Interview mit Literatur-Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah "Was es heißt, ein Fremder zu sein"

Am 6. Dezember erhielt der tansanische Schriftsteller Abdulrazak Gurnah - wegen der Pandemie ausnahmsweise in London - seine Auszeichnung. Hierzulande herrschte Überraschung, als die Schwedische Akademie ihn zum Literatur-Nobelpreisträger 2021 kürte, kaum jemand kannte ihn, obwohl er zehn Romane geschrieben hat, fünf davon erschienen auf Deutsch, allesamt vergriffen. Zur Preisvergabe erschien jetzt die Neuauflage seines frühen Romans: "Das verlorene Paradies". Im exklusiven Interview redet Abdulrazak Gurnah über Heimweh, Fremdheit und den Umgang Europas mit Flüchtlingen.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 02.12.2021 12:15 Uhr

Am 6. Dezember wurde dem tansanischen Schriftsteller  Abdulrazak Gurnah in London die Literatur-Nobelpreis-Medaille überreicht | Bild: Nobelrpize.org / Photo: Hugh Fox

Sansibar, für viele ein Sehnsuchtsort: Weiße Palmenstrände, kristallklares Wasser, der Duft von Kaffee, Ingwer, Kardamom und Gewürznelken. Sansibar war der wichtigste Hafen im Indischen Ozean. Ein Ort, wo sich Händler den Monsunwinden unterordnend trafen und ansiedelten, Inder neben Persern, Arabern und Afrikanern. Bis im 19. Jahrhundert die Engländer und die Deutschen kamen und als Kolonialherren die Bevölkerung unterjochten und ausbeuteten. Wie kommen Menschen damit zurecht, im eigenen Land entwürdigt und misshandelt zu werden? Wie als Flüchtlinge in einem fremden Land? Wie überlebt man? Mit dieser menschlichen Tragödie setzt sich Literatur-Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah, 1948 in Sansibar geboren und mit 18 Jahren nach England ausgewandert, auseinander. Ein exklusives Interview im Vorfeld der Preisverleihung.

Cornelia Zetzsche: Ihre Romane spielen meist in Ostafrika, manchmal auch zwischen den Kontinenten, bestimmte Motive und Konstellationen kehren immer wieder: Ein Aufbruch ohne Ankunft, Verlassenheit, Transformation in einem historischen Rahmen. Kolonialismus, Rassismus, Identität. Was ist Ihr Lebensthema, Ihre Motivation zu schreiben?

Abdulrazak Gurnah: Mein Hauptanliegen ist vermutlich, über alles um uns herum zu schreiben, über alles, was wir sehen. Das kommt natürlich aus meiner Erfahrung. Ich schreibe über das, was ich kenne, was ich verstanden und erlebt habe und was man im Alltag eines gewöhnlichen Menschenlebens sieht; Dinge, über die gesprochen werden muss, Ungerechtigkeit, Grausamkeit, aber auch Wahrheit, Zuneigung und Freundlichkeit. Der Kontext ist offensichtlich sehr persönlich, es ist also ein begrenztes Thema, wenn Sie so wollen. Ich schreibe über Menschen, die reisen, die im Laufe der Jahrhunderte gereist sind, über Händler, Migranten, aber auch über ganz normale Menschen, die an einem Ort verwurzelt sind und nirgendwo hingehen.

Sie schreiben über Reisende, über ein Leben im Unterwegs. Inwiefern ist Ihre Biografie Ihr Material?

Es sind, sagen wir mal, Menschen auf der Durchreise. Sie kommen nicht an einem Ziel an und sagen, ok, hier bin ich endlich angekommen. Sie sind in einer Art Transit, wo sie innehalten, nachdenken und sich sammeln können. Das macht, denke ich, Displacement, Entwurzelung und Migration aus, es ist eine Reise, ein Unterwegssein, aber dazwischen gibt es eine Ankunft. Ob meine eigene Erfahrung dazu beiträgt? Gewiß. Und zugleich nein. Was ich schreibe, ist nicht nur meine Erfahrung. Millionen Menschen sind in dieser Lage, in unserer Zeit, in der Menschheitsgeschichte, zu allen Zeiten.

In Ihrem Roman "Paradise" von 1994 folgt die Hauptfigur, Yusuf, am Ende dem deutschen Heer. Im jüngsten Roman "After Lives" geht es wieder um einen jungen Mann als "Askari", als afrikanischen Soldaten der deutschen Kolonialherren. Immer geht es um Identität und eine Suche, als schrieben sie an einem Lebenstext.

