Bayern 2


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Bayerische Biotope Die Tankstelle

Die Zeiten, da eine Tankstelle ausschließlich Benzin, Öl, Luft und Wasser fürs Auto anbot, sind längst vorbei. Mittlerweile ist sie ein kleines Versorgungszentrum. Auf dem Land ersetzt sie oft das Wirtshaus und den Lebensmittelladen. Und in der Stadt ist sie nachts die Rettung für alle, denen die Zigaretten und die Getränke ausgehen.

Stand: 20.03.2019 | Archiv

Die derzeit größte Tankstelle Europas liegt in Luxemburg. An der E25 / A3. Bei Berchem. Die Speditionen legen die Routen ihrer LKW mit Vorliebe durch das Großherzogtum. Auch die Deutschen, Franzosen, Holländer und Belgier aus dem Grenzgebiet tanken gern dort. Weil die Kraftstoffsteuer in Luxemburg so niedrig ist, zahlen sie für den Liter Benzin nicht viel mehr als einen Euro. Die Tankstelle in Berchem verkauft soviel Kraftstoff wie sonst keine auf der Welt. 260 Millionen Liter pro Jahr. Sie hat 51 Zapfsäulen. 27 für Pkw und 24 für Lkw. Es soll ja Menschen geben, die gern in Superlativen denken. Denen werden diese Zahlen imponieren.

Tankstellen in Deutschland

In Deutschland gab es Ende der 60er Jahre noch 48.000 Tankstellen. Nur gut ein Viertel davon ist übrig geblieben. Eine der kleinsten steht in Altenthann. Das liegt zwischen Wenzenbach und Rettenbach.

Fanny und Rainer Eltner in ihrer Altenthanner Tankstelle

Das Benzin, das hier aus der Zapfsäule fließt, scheint sich Zeit zu lassen. Im oberpfälzischen Altenthann herrscht keine Hektik. Der Ort hat um die 1000 Einwohner. Wenn einer dazukommt, wird auf der Straße ein Schild aufgestellt. Jüngster Fall: "Zum Stammhalter Saui". Ist das jetzt ein frischgeborenes Ferkel? Oder ein männlicher Säugling? Für Babyfüße sind die aufs Holzbrett gemalten Sohlen zu lang. Aber wie die Klauen eines Schweinchens sehen sie auch nicht aus. Was meint Frau Eltner? Die Eltners sind die Besitzer der Altenthanner Tankstelle. Und stehen abwechselnd an der Kasse. Er ohne Schuhe, sie mit. Frau Eltner weiß, wer sich hinter dem Stammhalter Saui verbirgt. Angeblich kann man von Frau Eltner sogar Dinge erfahren, die erst am nächsten Tag passieren…

"Die Leute erzählen mir halt einiges. Und ich geb meinen Senf dazu. Aber man muss aufpassen, was man weitererzählt. Und manches Gehörte muss man gleich wieder vergessen. Sonst kommt man in die Bredouille."

Fanny Eltner von der Altenthanner Tankstelle

"Die großen Tankstellen können wahrscheinlich nur überleben mit dem Shopgschäft. Das ist bei uns auf dem Land nicht so gravierend."

Rainer Eltner von der Altenthanner Tankstelle

Die Stammkundschaft

"Der Metzgerladen ist weg, Bäcker haben wir keinen mehr, ganz arm sind wir dran. Mit dem Herrn Eltner und der Frau Eltner, die immer gut gelaunt sind, kommen wir dagegen noch ins Gespräch. Das ist das Einzige, was wir momentan in Altenthann noch haben. Jetzt hab ich gehört, dass unser Wirtshaus zumacht in Altenthann. Dann haben wir auch kein Wirtshaus mehr. Müssen wir uns eben an die Tankstelle wenden."

Willibald Nichtl, Stammkunde der Altenthanner Tankstelle

Zu den Stammkunden der Altenthanner Tankstelle gehört auch der "Korea-Wirt". So heißt das Ausflugslokal im nahe gelegenen Otterbachtal. Zu seinem Namen soll es durch den Altenthanner Pfarrer gekommen sein. Der hat angeblich in einer Sonntagspredigt die Gläubigen vor dem Sündenpfuhl am Talgrund gewarnt. "Dort geht es zu wie in Korea…"

"Wenn wir die Tankstelle auch nicht mehr haben, dann komme ich nur mehr nach Altenthann, wenn ich auf den Friedhof muss. Dann können wir alle zusammen zusperren.  Dann können wir auf unsere Ortstafel nicht mehr 'Gemeinde Altenthann' draufschreiben, sondern 'Gemeinde Totendorf'!"

