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Umweltfreundliche Verpackungen Tetra Pak oder Glasflasche, was ist nachhaltiger?

Ketchup aus der Glas- oder der Plastikflasche? Tomaten aus der Dose oder dem Tetra Pak? Welche Verpackungen sind umweltfreundlich?

Von: Alexander Dallmus

Stand: 16.04.2021 | Archiv

Ketchup - ökologischer in der Glas- oder Plastikflasche? | Bild: mauritius-images, Bearbeitung BR

Glas, Weißblech, Plastik oder Karton. Sie umhüllen unsere Lebensmittel und Getränke und sollen sie schützen. Am Ende bleibt Abfall oder die Wiederverwertung oder - bei Mehrweg - sogar die Wiederverwendung.

Bei einer Ökobilanz spielen ganz viele Faktoren eine Rolle. Gewicht, Transport und auch die Recyclingfähigkeit einer Verpackung. Keine einfache Rechnung in der Ökobilanz. 

Welche Verpackungen sind umweltfreundlich?

Wir mögen es einfach. Was gut oder böse ist, sollte möglichst klar und eindeutig sein. Was für den klassischen Western gilt, wünschen wir Verbraucher uns auch für den Einkauf im Supermarkt. Wenn klar definiert ist, was gut oder schlecht für die Umwelt ist, können wir uns wenigstens an der Kasse gezielt dafür oder dagegen entscheiden. Entweder, weil der günstige Preis uns verführt oder weil sich unser schlechtes Öko-Gewissen meldet.

Bei den Verpackungen, die unsere Lebensmittel und Getränke schützen, ist es aber nicht immer so eindeutig, welches Material in der Ökobilanz die Nase vorn hat. Glas, Blechkonserven, Plastik oder doch der Karton aus Verbundstoff? Klar, am Ende bleibt immer Abfall und genau den gilt es zu vermeiden. Aber es ist auch wichtig mit einzubeziehen, ob ein Material wiederverwendet oder nur weiterverwertet werden kann. 

Warum die Ökobilanz von Verpackungen nur schwer zu ermitteln ist

Wissenschaftler wie Benedikt Kauertz haben es nicht leicht. Der Produktexperte des namhaften Heidelberger Instituts für Energie und Umweltforschung (IFEU) bilanziert nach bestem Wissen und Gewissen die Nachhaltigkeit von Verpackungen für die Industrie und am Ende fallen die Konkurrenz oder Umweltverbände über seine Studien her, weil sie nicht so ausfallen wie gewünscht. Das war auch 2019 so, als die Schlagzeile "Frischmilch im Karton besser als in Pfandflaschen" für Aufsehen sorgte.

Dass die Studie, im Detail, auch anders betrachtet werden konnte, zum Beispiel, dass bei einem Ausbau des regionalen Mehrwegsystems für Milch, zukünftige Ergebnisse auch möglicherweise entsprechend anders ausfallen, blieb dabei auf der Strecke. Die Politik wünscht sich Ökobilanzen, beispielsweise für Getränkeverpackungen, damit die Verbraucher vergleichen können, lässt diese aber Hersteller oder Industrieverbände in Auftrag geben. Das stellt wiederum Experten wie Benedikt Kauertz vor ein Problem, schließlich lebt die Bilanz vom Vergleich: "Wenn ich einen Getränkekarton bilanziere, dann geben mir die Getränkekartonhersteller und -Abfüller gerne ihre Daten, weil die haben hier ein Interesse daran, dass ihr Produkt bilanziert wird. Ich möchte aber auch das Referenzsystem, in dem Falle beispielsweise eine Milchflasche oder eine Saftflasche mitbilanzieren. Die sind natürlich nicht in dem Verband integriert, die Getränkekartons herstellen. Und die sagen dann an einer Stelle 'Nein, ich habe keine Lust auf die Ökobilanz'. Ja, und dann müssen sie sich irgendwie die Daten auf anderem Wege besorgen."

Genau das macht eine Ökobilanz bei Verpackungen, selbst wenn sehr strenge wissenschaftliche Maßstäbe angelegt werden, so aufwändig und zugleich auch angreifbar. Gewicht, Distribution und andere Parameter, die für eine Ökobilanz entscheidend sind, bekommt man vielleicht noch relativ einfach. Andere Informationen, wie Prozessdaten der Hersteller oder Abfüllorte (bei Saft) und so weiter, sind dagegen schon schwieriger zu beschaffen. Solange Ökobilanzierungen in die Verantwortung der Wirtschaftsbeteiligten delegiert werden, wird sich diese Diskrepanz am Ende einer Studie kaum auflösen lassen.

