Bayern 1 - Experten-Tipps


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Wickeln Stoff oder Einweg - welche Windeln sind umweltfreundlicher?

Tausende Tonnen volle Wegwerfwindeln landen jedes Jahr im Restmüll. Ob Mehrwegwindeln aus Stoff viel besser sind, ist nicht einfach zu beantworten. Die Studienlage: "windelweich" und veraltet.

Von: Kathrin Kolb

Stand: 19.10.2021 | Archiv

Mann wechselt Baby die Windeln | Bild: mauritius-images

Wenn man sich mit seinem Neugeborenen Zuhause eingewöhnt und die ersten schweren Windelsäcke zur Mülltonne geschleppt hat, stellen sich viele Eltern die Frage: Doch lieber Stoffwindeln? Schließlich dürften die doch nachhaltiger sein, wenn auch vielleicht ein bisschen unpraktisch - soweit die landläufige Meinung.

Stoffwindeln oder Einwegwindeln - was ist besser für die Umwelt?

Ob jetzt Wegwerf- oder tatsächlich Stoffwindeln besser für die Umwelt sind, lässt sich gar nicht so einfach beantworten. Die neuesten Studien zu dem Thema sind über 13 Jahre her. Mal liegt die Wegwerfwindel in der Ökobilanz leicht vorne, mal die Stoffwindel. Schon damals gab es allerdings Kritik an den jeweiligen Annahmen der Wissenschaftler. Mittlerweile ist die Aussagekraft der Studien allein deswegen begrenzt, weil sich bei der Waschmaschinen-Technik viel getan hat. Gleiches gilt auch für die Wegwerfwindeln, die zum Beispiel immer leichter geworden sind.

Warum sind Einwegwindeln ökologisch problematisch?

Überall zu bekommen, schnell gewechselt und ohne Sauerei entsorgt: Einwegwindeln haben durchaus viele Vorteile. Sie sind inzwischen ein hochkomplexes Produkt aus einer Vielzahl an Kunststoffen, wie Polypropylen, Polyethylen, Polyester, Elastan und Klebemitteln. Der Saugkern besteht in der Regel aus Zellulose und dem sogenannten "Superabsorber", also einem speziellen Kunststoff-Pulver, das ein Vielfaches seines Eigengewichts an Flüssigkeit aufsaugen kann.

Zahlen und Fakten rund um die Windeln

  • In Deutschland kommen jedes Jahr rund 700.000 Kinder auf die Welt. Fast alle (95 Prozent) tragen laut Bundesumweltministerium Einwegwindeln.
  • Jedes Kind wird im Schnitt 5.000 mal gewickelt, bevor es trocken ist.
  • Jedes Jahr werden in Deutschland rund 3,6 Milliarden Einwegwindeln weggeworfen. Das bedeutet, grob überschlagen, bis ein Kind trocken ist, produziert es etwa eine Tonne Müll, die in der Restmülltonne landet und schließlich verbrannt wird.

Sind Öko-Einwegwindeln besser für die Umwelt?

Von fast jeder Marke gibt es inzwischen auch sogenannte "Öko-Windeln". Von denen versprechen sich die Eltern natürlich insgesamt eine bessere Umweltbilanz und bezahlen dafür auch einen höheren Preis. Einige Hersteller machen es sich aber gar zu leicht. Deswegen unser Tipp: Lesen Sie die Infos auf der Verpackung gut durch, oft wird nur ein kleiner Teil der Windel aus umweltfreundlichen Materialien gefertigt, sonst bleibt alles beim Alten. Wirklich nachhaltige Produkte ersetzen zum Beispiel den oben erwähnten Superabsorber durch Mais- oder Kartoffelstärke, verwenden möglichst natürliche, ungebleichte Materialen aus nachhaltigem Anbau und punkten mit einer CO2-neutralen Fertigung. Orientieren kann man sich auch am "Blauen Engel". Windeln mit diesem Umweltsiegel enthalten Zellstoff aus nachhaltiger Forstwirtschaft, sind schadstoffgeprüft und es sind keine Lotionen, Duftstoffe und Geruchsbinder enthalten, um das Risiko für Allergien klein zu halten.

Wichtig: Es gibt keine klare, einheitliche Definition, wann sich eine Windel "öko" nennen darf. Am Ende bleiben auch sie Wegwerfprodukte, die in die Restmülltonne gehören.

Hör-Tipp: Wie umweltfreundlich ist Recyclingpapier wirklich? Hier die Folge unseres Nachhaltigkeits-Podcasts "Besser leben" zum Thema "Recyclingpapier" anhören. Und gerne den Podcast abonnieren :-)

Was spricht für Stoffwindeln?

