Autor Norbert Niemann Kunst, die sich der Marktideologie widersetzt

Literatur, die sich gut verkaufen soll, ist das kulturelle Pendant zum politischen Populismus: voller Gefühl, Ressentiment und Kitsch. Deshalb brauchen Demokratien ein anderes Kunstverständnis. Ein Essay.

Von: Norbert Niemann

Stand: 10.11.2021

 Schriftzug "Spottbillig" an der Fassade eines Sonderpostenmarkts im nordrheinwestfälischen Mühlheim | Bild: picture alliance / Rupert Oberhäuser | Rupert Oberhäuser

Klar: Kunst und Kultur sind von elementarer Bedeutung für die Demokratie.
Aber stimmt das? Und: Welche Kunst und Kultur sind damit gemeint? Die Geschichte ist doch voller Beispiele, in denen beides nicht das Geringste mit Demokratie zu tun hat. Und es gibt jede Menge dezidiert demokratiefeindliche Kunst, von Ernst Jünger zum Beispiel oder Louis-Ferdinand Céline, so dass sich beinahe umgekehrt sagen ließe: Aufs Ganze gesehen sind Kunst und Kultur für die Demokratie unerheblich.

Es geht hier aber nicht um Kultur an sich, sondern um eine bestimmte kulturelle Praxis. Und die ist für das Funktionieren demokratischer Prozesse unerlässlich. Sie existiert nicht länger als die politische Praxis der Demokratie selbst. In ihr wird die Kunst nicht für fremde Zwecke vereinnahmt, in dieser Praxis ist Kunst allein ihrem Autonomieanspruch verpflichtet.
Aber kann sie das heutzutage noch? Worin überhaupt besteht dieser Autonomieanspruch? Und wozu genau braucht Demokratie dann Kunst?

Blablabla über Kreativität, Vielfalt, Bildung

Die gegenwärtigen Formen einer Instrumentalisierung von Kunst und Kultur sind noch relativ neu, ein Problembewusstsein diesbezüglich ist erst rudimentär vorhanden. Die Rede ist von Marktideologie, Neoliberalismus oder wie immer man nennen mag, was als "Ökonomisierung der Gesamtgesellschaft" und Umkehrung des Verhältnisses zwischen Gesellschaft und Wirtschaft beschrieben wird: Wirtschaft sei nicht länger der Gesellschaft, die Gesellschaft sei der Wirtschaft untergeordnet.

Was diese Umkehrung der Verhältnisse in Kunst und Kultur im Lauf der letzten Jahrzehnte angerichtet hat, darüber wird allerdings, im Widerspruch zur gern behaupteten Wichtigkeit der Kultur für die Demokratie, kaum diskutiert. Hier bleibt das meiste – um mit Greta Thunberg zu sprechen – ein Blablabla über Kreativität, Vielfalt, Bildung.

Die Transformation vom Sprachkunstwerk zur Ware Buch hat aus dem Literatur- einen Ramschbetrieb gemacht und die Idee gründlich ausgehöhlt, was Literatur ist oder sein könnte. Das Muster, nach dem die Transformation erfolgte, ist simpel: Warenformen richten sich nach Konsumbedürfnissen, und im Fall von Büchern sorgen zwei Kriterien für Verkaufserfolg: Identifikation und das Erzeugen von Gefühlen. Autorinnen und Autoren haben sie als kunsthandwerkende DienstleisterInnen zu erfüllen, um ihre Hausarbeitsprodukte loszuwerden.

Von künstlerischer Autonomie, die am Anfang meines Schriftstellerlebens durchaus noch geschätzt wurde, ist im literarischen Leben so nicht mehr viel übrig. Sie ist zwar keineswegs verschwunden – der Autonomieanspruch in der Kunst ist letztlich unzerstörbar – aber marginalisiert. Er wird von den kulturellen Institutionen nicht mehr adäquat präsentiert und repräsentiert.

Schluss mit Worthülsen, Kitsch und Emotionalisierung

Warum aber ist die ökonomische Instrumentalisierung der Kultur schlecht für die Demokratie?
Unsere Lebenswirklichkeiten verändern sich ständig. Literatur als Kunst versucht eine Sprache zu finden für eine immer aufs Neue fremd werdende Welt. Sie geht ihren komplexen Mehrdeutigkeiten nach, mittels ästhetischer Anverwandlung. Sie überwindet laufend unsere Sprachlosigkeit.

Identifikation und Emotionalisierung sind dazu das glatte Gegenprogramm: Sie bedienen, was an Lesarten und Worthülsen schon da ist, produzieren und reproduzieren Unterkomplexität, Ressentiment, Kitsch, sind das kulturelle Pendant zum politischen Populismus, den sie befördern.
Demokratie aber ist darauf angewiesen, dass das Gespräch über das, was wirklich ist und worauf es in dieser Wirklichkeit ankommt, nie aufhört. Dazu braucht sie eine Kultur, die sich gegen jede Form der Vereinnahmung zu Wehr setzt – auch gegen die durch die Marktideologie.

Norbert Niemann, 1961 in Niederbayern geboren, studierte Literatur, Musikwissenschaft und Geschichte. Der Schriftsteller lebt in Chieming am Chiemsee. Für seinen ersten Roman "Wie man’s nimmt" (Hanser, 1998) erhielt er den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Der Essay ist Teil unserer Reihe "Kultur & Demokratie“. Hans Platzgumer, Shida Bazyar und Norbert Niemann denken in drei exklusiven Essays für den Zündfunk über das Verhältnis von Demokratie und (Pop-)Kultur nach.