"Was man eigentlich bräuchte, wäre eine völlig ergebnisoffene, von der Politik forcierte Multi-Client-Studie, wo tatsächlich alle ihre Daten reinbringen und reingeben, aber auch da werden Sie immer noch Leute haben, die mauern, weil sie denken, ich kann in dem Prozess nichts gewinnen."

Benedikt Kauertz, Produktexperte des Heidelberger Instituts für Energie und Umweltforschung (IFEU)

Ist Mehrweg wirklich immer besser?

"Wenn man aus der Region kauft, dann ist Mehrweg in der Regel besser als Einweg. Natürlich muss man dann auch immer auf das jeweilige Einwegsystem schauen. Es gibt auch da bessere und schlechtere." Mit den "schlechteren Einwegsystemen", meint Gerhard Kotschik vom Umweltbundesamt (UBA), aber eher Café-To-Go-Becher. Wie es sich mit Einwegflaschen verhält, die zu einem bestimmten Prozentsatz aus Rezyklat hergestellt und mit regionalem Mineralwasser befüllt wurden, steht auf einem ganz anderen Blatt. Im zweiten Schritt der Nachhaltigkeitsfrage geht es dann eher um Fragestellungen wie Lebensmittelechtheit.  

Für Thomas Fischer, Kreislaufexperte der Deutschen Umwelthilfe (DUH), steht bei Mehrweg ganz klar im Vordergrund:

"Das stärkt nicht nur regionale Wirtschaftskreisläufe, sondern tut eben der Umwelt auch etwas Gutes, indem Verpackungen so oft wie möglich wiederverwendet werden. Das Spülen und die Logistik einer Mehrwegflasche ist insgesamt umweltfreundlicher als jedes Mal neu zu produzieren."

Thomas Fischer, Kreislaufexperte der Deutschen Umwelthilfe (DUH)

Allerdings ist in Deutschland, mit dem weltweit größten Mehrwegsystem der Welt, die Mehrwegquote in den letzten Jahren immer mehr gesunken. Zuletzt stagnierte sie bei insgesamt etwas über 40 Prozent (2018: 41,2%). Bier hat immer noch den größten Anteil mit fast 80% Mehrwegflaschen, bei Mineralwässern dümpelt die Quote bei etwas über 38 Prozent. Also weit entfernt von den anvisierten 70 Prozent, wie im Verpackungsgesetz von 2019 als Zielmarke festgeschrieben.

Welche Flaschen sind Einweg - welche Mehrweg?

Viele Verbraucher können zwischen Pfand- und Mehrwegsystem sowieso nicht klar unterscheiden. Für viele sind eben auch PET-Einwegflaschen, die gegen Pfand an Rückgabeautomaten eingeworfen werden können, Teil des Mehrwegsystems. Mit dafür verantwortlich sind die großen Discounter, wie Aldi oder Lidl, die den Markt der Mineralwässer in Deutschland mittlerweile bis zu 60 Prozent unter sich aufgeteilt haben. Ein Mehrwegsystem gibt es hier nicht. Dafür Dumpingpreise. Für 19 Cent und weniger ist die 1,5-Liter-PET-Mineralwasserflasche teilweise zu haben. Kein Wunder, dass eine Zwangsabgabe auf Einweg-Flaschen vehement bekämpft wird. Bei 20 Cent, die der Verbraucher beim Kauf jeder Einwegflasche dann extra zahlen müsste und eben nicht mehr zurückbekäme, würde sich der Preis pro Flasche Mineralwasser schlagartig mehr als verdoppeln.

Aber auch die Discounter haben in Sachen Einsatz von Recyclaten bei der Herstellung und regionaler Abfüllung dazugelernt. Gerade auf regionaler Ebene ist bei Mehrweg eine gute Umlaufquote unabdingbar, um in Sachen Ökobilanz mit der regionalen Einweg-Konkurrenz mithalten zu können. Immerhin sollen ab 2022 nach und nach die letzten Pfandlücken auf Einwegflaschen geschlossen werden. 44.0000 Tonnen Plastikflaschen jährlich waren bislang nämlich ausgenommen, wie zum Beispiel Fruchtsäfte (und zwar nur die ohne Kohlensäure) oder alkoholische Mischgetränke. Außerdem müssen ab 2025 PET-Einwegflaschen für Getränke mindestens zu 25 Prozent aus recyceltem Kunststoff bestehen. 2030 steigt dieser sogenannte Mindestrezyklat-Anteil auf 30 Prozent und gilt dann außerdem für sämtliche Flaschen aus Einwegkunststoff.

