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ARD Studio Wien Balkanroute: Immer mehr Flüchtlinge sterben und werden unidentifiziert begraben

Die berüchtigte Balkanroute ist für Flüchtlinge in den letzten Jahren immer tödlicher geworden. Vor allem in den dichten Wäldern an der türkisch-bulgarischen Grenze sterben Migrantinnen und Migranten an Erschöpfung und Dehydrierung. Leichenhallen in Bulgarien sind überfüllt, und offenbar haben die Behörden ein Interesse daran, die toten Körper möglichst schnell wegzuschaffen. Dabei kommt es nach neuesten Recherchen des ARD Studios Wien mit mehreren Medienpartnern auch zu Fällen, in denen Leichname nach nur wenigen Tagen ohne Identifizierung begraben wurden.

Stand: 01.12.2023

Szene aus "Balkanroute: Immer mehr Flüchtlinge sterben und werden unidentifiziert begraben" | Bild: BR/ARD-Studio Wien

Nach der Recherche des ARD Studio Wien in Kooperation mit Lighthouse Reports, dem Spiegel, RFE/RL, Solomon und inews gibt es auf bulgarischen Friedhöfen inzwischen viele anonyme Gräber mit toten Migranten. Allein in den vergangenen zwei Jahren starben mindestens 93 Menschen auf ihrem Weg durch Bulgarien. Dem Rechercheteam liegen zahlreiche Videos und Fotos von Geflüchteten vor. Sie stehen neben ihren sterbenden Weggefährten, betten sie auf Jacken, versuchen sie zuzudecken und müssen sie schließlich auf dem Waldboden zurücklassen.

Dem Rechercheteam berichtete ein in Dänemark lebender syrischer Vater von seinem Sohn, der auf dem Weg aus der Türkei in Bulgarien von Schleusern zurückgelassen wurde, weil er zu schwach war, um weiterzulaufen. Der Vater machte sich auf die Suche nach seinem Sohn und erfuhr nach einer Odyssee durch Polizeistationen, Krankenhäuser und Leichenhallen schließlich, dass der Leichnam seines Sohnes auf einem Feld gefunden und bereits vier Tage nach dem Tod in einem anonymen Grab beerdigt wurde. Für den Vater war das nach der Nachricht des Todes der zweite harte Schlag.

Milen Bozidarov, einer der zuständigen Staatsanwälte, die die Beerdigung angeordnet hatten, verweist im Interview mit der ARD auf hygienische Gründe: Die Leichenhallen seien voll, jeder sei zur Eile angehalten. Wenn man davon ausgehen könne, die tote Person sei ein Migrant und die Angehörigen weit weg, dann gebe es "keine sinnvollen Gründe, den Körper weiterhin aufzubewahren".

Ein Verhalten, das nach Meinung von Erik Marquardt, Grünen-Politiker im Europaparlament, der EU unwürdig ist. Er hat die Migrationspolitik der letzten Jahre genau verfolgt. Marquardt sagte der ARD: "Wenn man nach wenigen Tagen, ohne die Todesursache genau zu ermitteln, Menschen einfach verscharrt und sich nicht um die Angehörigen kümmert, dann will man offenbar nicht, dass die Aufmerksamkeit auf diese Fälle kommt. Man muss auf Ebene der EU-Kommission darüber nachdenken, ob man eine Datenbank einrichten kann. Ob man die Mitgliedsstaaten dazu verpflichten kann, aufzuklären: Wer ist das Kind dieser Person, wer sind die Eltern, wie kann man sie erreichen? Das wäre sehr wichtig."

Die ARD berichtet über das Thema am Freitag, 1. Dezember, in der Tagesschau, den Tagesthemen, auf tagesschau.de, sowie in verschiedenen ARD-Radioprogrammen.

Zur Verwendung frei bei Quellennennung "gemeinsame Recherche von ARD Studio Wien, Lighthouse Reports, Der Spiegel und weiteren europäischen Medienpartnern."


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