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Nora Gomringer Moden

Die Bambergerin Nora Gomringer gehört zu den wenigen Lyrikern in Deutschland, die relativ hohe Auflagen erzielt. Soeben hat sie ihren neuen Gedichtband "Moden" vorgelegt, mit dem sie eine Lyrik-Trilogie vollendet.

Von: Dirk Kruse

Stand: 29.03.2017 | Archiv

Buch-Cover: Nora Gomringer, Moden | Bild: Voland & Quist Verlag, Foto: BR-Studio Franken

Unter den Lyrikerinnen in Deutschland ist Nora Gomringer einmalig. Keine versteht es so wie sie ihre eigenen Gedichte zu performen.

ABSCHIED VOM EMANZIPIERTEN ROCK

Der Rock ging heute zur Arbeit für mich.
Hielt Stellung, A-Linie, ordentlich alphabetisiert.
Direkte Aufsicht, Knie im Durchdruck,
der Stoff umspielend, das Für und Wider.

Im Katalog sah er gerader aus.
Rock schob sich im Laufen, tags
langsam bis Mitte Schenkel hinauf.
Weshalb diese Bilder, warum so viel likender Lärm darum?

Rock trennet sich wortlos von mir und auf.
Blieb ein doppeltes A für mich.
In Stoffsprache ergeben A + A eine Art Kreis.
Ich steh nun in Hosen, den weiten.

Bei Draufsicht ergibt sich ein M oder W.
AM Anfang war's noch ein Feigenblatt.
(Gedicht aus dem Band "Moden")

Nora Gomringer ist eine kluge, belesene Autorin, die sich gern ein Thema stellt, intensiv recherchiert, nachdenkt und die Funken der Inspiration nutzt, um formvollendete Gedichte zu schreiben. In "Moden" beschäftigt sie sich mit dem, was wir tragen, was uns prägt, wie wir uns darstellen und was dahinter steckt.

"Ich bin jemand, der gerne Zeugnis ablegt. Alle diese Gedichte haben auch immer etwas mit Zeugenschaft zu tun. Von Zeitgenossenschaft und dem Wissen: So leben wir jetzt. Das nehmen wir wahr. Und ich gehe davon aus, dass nicht nur ich diese Erfahrungen mache, sondern viele um mich herum. Und ich erlaube mir, sie so niederzuschreiben, wie sie mir dann auch sinnvoll erscheinen. Und dann buhlt der Text ein wenig um seine Leser und sagt: Kommst du mit oder bleibst du draußen?"

(Die Autorin Nora Gomringer)

Nora Gomringers Lyrik lässt sich entschlüsseln und erfassen, auch wenn das nicht bei jedem Gedicht auf Anhieb der Fall ist. Aber sie schreibt nicht zu rätselhaft oder hermetisch, denn sie will verstanden werden. Gomringers Gedichte schaffen den schwierigen Spagat zwischen Geheimnis und Begreifen, zwischen Poesie und Pointe. Ihre Gedichte schließen nicht aus, sondern nehmen ein.

"Also ich hoffe auch, dass es gelesen wird als ein kritischer Blick. Gerade die Oberfläche wird bei uns, wie ich finde, oft falsch verstanden und falsch codiert. Es wird viel zu viel falsches Aufsehen gemacht um diese Oberflächen. Während man früher ja Kleidung trug, die einen decodieren sollte, ist jetzt vieles einfach auch deshalb so uniformiert, weil es alles so billig ist und aus Ländern kommt, bei denen die Herstellung unter so schrecklichen Bedingungen passiert, dass wir uns fragen müssen, wer wir da sind. Und nur weil es billig ist, heißt das ja nicht, dass nicht irgendwo jemand sein Leben dafür gelassen hat."

(Die Autorin Nora Gomringer)

NICHTS. WIRKLICH NICHTS

Kokett klingt aus den Truhen, Schränken,
Wänden voller Pellen: Frauenjaulen, Männer
seufzen, sie hätten nichts, wirklich nichts
mehr anzuziehen!
Vielleicht nie etwas besessen.

Sheila, zwölf Jahre, trägt Flipflops, Shorts,
ein Tanktop, alles kann sie nennen
mit nur einem Satz:
Das trage ich, nichts
anderes besitze ich.
Sie näht die Kleidung der Hunde,
Wölfe, der Schafe anderer Sprachen.

Wenn sie Tag und Nacht nichts von der Welt
hört und sieht, für die sie näht,
fragt sie sich, ob sie die Fäden
in die Maschine zieht, um Geister einzukleiden.
Geister großer Größen. Sie fragt sich:
Ob es wirklich Frauen gibt, die ihre Körper
zu so viel mehr wachsen lassen können?
Ob sie so viel zu essen haben?

Wenn wir Sheila sehen könnten,
ihr Nichts, es würd wie alles wiegen.
An unseren kaiserlichen Körpern,
neu gekleidet. Immer neu
(Gedicht aus dem Band "Moden")

Trilogie der Oberflächen

Unter welchen Bedingungen unsere Kleidung irgendwo in Bangladesch genäht wird, ist ebenso Thema in Nora Gomringer neuem Gedichtband wie Texte über Uniformen oder Haute Couture. Da wird sich dem Kimono und dem Dirndl ebenso gewidmet wie den unergründlichen Mysterien der Damenhandtasche. Das Ganze mit farbigen Kollagen von Reimar Limmar kongenial illustriert. Nach "Monster" und "Morbus" vollendet Nora Gomringer mit "Moden" ihre grandiose Trilogie der Oberflächen.

"Also a bin ich ja aus dem Hiphop kommend jemand, der für die Trias steht. MoMoMo, also Monster, Morbus, Moden, gefiel mir irgendwie. Erst war auch der Gedanke dass ich das nur Mode nenne. Aber dann kam, während die Texte geschrieben wurden der Titel Moden - also Sitten, Arten und Weisen sollten da drin sein. Und ich wollte drei Themen bearbeiten, die eine weite Oberfläche haben. Bei denen ich das Gefühl hatte: Damit kann jeder etwas anfangen."

(Die Autorin Nora Gomringer)

Info & Bewertung

Wertung: 5 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

Nora Gomringer: Moden, Dresden und Leipzig 2017, Voland & Quist Verlag, mit Illustrationen von Reimar Limmer und einem Hörbuch sämtlicher Gedichte auf CD, 64 Seiten, 18,00 Euro, ISBN 978-3-86391-169-0

Mit "Monster", "Morbus" und "Moden" hat sich die Bambergerin Nora Gomringer endgültig von der Tradition des Poetry Slams, aus der die Autorin stammt, freigeschrieben. Ihre vollendeten Gedichte darf man in einem Atemzug mit denen von Hilde Domin, Sarah Kirsch oder Ulla Hahn nennen. Das ist große, bedeutende Lyrik.


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