Milchprodukte in Mehrweg - ein erfolgreiches Beispiel aus Franken

Auch wenn die Pfandpflicht ab 2022 auf deutlich mehr Getränkeflaschen und -dosen ausgeweitet werden soll, für Milch und Milcherzeugnisse gibt es eine Ausnahme. Für diese Produkte greift die Pfandpflicht erst ab dem Jahr 2024. Dabei gibt es gerade in diesem Segment bereits einige Anbieter, die neben Getränkekartons auch Mehrwegflaschen und -gläser anbieten.

So verkauft der Discounter Netto seit 2019 in weiten Teilen Süddeutschlands regional erzeugte Milch in Mehrweg-Glasflaschen. In Nordbayern und Osthessen vorzugsweise die Marke "Frankenland", in weit über 100 Filialen zwischen Stuttgart und Bodensee dagegen Mehrwegflaschen der Schwarzwaldmilch, einem Anbieter aus Freiburg im Breisgau.

Die Skepsis der Verbraucher gegenüber Kunststoff beflügelt gerade bei Milch das Mehrweg-Glasflaschengeschäft. Auch in Österreich bieten die dortige REWE-Group und SPAR-Märkte seit 2020 Milchprodukte in Mehrweg-Pfandflaschen an, und zwar nachdem erste Versuche mit Einweg-Glasflaschen überraschend erfolgreich verlaufen sind. Auch der Preis scheint viele Österreicher nicht zu schrecken, kostet doch der Liter Bio-Milch in der Mehrweg-Glasflasche 40 Cent mehr als im Getränkekarton. 

Die Bayerische Milchindustrie eG (BMI), eine Zentralgenossenschaft in der Hand von Molkereien und Landwirten, mit den Standorten Würzburg (Unterfranken), Zapfendorf (Oberfranken) und dem niederbayerischen Landshut, bietet ebenfalls ihre Milchprodukte regional im Mehrwegglas an.  Eher bekannt durch die Marken "Frankenland", "Thüringer Land" oder "Paladin". Der Rohstoff für die gesamte Produktion stammt überwiegend aus dem umliegenden Einzugsgebiet. Bei größeren Entfernungen verwässert das höhere Gewicht beim Transport die Ökobilanz von Milch-Glasflaschen. Schließlich muss Mehrweg immer erst hin- und dann auch wieder zurücktransportiert werden.

"Einerseits ist es natürlich immer eine Herausforderung, nicht überall vorhanden zu sein, wo man vielleicht gerne wäre. Andererseits, wenn man sich ein Regionalkonzept gibt und das ernst nimmt, dann muss man das auch entsprechend durchziehen und nicht seine Produkte quer durch die Republik liefern."

Michael Roucka, Bayerische Milchindustrie eG (BMI)

Die Philosophie des Unternehmens ist für Michael Roucka auch eine Verpflichtung gegenüber den Eigentümern, also den Landwirten und Erzeugern, entsprechende Standards zu schaffen: "Und diese Standards, die wir intern mit unseren Landwirten absprechen und anpeilen, wollen wir natürlich auch dem Endverbraucher glaubhaft vermitteln. Unsere DNA. Was wollen wir, wohinter stehen wir. Wir wollen verantwortungsvolle Landwirtschaft."

Alternative Unverpackt-Läden

Dass ein Mehrweg-Pfandsystem im Kleinen bereits ganz gut angenommen wird, darauf hat uns Podcast-Hörerin Franziska aus Frankfurt-Oberrad in Hessen aufmerksam gemacht. In den vielen Unverpackt-Läden, die es über ganz Deutschland verteilt gibt, werden verschiedene Produkte bereits in Mehrweggläsern angeboten. Zum Beispiel auch passierte Tomaten im Joghurtglas oder Ketchup in der Sahneflasche. Auch hier, sagt Gregor Witt von „Unverpackt e.V.“ wird sehr viel Wert auf kurze Transportwege und Regionalität gelegt:

"Das Joghurtglas zählt ganz klar zu den Pool-Lösungen, das heißt unser Abfüller kauft die Joghurtgläser aus einem großen Pool auf. Und wir geben die Joghurtgläser regional dann wieder in den Pool zurück, wo sie dann zentral gereinigt und dem Handel im Pool zur Verfügung gestellt werden."

