Störung gesehen wird, die man therapieren müsste. Das könnte aber den Nebeneffekt haben, dass der Wunsch noch weniger hinterfragt wird.

Dazu gibt es sehr viel zu sagen. Als erstes müssen Sie sehen, dass diese Menschen in allen Bevölkerungsschichten vorkommen. Das ist ein ganz wichtiger Satz. Denn es gibt da hochintelligente Leute, die zwei, drei Studien gemacht haben und einen Irrsinns Beruf haben, zum Beispiel Richter am Verfassungsgericht. Aber es gibt natürlich auch die einfachen Menschen, die eher schlicht über diese Dinge informiert sind. Das ist leider ein Unterschied. Aber diejenigen, die sehr weit gekommen sind in unserer Gesellschaft, die setzen sich natürlich in ihrem Bereich immer dafür ein. Und dadurch sitzen in allen entscheidenden Gremien auch immer wieder Transgender-Leute – was ich vom Prinzip her ja richtig finde! Aber so wird der Druck immer weiter erhöht, dass man das Ganze völlig freimacht. Und da muss ich mich als Operateur natürlich dagegen aussprechen. Man kann nicht sagen, es ist keine Krankheit, sondern nur eine Veränderung, eine Variation des Lebens. Das reicht mir natürlich nicht, denn das kann man ja dann gar nicht so richtig beweisen. Das ist sehr, sehr schwierig. Es geht nicht, dass man ohne Gutachten operiert wird. Ich muss als Operateur sicher sein, dass ich den Richtigen operiere. 

Interessanterweise sieht angeblich auch ein Teil der Transgender-Community die Entwicklung kritisch und grenzt sich von "Trans-Trendern" ab. Das bedeutet ja, dass manche die Sichtbarkeit tatsächlich transidenter Menschen gefährdet sehen, angesichts der wachsenden Zahl von Menschen, die – um es jetzt mal provokant zu sagen – nur damit kokettieren.

Sie haben völlig recht, es ist so, dass die Community gespalten ist und dass es ein Transgender-Interesse gibt, was vielleicht vorgeschoben ist bei Menschen, denen das gar nicht richtig bewusst ist, dass es nicht richtig ist.

Und um auf die Erfolgsseite zu schauen: Kommen Menschen vielleicht auch Jahre später zu Ihnen und sagen: Danke! Endlich lebe ich in dem Körper, in dem ich immer leben wollte. Danke, dass Sie das möglich gemacht haben?

Quality of life ist der Begriff dafür. Die Frage ist, wie man das auch wissenschaftlich untersuchen kann, ob man Erfolg gehabt hat mit der ganzen Geschichte. Natürlich kann ich aus subjektiver Erfahrung sagen, dass ich sehr viele Patienten kenne, die mir noch viele, viele Jahre später schreiben und sich nochmal herzlich bedanken. Aber leider gibt es noch keine überregionalen Untersuchungen darüber und keine prospektiven Untersuchungen. Denn nur dann kann man ja wirklich objektiv zeigen, wie es um Erfolg oder Misserfolg steht. Wie viele OPs waren dann eben Misserfolge oder "So lala"-Erfolge? Das ist sehr schwer festzustellen. Das geht nur mit prospektiven Studien, die eine große Patienten-Anzahl erfordern.

Das Gespräch mit dem Chirurgen Jürgen Schaff können Sie in der kulturWelt nachhören.