Bayern 1 - Experten-Tipps


8

Plastik Recycling Hergestellt aus 100 % Altplastik - Was bedeutet das?

Die Flasche besteht zu 100 Prozent aus recyceltem Plastik - das kann man immer öfter auf Packungen lesen. Doch was ist Altplastik eigentlich? Der BAYERN 1 Umweltkommisar ermittelt, wie Plastik recycelt wird und ob ein Plastikkreislauf denkbar ist.

Stand: 29.10.2019

Mann steht vor Sortiermaschine | Bild: mauritius-images

Neue Plastikverpackungen aus altem Recyclat

Hergestellt aus "100 Prozent recyceltem Plastik" ist mittlerweile auf vielen Produkten in den Drogeriemärkten zu lesen. Ob Shampoo, Spül- oder Waschmittel: Die neue Verpackung soll vollständig aus Altplastik produziert worden sein. Ein wichtiger Beitrag zur Kreislaufwirtschaft eben und zugleich aktive Plastikvermeidung, indem nicht noch mehr neues Plastik der Umwelt zugeführt wird. Ideal eignen sich beispielsweise PET-Flaschen (aus Polyethylenterephthalat) dafür, die eigentlich zu 95 Prozent wieder zu PET-Granulat (Rezyklat) weiterverarbeitet werden könnten. Daraus lassen sich dann wiederum Kunststoffasern (z.B. für Regenjacken) oder Füllstoffe herstellen. Allerdings stellt der PET-Stofffluss derzeit noch keinen echten Kreislauf dar, weil nach der zweiten Weiternutzungstufe meist Schluss ist. 

"Man kann über 60 Prozent des CO2 einsparen, wenn man Rezyklate verwendet anstatt frisches Rohöl", sagt Reinhard Schneider, Vorsitzender der Geschäftsführung von Werner & Mertz, "und man kann nochmal CO2 einsparen, wenn das dann am Ende der Nutzungsdauer nicht – wie in Deutschland – verbrannt wird, sondern eben im Kreislauf gehalten wird." Das Familienunternehmen Werner & Mertz, zur der auch die Reinigungsmittelmarke Frosch gehört, gilt als Vorreiter bei den recycelten Plastikverpackungen.

Auch bei Henkel sollen – nach eigenen Angaben – bis zum Jahr 2025 100 Prozent der Verpackungen recycelbar, wiederverwendbar oder auch kompostierbar sein. Der Anteil von recyceltem Plastik in den Verpackungen für Henkel-Verbraucherprodukte in Europa soll bis dahin über ein Drittel steigen. Ähnliche Ziele hat auch US-Konkurrent Unilever ausgegeben, der seit Mai 2019 seine erste Marke in Deutschland an den Start gebracht hat, deren Flaschen zu 100 Prozent aus recyceltem Kunststoff bestehen.

Für viele Bürgerinnen und Bürger ist Nachhaltigkeit ein kaufentscheidendes Kriterium geworden. Immer dann versucht natürlich auch die Industrie aufzuspringen, um an dem Trend partizipieren zu können. Für einige Marktteilnehmer gehören Umweltschutz oder Nachhaltigkeit zur Unternehmens-DNA, für andere spielen eher Marketingründe eine Rolle. Nichtsdestotrotz werden gerade mit der Ausschilderung auch Erwartungen geweckt. Zum Beispiel, dass das verwendete Altplastik - zumindest größtenteils - aus dem gesammelten Material aus dem Gelben Sack oder vom Wertstoffhof kommt.

Warum wird nur so wenig Plastik recycelt?

Die Deutschen sammeln und trennen zwar ihren Müll wie die Weltmeister, gerade bei den Kunststoffen ist aber die stoffliche Wiederverwertung bislang verheerend schlecht. Auf den ersten Blick scheinen Recyclingquoten aus dem Gelben Sack, der Gelben Tonne oder von den Sammelstellen der Wertstoffhöfe von 45 Prozent gar nicht so schlecht. Laut dem Plastikatlas 2019 beziehen sich diese Quoten aber nur auf die angelieferte Menge bei den jeweiligen Recyclingunternehmen. Betrachtet man die Gesamtmenge aller gesammelten und anfallenden Plastikverpackungen, -folien und so weiter, werden gerade mal 16 Prozent davon tatsächlich zu Recyklat verarbeitet.