Gregor Witt von 'Unverpackt e.V.'

Schließlich hat nicht jeder Abfüller die entsprechenden Reinigungsstraßen, die es dafür braucht. Laut "Unverpackt e.V." ist die Nachfrage nach Mehrweg stark angestiegen.

Auch in Alnatura-Märkten werden seit 2020 über die Marke "Pfandwerk", verschiedene Produkte wie Ketchup, Linsen oder auch Reis im Mehrwegglas verkauft. "Pfandwerk" wurde vom Erlanger Großhändler und Produzenten für unverpackte Lebensmittel Bananeira entwickelt. In den Produktionsstätten in Erlangen arbeitet das Unternehmen mit einer Förderwerkstatt zusammen.

Wie umweltfreundlich ist Tetra Pak?

Immer wieder in der Diskussion sind die so genannten Getränke- und Lebensmittelkartons. Am bekanntesten dürften dabei die Produkte des Schweizer Unternehmens Tetra Pak sein. Vor allem mit Saft und Milchverpackungen kam der Durchbruch. Der Verpackungskörper besteht zu einem Großteil aus Papierfasern. Hülle und Deckel sind aus Kunststoff und auch Aluminium ist Teil der Beschichtung. Die Hersteller werben vor allem damit, dass die verwendeten Papierfasern sehr lang sind und sich daher gut für das spätere Recycling eignen. Zudem, und das bestätigt auch Produktforscher Benedikt Kauertz vom IFEU-Institut in Heidelberg, stammen die Papierfasern der Getränkekartons meist aus der skandinavischen Forstwirtschaft: "Die haben diese kompletten FSC Zertifizierungen drauf. Da ist auch viel passiert in den letzten Jahren und das führt dazu, dass wir da eigentlich eine relativ ordentliche Umweltperformance haben."

Vor allem bei der Deutschen Umwelthilfe (DUH) sieht das Kreislaufexperte Thomas Fischer ganz anders.

"Es gibt eine zunehmende Plastifizierung des Getränkekartons. Riesige Verschlusskappen, ganze Oberteile aus Kunststoff. Und am Ende ist es auch eine sehr komplizierte, schlecht zur recycelnde Verbundverpackung aus sieben oder mehr übereinander gelegten Schichten, Aluminium, PE-Folie und Papierfasern."

Thomas Fischer, Kreislaufexperte der Deutschen Umwelthilfe (DUH

Alles Quatsch, meint dagegen Michael Kleene, Geschäftsführer vom Fachverband Kartonverpackungen für flüssige Nahrungsmittel e. V. (FKN). Der Verband wird maßgeblich getragen von den drei Marktführern Tetra Pak, SIG Combibloc und Elopak, die zusammen etwa 95 Prozent aller in Deutschland genutzten Getränkekarton-Verpackungen produzieren. Dort sieht man sich schon seit Jahren ungerechtfertigt in der Kritik:

"Die Papierfasern aus dem Verbund herauszulösen ist technisch nicht aufwendiger als eine Zeitung zu recyceln. Man braucht dazu keine Chemie, nur etwas mehr Zeit. Genauso wenig ist es ein technisches Problem, die Folienreste aus Kunststoff und Aluminium zu recyceln. Alle Unternehmen, die sich daran bislang versucht haben, sind allerdings über kurz oder lang an wirtschaftlichen Fragen gescheitert."

Michael Kleene, Geschäftsführer vom Fachverband Kartonverpackungen für flüssige Nahrungsmittel e. V. (FKN)

Deshalb hat man über das Tochter-Unternehmen Palurec auch acht Millionen Euro in eine neue Recyclinganlage speziell für Getränkekartons investiert, die nahe Köln noch im Frühjahr 2021 in Betrieb gehen soll. "Das hätten wir nicht gemacht, wenn wir nicht überzeugt wären, dass wir diesmal eine technische und wirtschaftlich tragfähige Lösung haben."

