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Polizeiruf 110: "Bis Mitternacht" Statement Autor Tobias Kniebe

Published at: 13-8-2021

Tobias Kniebe, Drehbuchautor Polizeiruf 110: Bis Mitternacht | Bild: privat

Die Grundidee dieses Films geht auf ein Buch zurück: "Abgründe: Wenn aus Menschen Mörder werden" von Josef Wilfling. Darin schreibt der ehemalige Leiter der Münchner Mordkommission über einige seiner interessantesten Fälle, und eine eher beiläufige Passage hat mich sofort fasziniert:

"In der Regel haben wir Ermittler nicht viel Zeit, um so viel Beweismaterial zusammenzutragen, dass es zum Erlass eines Haftbefehles reicht. Hat uns doch der Gesetzgeber eine Frist ‚bis zum Ablauf des darauffolgenden Tages‘ gesetzt. Spätestens dann muss eine vorläufig festgenommene Person wieder auf freien Fuß gesetzt oder einem Ermittlungsrichter vorgeführt worden sein. Dummerweise kommt es vor, dass Straftäter fünf Minuten vor Mitternacht festgenommen wurden. Das bedeutet, dass der erste Tag bereits nach fünf Minuten abgelaufen und damit für uns verloren ist."

Von diesem oft extremen Zeitdruck und den scharf überwachten gesetzlichen Beschränkungen, denen Ermittler unterworfen sind, hatte ich zuvor noch nie gehört – und gleich das Gefühl, dass es sehr vielen Menschen ähnlich gehen könnte. Diese Fesseln, die aus guten Gründen im Strafrecht verankert sind, erzählen eine ganz andere Geschichte als die scheinbare Allmacht, die Kommissaren im deutschen Fernsehen oft zugeschrieben wird.

Das war der erste Impuls für das Drehbuch "Bis Mitternacht" – das Ticken der Uhr am Ende eines Tages, wenn die Beweise für einen Haftbefehl nicht reichen und die gesetzlich verlangte Freilassung eines Verdächtigen unmittelbar bevorsteht, der möglicherweise hochgefährlich ist.

Der zweite kam aus Wilflings Bericht über einen sehr intelligenten Täter, dem über Indizien nichts nachzuweisen war – die einzige Chance, einen Haftbefehl zu bekommen, war ein Geständnis. Die Psyche dieses Beschuldigten und die teilweise sehr unkonventionellen Methoden, die Wilfing damals angewandt hat, um das ersehnte Geständnis zu bekommen, haben große Teile von "Bis Mitternacht" inspiriert.

Josef Wilfling war nicht nur bereit, uns die Filmrechte an dieser Geschichte zu überlassen, er war auch so großzügig, mir all meine zusätzlichen Fragen mit freundlicher Geduld zu beantworten. Für diese Inspiration und Beratung gebührt ihm mein allerherzlichster Dank.

Eine "wahre Geschichte" erzählt der Film dennoch nicht, denn entscheidende Aspekte des Falles habe ich verändert und unkenntlich gemacht, und statt einem einzigen Kommissar agiert jetzt ein Team, das in letzter Minute zusammengewürfelt wird und sich erst einmal finden muss. Der erfahrene Ermittler Josef Murnauer, der die Mordkommission eigentlich schon verlassen hat, aber für eine Nacht zurückgeholt wird, trägt zwar Züge von Josef Wilfling, ist aber doch eine fiktive Figur.

Wenn ich den fertigen Film betrachte, bin ich erstaunt und bewegt von dem Gefühl, mich als Autor verstanden zu fühlen – es ist, als hätten alle Beteiligten vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Kurzauftritten, Zugriff auf die Bilder in meinem Kopf gehabt. Dieses für mich fast magische Verständnis begann mit Cornelia Ackers vom Bayerischen Rundfunk, die mich anspornte, aus der Idee einen "Polizeiruf" zu machen, und setzte sich bei den Redakteuren Claudia Simionescu und Tobias Schultze und dem unermüdlichen Produzenten Jens Christian Susa fort.

Der von mir verehrte Regisseur Dominik Graf brauchte nicht mehr als ein paar E-Mail-Zeilen mit der Grundidee und das Studium von Wilflings Buch, um diese Geschichte mit mir erzählen zu wollen. Er wurde zum allzeit vorwärtsstrebenden Motor des Films. Von ihm habe ich in der Arbeit unendlich viel gelernt: über die Kunst der Verdichtung in einem Neunzig-Minuten-Format, über seinen sechsten Sinn beim Casting und bei der Arbeit mit den Schauspielern, über die Rhythmisierung und Choreografie von Gruppenszenen. Alles, was jetzt zu sehen ist, haben er und sein wundervolles, erfahrenes Team in die Wirklichkeit geholt.

Bei einer Geschichte wie dieser, die so sehr von den Dialogen und zwischenmenschlicher Spannung lebt, muss man als Schreiber nicht zuletzt darauf hoffen, dass die eigenen Worte von den besten Schauspielern zum Leben erweckt werden. Auch in dieser Hinsicht hätte ich bei "Bis Mitternacht" nicht mehr Glück haben können. Was Verena Altenberger, Thomas Schubert, Michael Roll, Emma Jane, Robert Sigl, Daniel Christensen, Christian Baumann, Birge Schade und alle anderen aus den Zeilen des Drehbuchs herausgeholt haben, lässt mich staunen – und zieht mich bei jedem Sehen selbst wieder so in die Geschichte hinein, dass ich ihrem Handwerk noch nicht wirklich auf die Schliche gekommen bin. Auch für dieses wunderbare Gefühl kann ich nicht genug danken.


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