Das neue Verpackungsgesetz, das seit dem 1. Januar 2019 in Kraft getreten ist, soll die Quote deshalb auch drastisch erhöhen. Händler und Unternehmen werden vor allem bei den Verpackungen zur Verantwortung gezogen. Im Speziellen trifft das die kleineren Online-Händler, da eben auch kleine Mengen an Verpackung und Umverpackung meldepflichtig sind. Es gilt das Prinzip der "erweiterten Produktverantwortung". Das bedeutet, dass Händler, die Verpackungen (inklusive Füllmaterial) in Umlauf bringen, auch dafür Sorge tragen müssen, dass diese verwertet oder zurückgenommen werden können. In der Praxis, sagt Reinhard Schneider von Werner & Mertz hat sich aber noch nicht viel verändert: "Das eigentliche Problem liegt darin, dass selbst diese recyclingfähigen Dinge immer noch mehrheitlich verbrannt werden. Soviel wie nie zuvor, weil die Nachfrage nach Recyclat aus dem Gelben Sack – mit Ausnahme dessen, was wir machen – einfach noch nicht da ist. Und das ist sehr schade."

Bei allen Bemühungen nutzen zahlreiche Hersteller immer noch lieber neuen Kunststoff bzw. frisches Plastikgranulat. Das hat auch etwas mit dem Preis zu tun. Neukunststoff ist billig und leicht zu haben. Das spätere Aussortieren, Prüfen und Upcyceln dagegen teuer und aufwändig. Ein Grund, warum Deutschland zusammen mit der EU, den Plastikmüll lieber nach Asien oder anderswo in die Welt verschifft hat. Deutschland ist hinter USA und Japan der drittgrößte Exporteur von Plastikmüll weltweit.

Letztlich müssten staatliche Anreize geschaffen werden, um die Verwendung von Altplastik zu unterstützen. Recyklat aus dem Gelben Sack ist derzeit etwa ein Fünftel teurer als Neukunstoff.  "Also vorübergehend sollte das gefördert werden, weil die Sortier-Technologie, die wir verwenden sogar geeignet ist, um aus stark verschmutzten Quellen wie im Gelben Sack – sogar nach amerikanischen Regeln – lebensmitteltaugliche Verpackungen upzucyceln", sagt Reinhard Schneider, "diese Technik kostet erst mal mehr, wenn sie noch nicht richtig ausgelastet ist. Und selbst mit unseren Mengen, obwohl wir Weltrekordhalter sind, mit derzeit über 310 Millionen Flaschen, die wir da im Kreislauf halten, reicht das noch nicht, um diese Technologie im richtig großen Stil zu nutzen."

Was ist Altplastik?

Heikel wird es bei der Frage, was denn nun unter echtem Rezyklat zu verstehen ist. Für Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) ist es eindeutig:

"Unter Recycling oder Einsatz von Recyclingmaterial, versteht der Verbraucher eigentlich, dass Verpackungen aus dem Gelben Sack wiederverwendet und stofflich zu neuen Verpackungen verarbeitet werden."

Thomas Fischer, Deutsche Umwelthilfe

So ganz genau überprüfen lässt sich das derzeit aber nicht. Es gibt zwar verschiedene Initiativen und auch Gütesiegel, aber unangemeldete Kontrollen oder Quellenforschung finden kaum statt.

Manchmal ist es nur augenscheinlich, dass der Einsatz von bereits recyceltem Plastik nicht ganz stimmen kann. Zum Beispiel hat die Deutsche Umwelthilfe kürzlich ein Toilettensteinkörbchen von Henkel kritisiert, das angeblich aus "100 Prozent recyceltem Plastik" hergestellt worden ist. "Wenn die strahlend weiß sind", erklärt Thomas Fischer von der DUH, "dann weiß ein Experte, das ist kein so genanntes Post Consumer Recyclate aus dem Gelben Sack, sondern das Material muss irgendwo anders herkommen." Mit recyceltem Material bekommt man – derzeit zumindest – ein solch strahlendes Weiß nicht hergestellt.