Nach Angaben des FKN liegt die Recyclingfähigkeit des Getränkekartons derzeit noch bei etwa 70 Prozent. Mit der neuen Anlage soll diese sogar über 95 Prozent steigen. Zahlen, die bei der DUH stark bezweifelt werden. Das kommt daher, dass sich diese Quoten lediglich auf die korrekt entsorgten Getränkekartons beziehen. Tatsächlich noch eine Schwachstelle bei der Wiederverwertung, weil viele Verbraucher Getränke- und auch Lebensmittelkartons nicht im gelben Sack entsorgen, sondern oft - fälschlicherweise - in den Restmüll geben. Damit sind die Verpackungen natürlich raus aus dem Kreislauf und können auch mit noch so guter Technik nicht mehr aufgearbeitet werden. Wie viel Prozent diese Fehlwürfe ausmachen, ist ebenfalls umstritten.

Ebenfalls in der Diskussion sind Brutto- und Nettorechnungen bei Recycling von Getränkekartons. Schließlich wiegen laut DUH auch Flüssigkeitsreste oder Fremdstoffe schwer, wenn man vor dem Prozess wiegt. In der oben genannten Studie des Heidelberger IFEU-Instituts sind jedoch alle nicht recycelten Bestandteile herausgerechnet worden. Deckel genauso wie die Beschichtungen landen beispielsweise derzeit als Brennstoff in der Zementindustrie. In der neuen Anlage können diese nach Angaben des FKM aber genauso wie die anderen Bestandteile des Getränkekartons recycelt werden. Ganz egal, wie man zu Verbundverpackungen steht - was sie auszeichnet, ist der leichte Aufbau: "Wer einfach ein gutes Verhältnis zwischen Füllgut und Verpackungs-Aufwendungen hat, der steht in der Ökobilanz auch meistens relativ gut da", sagt Benedikt Kauertz vom IFEU-Institut.

Ketchup aus der Plastik- oder Glasflasche, was ist nachhaltiger?

Viele Verbraucher stellen sich vor dem Supermarktregal die Frage: Kaufe ich Ketchup in der Plastikflasche oder ist es nachhaltiger, die Einweg-Glasflasche zu nehmen? Passierte Tomaten im Lebensmittelkarton oder in der Weißblechdose? Oder ist Glas nicht doch besser? Hier ist die Frage im Sinne der Ökobilanz schon eindeutiger zu beantworten.

Tatsächlich macht es nur bei Weißblechdosen und Glas in der Einwegflasche keinen großen Unterschied, was man kauft. Beides ist sehr energieintensiv in der Herstellung und auch im Recycling, nur um einmal benutzt zu werden. Die Einweg-Kunststoffflasche dürfte hier in der Ökobilanz dagegen schon deutlich besser abschneiden:

"Es wird weniger Material benötigt. Es ist leichter im Transport, und das wirkt sich dann normalerweise schon aus. Glasverpackungen benötigen sehr viel Energie für die Herstellung, weil die beim Schmelzprozess von Glas sehr hoch ist."

Gerhard Kotschik, Umweltbundesamt (UBA

Auch wenn es angesichts von Debatten zur Plastikvermeidung fast irre scheint: Eine Einweg-Plastik-Ketchup-Flasche kann in diesem Fall eine bessere Umweltbilanz vorweisen als eine vergleichbare Glasflasche. "Natürlich bilanzieren wir es, wenn ein Kunststoff produziert wird, dass das Rohöl zum Beispiel aus dem Nahen Osten kommt und in Europa in den Raffinerien verarbeitet wird", erklärt Benedikt Kauertz vom IFEU-Institut in Heidelberg, "da haben wir natürlich die große Wertschöpfungskette dahinter. Aber die hat in der Regel nicht den großen Einfluss, der ihr zugewiesen wird." Das ist kein Plädoyer für Einwegplastik, sondern die nüchterne Einbeziehung von etwa 1.000 Datensätzen und mehr, die es braucht, um eine Ökobilanz zu erstellen.

Und auch wenn es Möglichkeiten der Weiterverwendung von Einmal-Glasbehältnissen im Haushalt gibt: Erstens, so viel Marmelade lässt sich gar nicht einkochen, wie Einweg-Gläser mit der Zeit anfallen und im Keller verstauben. Zweitens, wenn das alle konsequent machen würden, gäbe es kein Glasrecycling.

Wie umweltfreundlich sind Konserven als Verpackung?