Na ja, am Ende ist es ein und derselbe Autor, aber es gibt Unterschiede. Ich nehme einen bestimmten Blickwinkel ein, und andere Geschichten erzähle ich aus einer anderen Perspektive, an einem anderen Ort, so dass man sehen kann, was es heißt, ein Fremder zu sein. Würde man eine andere Art von Roman schreiben, der sich eher auf eine Handlung stützt, dann könnte man an einem Tag über einen römischen Kaiser schreiben, am nächsten über einen lateinamerikanischen Diktator. Aber wenn man nicht in diesem Genre schreibt, wenn man verschiedene Aspekte, Themen und Bedingungen einer Gesellschaft untersucht, an der man ein tiefes Interesse hat, dann ist das relativ begrenzt.

Die meiste Zeit Ihres Lebens, wohnen Sie in England, aber Ihr Fokus richtet sich noch immer auf Afrika. Warum?

Beide Orte sind lebendig und wirkmächtig; der eine, an dem man konkret lebt und der andere, an den die Phantasie ständig zurückkehrt. Es würde mich nicht wundern, wenn das bei vielen Menschen, die umhergezogen sind, so wäre, dass es ein Leben in der Imagination gibt, das stark und kraftvoll weitergeht, so wie dieses andere, praktische Leben Tag für Tag.

Sie kamen 1967, mit 18 Jahren, als Flüchtling nach Großbritannien. Sie haben in England mit dem Schreiben begonnen, auf Englisch, nicht in Ihrer Muttersprache Swahili. War das Schreiben eine Art Zuflucht für Sie?

Ja, das ist es nach einer Weile geworden. Tatsächlich hatte ich anfangs gar nicht die Absicht, professionell zu schreiben. Das war nur ein heimliches Gekritzel, um Dinge zu verstehen und zu durchdenken. Manchmal ist das hilfreich, auch wenn man kein Schriftsteller ist. Leute schreiben etwas auf, um ihre Gedanken und Sorgen zu entwirren. So fing es, glaube, ich an. Vieles davon waren traurige Dinge, die, bringt man sie zu Papier, weniger traurig schienen, so kam es mir vor.

Mit "diesen Dingen" meinen Sie die Einsamkeit? Wie nahm England Sie auf?

Ich hatte großes Heimweh, wie man es erwarten würde von einem 18-Jährigen, weit weg von zu Hause. Es war schwierig, wenig einladend, auch ein Gefühl, etwas zurückgelassen zu haben. Dazu kaum Geld, Armut. Das war nicht schwer zu verstehen, aber schwer zu akzeptieren. Feindseligkeit war jeden Tag spürbar, wie die Leute mit einem sprachen, in einem Laden, einem Postamt, im Bus, einfach der Ton, oder wie sie mich ansahen, feindselige Fragen stellten: "Warum gehst du nicht dahin, wo du herkommst". Oder sie riefen rassistische Pöbeleien auf der Straße. Im College kam ich ins Klassenzimmer und sah an der Tafel - von Studenten, nicht von kleinen Kindern - eine Zeichnung, die mich zeigen sollte, mit einem Knochen durch die Nase, darunter aggressives, rassistisches Gekritzel. Solche Vorfälle gab es jeden Tag.

1964 wurde die Volksrepublik Sansibar ausgerufen, eine blutige Revolution begann. Warum mussten Sie nach England fliehen?

Ich musste fliehen, weil es ein sehr gewalttätiges, autoritäres Land war und Menschen getötet, inhaftiert und junge Frauen zur Heirat gezwungen wurden. Frühere Lehrer von mir und Schulfreunde wurden in der Revolution getötet. Mein Onkel saß zwei Jahre im Gefängnis, und sein einziges Verbrechen war, dass er Polizist war, sonst nichts. Er interessierte sich nicht für Politik oder so etwas. Es gab diese schreckliche, autoritäre Demütigung und Misshandlung. Da denkt man mit 18: Ich muss hier raus. Das ist kein Ort, an dem ich mich irgendwie verwirklichen kann.

Das klingt ziemlich aktuell, wie ist Ihr Blick auf Europa, auf Europas Regierungen, angesichts der Flüchtlinge heute?  

Es ist unmenschlich. Ich weiß, was Deutschland bei der Aufnahme von vielen Tausenden syrischen Flüchtlingen getan hat, es ist also möglich human zu handeln. Aber mir scheint, viele europäische Länder haben die Fähigkeit verloren, sich in die Nöte anderer Menschen hineinzuversetzen, obwohl es noch gar nicht so lange her ist, dass viele Europäer selbst in dieser Lage waren. Ich denke, es ist möglich, menschlicher zu handeln. Es gibt mehr als genug für alle. Diese Leute kommen nicht mit leeren Händen. Viele leisten, gibt man ihnen die Chance, einen Beitrag, manchmal sogar einen enormen Beitrag, für die Gesellschaft, in die sie kommen, als Wissenschaftler, Fußballer, Bäcker, was auch immer. Es ist schwer verständlich, warum Regierungen und Medien diese inhumane Politik fortsetzen. Kaum nachvollziehbar, wie sich das Vereinigte Königreich verhält, obwohl die Ministerin, die das alles leitet, selbst ein Kind von Menschen ist, die vertrieben wurden und nach Großbritannien umsiedeln mussten.