Henkel fand es in Ordnung, dass auch so genannte Industrie-Rezyklate und nicht nur Granulat aus wieder aufbereiteten Altplastik der Verbraucher verwendet worden ist. Industrierezyklat kommt aber nie beim Kunden an, sondern ist eben Abfall das bei der Produktion anfällt. Streng genommen Neuplastik, das eben anfällt und wieder eingeschmolzen wird. Nach der so genannten ISO-Norm wäre das auch in Ordnung, aber für Reinhard Schneider ist das nur Trickserei und ärgerlich: "Weil der Konsument erwartet, wenn da steht "100 Prozent Rezyklat", dass das auch tatsächlich von ihm zurückgeholt wurde. Dass das zusätzlich aus der Natur ferngehalten wird, was bei Industrierezyklat immer so die Frage ist. Aber es ist natürlich sehr billig und wird deswegen gerne genommen. Da wünsche ich mir schon mehr Klarheit." Zumindest für Deutschland hat Henkel den - laut Gericht – irreführenden Aufdruck wieder entfernt. Ein Interview zum Thema Recyklat hat das Unternehmen kurzfristig abgesagt. Wegen Irreführung hat deshalb auch kürzlich Werner & Mertz den Konkurrenten Procter & Gamble verklagt und vor dem Landgericht Stuttgart auch Recht bekommen. Auf der Marke Fairy stand, dass die Flasche aus 10 Prozent recyceltem Ocean Plastic bestehen sollte. In Wirklichkeit waren nur zwei Prozent Meeresplastik drin, der Rest kam mehr aus Plastik in Gewässer- und Ufernähe.

Technik ist alles, kostet aber Geld

Dass dem upgecycelten Material aus dem Gelben Sack immer noch die Tauglichkeit zur Lebensmittelverpackung abgesprochen wird, ist der Tatsache geschuldet, dass immer noch die mangelhaften Technologien zur Begründung herangezogen werden. "Das ist in den USA anders. Da wird nach der Qualität des Materials geschaut", bedauert Reinhard Schneider, "und da haben wir in einem Langzeit Migrationstest bewiesen, dass wir in unseren Frosch-Flaschen, so wie sie im Regal überall stehen, derzeit in den USA Mineralwasser verkaufen dürften. In Europa leider nicht."  

Die moderne Aufbereitung beginnt bereits beim Sortieren. In modernen Anlagen werden bereits die einzelnen Kunststofffraktionen getrennt. So können beispielsweise chemische Unterschiede zwischen PET-Schalen und -Flaschen erfasst und die Produkte für das weitere Verfahren gleich getrennt werden. Auch Verunreinigungen und Fremdstoffe können frühzeitig festgestellt werden und so eine Aufarbeitung auch wirtschaftlich sinnvoll machen.

Dazu gehört auch, dass sich die Hersteller bei der Produktion von neuem Plastik bereits Gedanken über die stoffliche Weiterverwertung und das anschließende Trennen der unterschiedlichen Schichten machen. Das nennt man "Design for Recycling". Eines der klassischen Beispiele ist der sogenannte Standbeutel, erklärt Reinhard Schneider: "Standbeutel haben zwar den Vorteil, dass 70 Prozent des Plastikgewichts gegenüber einer Flasche gleichen Fassungsvermögens eingespart werden kann, aber die Recyclingfähigkeit ist leider noch eingeschränkt. Wir werden dieses Jahr den weltersten Nachfüllbeutel einführen, der aus einem Monomaterial, also nicht verschiedenen Plastiksorten, sondern nur einem besteht. Und dann hätte man das Beste aus zwei Welten: 70 Prozent weniger Material und das, was dann noch an Material da ist, perfekt kreislauffähig."

Links:

https://www.boell.de/de/plastikatlas
https://www.recyclingmagazin.de/2018/12/03/pril-flaschen-aus-altplastik/
https://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/veranstaltungen/171025-nabu-01b_studie_verwendung-und-recycling-pet-deutschland.pdf
https://www.handelsblatt.com/


8