Auch mit viel gutem Willen, können Verbraucher bei den Konserven von Rote Bete bis Essiggurken, kaum erkennen, ob ein Produkt aus der Region stammt und - ganz im Sinne der Nachhaltigkeit - auch regional abgefüllt worden ist oder nicht. Bei Milch oder auch Bier geht das, bei Konserven kaum. Das liegt daran, dass es keine Verpflichtung gibt, bei verarbeiteten Lebensmitteln (und dazu zählen Konserven) auch das Ursprungsland der Produkte oder gar Zutaten auf die Verpackung zu schreiben. Nur bei Bio-Konserven muss ersichtlich sein, ob das, was drin ist, zumindest aus der EU-Landwirtschaft stammt oder nicht. Gilt für das Produkt oder die Zutaten beides, reicht es sogar "EU-/Nicht-EU-Landwirtschaft" als Herkunft hinzuschreiben. Mehr Intransparenz geht kaum.

Mittlerweile schreibt eine EU-Verordnung zumindest vor, dass bei primären Zutaten die Herkunft ersichtlich sein muss, wenn sie entweder mehr als die Hälfte ausmachen, oder wenn wir diese Zutaten direkt mit dem Produkt verbinden. Für ein Aufback-Butter-Croissant aus der Kühltheke müsste der Verbraucher also erfahren können, woher Weizenmehl und Butter stammen. Kommen die Tomaten des italienischen Herstellers eigentlich mehrheitlich aus China, lesen wir im Kleingedruckten immerhin: "Nicht-EU".

Interessant ist gerade bei Konserven im Supermarkt, ob sich nicht wenigstens bei einigen Produkten ein Standard-Mehrwegglas einführen ließe. "Technisch ist das umsetzbar und die Infrastruktur zur Rücknahme dieser Verpackung ist ja schon da, weil die Pfand-Rücknahmeautomaten auch solche Gläser zurücknehmen würden", sagt Thomas Fischer von der DUH, "dafür ist nur eine einfache Softwareumstellung notwendig." Die Herausforderungen in diesem Bereich sind aber ähnlich wie bei Milchprodukten: Die Hersteller und die Händler müssen sich beispielsweise auf Standardgläser einigen, die dann eingeführt werden. Die Produktpalette dürfte sich verkleinern und nur bei einer hohen Umlaufquote lohnt sich das finanzielle Risiko für regionale Abfüller, ohne die die Nachhaltigkeit von Konserven-Mehrweggläsern sowieso fragwürdig wäre.

Warum ist Glas besser als Plastik? Stichwort Lebensmittelechtheit

Die Nachhaltigkeit bei Einweg und Mehrweg, Karton oder Plastik bis ins letzte Detail zu bestimmen ist kompliziert. Eine Ökobilanz wird von ganz unterschiedlichen Stellschrauben beeinflusst - das Verpackungsgewicht ist eine davon. Aber eben auch die Regionalität der Wertschöpfungskette. Und bei Mehrweg die Umlaufhäufigkeit, die das System rentabel und nachhaltig vorteilhaft werden lässt. Es sind aber auch ganz simple Kaufentscheidungen, die alles mit beeinflussen: Kaufe ich meine Getränke zusammen mit andere Dingen ein, kaufe ich immer bedarfsgerecht und achte ich darauf, keine Lebensmittel zu verschwenden?

Und auch das gute Gefühl ist wichtig. Ökobilanz hin oder her. Viele Verbraucher entscheiden sich auch für Glas, weil es keine Wechselwirkung mit dem Füllgut eingeht. Das bedeutet größtmöglichen Produktschutz. In dieser Hinsicht ist Glas den Kunststoffen und Verbundstoffen einfach überlegen. Insbesondere dann, wenn es um Lebensmittel geht, die relativ lange in der Verpackung verbleiben.

Quellen:

Fachverband Verfahrenstechnische Maschinen und Apparate: Information der Getränkeindustrie zu Abfüllprozessen

Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit: Was sind Lebensmittelkontaktmaterialien?

Podcast "Besser leben. Nachhaltig im Alltag mit dem Umweltkommissar"

Alle Episoden zum Nachhören oder auch den Podcast im Abo gibt's jederzeit und kostenlos im BR-Podcast Center, bei iTunes, Spotify und der ARD Audiothek. Alle Folgen zum Nachlesen finden Sie auf der Übersichtsseite "Besser leben. Nachhaltig im Alltag mit dem Umweltkommissar".

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