Am 7. Dezember erscheint Ihr früher Roman "Das verlorene Paradies", neu aufgelegt bei Penguin, 1994 erstmals veröffentlicht, für den Booker-Preis nominiert. Was meint dieses Paradies? Ist es der Garten? Die Kindheit? Ist es mehr?

Ich wollte etwas von den vielen kleinen Gemeinschaften zeigen, die nebeneinander lebten, wenn auch nicht unbedingt friedlich, nicht ohne Reibung. Sie sprachen unterschiedliche Sprachen, hatten unterschiedliche kulturelle Vorstellungen, die sie aushandelten, so dass sie auf die eine oder andere Weise nebeneinander leben und sich voneinander unterscheiden konnten. Das wollte ich zeigen. Und dass die Ankunft des Kolonialismus ihnen eine Monokultur aufzwang, die besagte, von nun an steht ihr alle unter dieser Herrschaft und lernt alle, diese eine Sprache zu sprechen und diese Dinge zu tun. Das war vielleicht eine andere Art von Einheit, vielleicht der Beginn einer Nation, denn zuvor gab es keine Nation. Es waren verschiedene Gemeinschaften die nebeneinander lebten.

Einen ersten großen Riß in diesem Zusammenleben, gab es mit den deutschen Kolonisatoren.

Otto von Bismarck verteilt Afrika nach Gutsherrenart, Karikatur von 1885

Sehen Sie, die deutschen Exporteure des Kolonialismus in Ostafrika waren nie Händler. Es war immer eine militärische Operation, eine Invasion, die sehr grausam wurde, weil Menschen nicht von anderen übernommen werden wollen. Sie leisten früher oder später Widerstand und müssen früher oder später unterworfen werden. Und so war der deutsche Kolonialismus in verschiedenen Teilen Afrikas von großer Grausamkeit. Tausende Menschen wurden von den Deutschen getötet und anderweitig misshandelt. Dann kam der Krieg und tötete noch mehr, hunderttausende Menschen.

Der deutsche Kolonialismus begann mit Landraub und oktroyierten Gesetzen.

Es begann mit Hybris und Europas Gier und dem Gefühl, man könne sich das Land und die Leben anderer Menschen auf der ganzen Welt einfach so aneignen. Wenn man sich eine Weltkarte anschaut, stellt man fest, dass fast jeder Winkel der Welt von einer europäischen Nation beansprucht wurde. Diese Vorstellung von Überlegenheit und natürlich ihre technologische Fähigkeit, ließen sie die Macht an diesen Orten aufrechterhalten und überall auf der Welt abscheuliche Dinge tun. Kolonialismus ist ein Zwangssystem, das sagt, wir beherrschen dieses Gebiet. Wenn ihr das nicht wollt, werden wir euch einsperren, töten oder verarmen lassen, was auch immer. Und in der Zwischenzeit sollt ihr für uns arbeiten, damit wir Kaffee oder Baumwolle anbauen können, oder wir wollen, dass ihr in den Minen Gold schürft. Alles ist Zwang, dahinter steht Gewalt.

Europas Mächtige teilten Afrika in den berüchtigten Kongo-Konferenzen 1885 unter sich auf. Wo sehen Sie die Spuren des Kolonialismus heute?

Man sieht deutlich die Ungleichheit als Ergebnis des Kolonialismus, die Unfähigkeit von Volkswirtschaften, aus dem kolonialen System auszubrechen, weil sie verschuldet sind, weil sie von Rohstoffpreisen abhängen und es nicht schaffen, ihre Wirtschaftsentwicklung aufrechtzuerhalten. Wir sehen die endlosen Kriege, fast alle eine Folge der kolonialen Landkarten im Nahen Osten und in verschiedenen Teilen Afrikas. Wir sehen auch subtile Folgen, einschließlich der Menschen, die ihr Leben riskieren und das Mittelmeer überqueren.

Lesung mit Schauspieler Pierre Sanoussi-Bliss am 5. und 12. Dezember

Schauspieler Pierre Sanoussi-Bliss

Exklusiv und vor dem Erscheinungstermin des Hörbuchs "Das verlorene Paradies", gelesen von Schauspieler Pierre Sanoussi-Bliss, hören Sie Ausschnitte aus dem neu aufgelegten Roman von Literatur-Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah, in zwei Folgen in "radioTexte - Das offene Buch" auf Bayern 2. Das von Inge Leipold übersetzte Buch erscheint zeitgleich bei Penguin.

Mit freundlicher Genehmigung der Verlage Penguin Random House und Der Hörverlag können wir die Sendung bis 19. Dezember 2021 als kostenlosen Podcast anbieten.
Hier können Sie die Lesungen abonnieren.