Angesichts der Windelberge und des zunehmenden Plastikmülls werden Stoffwindeln für immer mehr Eltern interessant. Wer jetzt bei Stoffwindeln an umständlich gefaltete Tücher denkt, ist im wahrsten Sinne des Wortes "falsch gewickelt". Es gibt inzwischen viele praktische Systeme, bei denen das Wickeln ähnlich schnell geht wie bei konventionellen Windeln. Allerdings hat man durch das Waschen und Trocknen natürlich insgesamt mehr Arbeit. Zu Beginn ist zudem die schiere Anzahl der verschiedenen Stoffwindel-Systeme verwirrend.

Hier können Stoffwindel-Berater und -Beraterinnen helfen. Es gibt sie derzeit noch vor allem in den größeren Städten, aber auch auf dem Land tut sich einiges: Weil es im Allgäu kaum Anlaufstellen gab, haben zum Beispiel Andrea Riedler und Franziska Barnsteiner ihr eigenes Geschäft gegründet: Das "Stofffiedle-Allgäu". Dort gibt es auch Miet-Pakete, mit denen man das Wickeln mit Stoff einfach mal ausprobieren kann.

Warum das Waschen bei Stoffwindeln über ökologisch oder nicht entscheidet

Kommen wir zum Waschen: Dafür empfiehlt der Bund Naturschutz den 60 Grad-Waschgang und ein umweltschonendes Waschmittel. Im Schnitt werfen Eltern, die mit Stoffwindeln wickeln, die Waschmaschine alle drei Tage an. In der Zwischenzeit werden die grob gesäuberten Windeln (der feste Stuhlgang wird zusammen mit einem Windelvlies in den Restmüll geworfen) in einem weitgehend geruchsneutralen Wetbag gesammelt.

Tipp: Je weniger synthetische Fasern verarbeitet sind, zum Beispiel im Nässeschutz der Stoffwindel, desto weniger Mikroplastik wird beim Waschen ins Abwasser gespült.

Knackpunkt für die Umweltbilanz bei Stoffwindeln ist der Einsatz von Trocknern, sagt Oliver Salmen, Initiator von deine-stoffwindel.com: "Wenn man den Trockner dauerhaft als Standard verwendet, kann man die Ökobilanz der Stoffwindel ziemlich versauen." Wer in seiner Wohnung keinen Platz für eine Wäscheleine hat, für den kann es sich lohnen, einen Windelservice in Anspruch zu nehmen, so Salmen weiter. Trockner ohne Wärmepumpe verbrauchen häufig doppelt, manchmal sogar dreifach so viel Strom wie Wäschetrockner mit Wärmepumpe.

Was ist billiger - Stoffwindeln oder Einwegwindeln?

Kinder brauchen, bis sie trocken sind, rund 5.000 Windeln. Wenn man von einem Preis von 20 Cent ausgeht, sind das mindestens 1.000 Euro. Dazu kommen natürlich noch anteilig die lokalen Restmüllgebühren.

Die Anschaffungskosten für Stoffwindeln liegen meistens zwischen 500 und 700 Euro. Hinzu kommen die Kosten fürs Waschen, die man mit einer energieeffizienten Waschmaschine auf rund 160 Euro (330 kWh Strom und 16.000 Liter Wasser für drei Jahre) drücken kann. Wer rein mit Stoffwindeln wickelt, kommt über die ganze Wickelzeit gesehen also sogar etwas günstiger weg.

Es gibt übrigens auch Kommunen, die junge Eltern durch Zuschüsse unterstützen. Einige gewähren nur einen Windelzuschuss bei den Restmüllgebühren, wie zum Beispiel der Landkreis Landsberg am Lech. Andere bezuschussen auch den Kauf von Stoffwindeln, wie der Landkreis Bayreuth. Es lohnt sich also mal nachzufragen.

Wann sind Stoffwindeln ökologischer als Einwegwindeln?

Bei den Einwegwindeln kann der Verbraucher die Ökobilanz kaum verbessern. Wer sich für Öko-Windeln entscheidet, kann lediglich davon ausgehen, dass bei der Herstellung mittlerweile weniger Erdölprodukte verwendet werden als früher. Der Müllberg bleibt allerdings der gleiche.

Auch bei Stoffwindeln kann man einiges "nicht richtig" machen. Es nützt nichts, wenn man sich immer die neuesten Designs aus dem Internet bestellt und alle zwei Tage den Trockner anwirft. Aber wer in Europa gefertigte Bio-Stoffwindeln kauft, eine moderne Waschmaschine besitzt und die Stoffwindeln auch noch beim zweiten Kind benutzt oder weitergibt, der hat sich auf jeden Fall für das nachhaltigere Produkt entschieden.

Fazit: Windeln belasten die Umwelt - egal, ob Einweg- oder Stoffwindel. Aber bei der Mehrweg-Variante kann man durch umweltschonendes Waschen die Ökobilanz leicht selber verbessern. Es muss nicht heißen "entweder – oder", denn auch, wenn man Stoffwindeln nur für Zuhause nutzt, wird der persönliche Müllberg schon deutlich kleiner.

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