Koreawirt Bruno König, Stammkunde der Altenthanner Tankstelle

Nachts an der Tanke

Die Tankstelle in der Regensburger Frankenstraße

Während die Tankstelle der Eltners in Altenthann um 8 Uhr abends schließt, hat die Tankstelle in der Regensburger Frankenstraße immer offen. Es ist eine hellgrüne Tankstelle mit drei Buchstaben als Name. Hier kommen die Kunden rund um die Uhr.

"In der Nacht - vielleicht ist es auch wegen dem Zustand, also dem Gemütszustand so - da sind die Leute lockerer. Tagsüber kommen sie mir viel gestresster rüber. Die wollen dann immer so schnell wie möglich in die Tanke, so schnell wie möglich wieder raus, und am besten so schnell wie möglich zahlen. Und da ist es in der Nacht anders. Da hat man auch viele Smalltalks, und da lassen sich die Kunden Zeit. Das gefällt mir persönlich als Mitarbeiter besser, weil man auch mal sich austauschen kann und nicht nur immer zack zack zack."

Samer Seki vom Service

"Sonntags sind wir eigentlich wie eine Bäckerei in der Früh. Mittags dann wie ein Supermarkt. Also je nach Tageszeit. Und unter der Woche ist vorrangig Tankbetrieb. Beziehungsweise in der Früh das Frühstücksgeschäft. Da will jeder seinen Kaffee. Da kommen die Handwerker und nehmen einen Kaffee und Brötchen mit oder eine frische Butterbreze."

Roland Bender, Geschäftsführer

Tankstellen-Geschäftsführer Roland Bender

Roland Bender, der Geschäftsführer der Tankstelle in der Regensburger Frankenstraße, ist ein lässiger und gelassener Mann. Ihn scheint so schnell nichts aus der Ruhe zu bringen. Wird er nicht wenigstens nachts von düsteren Träumen geplagt? Von Kindern, die ihm seine - gefühlten - 200 Schokoriegel und 400 Zigarettenschachteln aus dem Laden klauen? Von Alkis, die im Delirium Batterien von Weinflaschen auf den Boden fallen lassen? Oder träumt er von vermummten Gangstern, die mit Maschinenpistolen in seine Tankstelle stürmen, an die Decke schießen und die Kasse plündern? Von bekifften Jugendlichen, die seine Schaufensterfront mit Graffitis vollsprayen und zwischen seinen Zapfsäulen ein Lagerfeuer machen? Oder, noch schlimmer, von einer Karawane von Elektroautos, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite einfahren in eine Öko-Ladestation, in einen gigantischen Solar-Carport, auf dessen Dach Heerscharen von Photovoltaik-Modulen sich von der strahlenden Sonne beglücken lassen?

"Bei manchen Dingen bin ich froh, dass ich schon so alt bin. Ich denke, dass dieser Kelch an mir vorbeigeht. Sicherlich kommen die erneuerbaren Energien, es wird mehr Elektroautos geben. Wobei Elektroautos sicher nicht die alleinige Zukunft haben werden. Hybrid wird sicherlich ein Thema sein, im Mix mit Benzin. Sicherlich Adblue. Man merkt, dass hier der Bedarf steigt…"

Roland Bender, Geschäftsführer

Die Tankstelle in der Regensburger Frankenstraße ist bisher von Unglücksfällen verschont geblieben. In Altenthann dagegen wurde schon einmal ein Raubüberfall versucht.

"Abends einmal, mein Mann war im Laden, Gottseidank nicht ich, da kam einer herein, vermummt und mit Baseballschläger in der Hand, und wollte Geld. Mein Mann, der gar nicht richtig verstanden hat, was der wollte, hat geschimpft: 'Hau ab, du Arschloch!' Und da hat der sich umgedreht und ist abgehauen. Also da haben wir Glück gehabt. Aber was man alles so liest - die Zeiten werden ja nicht gerade besser…"

Fanny Eltner von der Altenthanner Tankstelle


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