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Social Distancing anderer Art Wohnen im Van - mobil, billig, illegal?

Hinter #vanlife steckt die Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit. Wer in sozialen Netzwerken nach dem Hashtag sucht, findet gut gelaunte junge Menschen, die mit ausgebauten Bussen an tolle Orte reisen. Aber: Klappt der Trend auch im deutschen Unialltag?

Von: Sabine Pusch, Martin Moser

Stand: 24.04.2020

In Jans Zuhause gibt es so ziemlich alles, was man im Alltag braucht: eine Küche samt Backofen, eine gemütliche Sitzecke, ein großes Bett, eine Toilette und einen Keller für Longboards und Surfbretter. Und: Sein Zuhause hat vier Räder. Seit eineinhalb Jahren wohnt der Maschinenbaustudent in seinem ausgebauten Bus. „Gerade kann ich mir nichts anderes vorstellen“, sagt Jan. Er studiert an der Fachhochschule in Schweinfurt Maschinenbau – und ist Vollzeit-Vanlifer.

Jan hat sich Mittagessen in seinem Van gemacht.

Mit #vanlife werden bei Instagram und Co. Fotos beschrieben, auf denen meist schön ausgebaute Busse, fröhliche junge Menschen und viel Natur zu sehen sind. Sommer, Sonne, Sonnenschein. Alternativ: eine dampfende Teetasse vor winterlicher Kulisse – getrunken bei offener Tür und Minusgraden.

"Kein Mensch würde so etwas machen. Aber auf den Fotos sieht es halt nett aus."

(Jan)

Neele studiert im ersten Semester Musik und Geographie auf Lehramt und wohnt seit Oktober 2019 in ihrem Bus. Vorher war sie damit elf Monate lang in ganz Europa unterwegs. Sie hält ähnlich wenig von dem Vanlife-Bild, das in sozialen Netzwerken vermittelt wird.

"Es schreibt ja selten jemand dazu, dass man erst mal drei Stunden nach dem perfekten Parkplatz suchen musste. Oder, dass direkt hinter dem Bus eine vielbefahrene Straße ist oder man nachts wieder von der Polizei verjagt wurde."

(Neele)

Gefährliche Situationen haben Neele und Jan noch nicht erlebt – weder auf ihren Reisen noch im Unialltag. „Man muss einfach auf sein Bauchgefühl hören“, sagt Neele. Wenn sie bei einem Stellplatz kein gutes Gefühl hat, fährt sie einfach weiter und sucht sich einen anderen Ort für die Nacht.

Rechtslage bei der Stellplatzsuche

Die rechtliche Lage dazu ist in Deutschland ein bisschen kompliziert. Parken darf man überall, wo es die Straßenverkehrsordnung oder Schilder nicht verbieten. Und übernachten ist ok, solange keine Anwohner belästigt werden. Deshalb suchen sich Jan und Neele regelmäßig neue Stellplätze.

So klappt es mit der Körperhygiene im Bus

Der Van, in dem Jan lebt.

Die beiden werden immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert, zum Beispiel beim Thema Körperhygiene. Neele duscht in der kalten Jahreszeit bei Freunden. Jan im Fitnessstudio. Er hat eine Chemietoilette im Bus und für den Abwasch einen 20-Liter-Wassertank. In den wärmeren Monaten nutzen beide ihre Außenduschen.

Und einen Vorteil hat es, dass man so außergewöhnlich wohnt: „Ich habe das Gefühl, dass ich durch mein Leben im Bus sogar schneller Leute kennengelernt habe“, sagt Neele. „Als ich erzählt habe, dass ich in meinem Van wohne, haben mir direkt einige Kommilitonen angeboten, dass ich bei ihnen duschen darf“. Auch sonst ist sie viel unterwegs: Kochen bei Freunden, Konzerte, Treffen der Musikstudierenden im Unikeller.

"Du kannst entscheiden, wenn du einsam sein willst. Wenn du keinen Bock mehr auf Leute hast, fährst du da hin, wo du eben sein willst."

(Jan)

Worin sich die beiden einig sind: Nur weil man alleine im Bus wohnt, ist man noch lange nicht einsam. 

Ist ein Leben im Bus günstiger als ein WG-Zimmer?

Ob das Leben im Van wesentlich günstiger ist als ein WG-Zimmer oder eine kleine Wohnung, hängt von einer Reihe von Faktoren ab: Wie hoch sind die Mietpreise in der jeweiligen Stadt? Wie hoch ist der Wertverlust des Autos? Welche Kosten fallen für den Ausbau an? Welche für Versicherungen? Gibt es Stellplatz-Gebühren? Neele hat ausgerechnet, dass es ungefähr aufs Gleiche rauskommt. Jan spart durch sein Leben im Bus. Wobei der Kostenfaktor für beide nicht an erster Stelle steht, sondern das Gefühl, frei im Bus zu leben.

Wie alltagstauglich ist das Vanlife?

Neele ist nach dem Abi mit ihrem Bus durch Europa gereist.

Der Vanlife-Trend ist Uni-alltagstauglich, unter bestimmten Voraussetzungen. „Man muss schon recht unkompliziert sein“, sagt Jan. Ewig wird er nicht im Bus wohnen. „Irgendwann kommt ja dann auch vielleicht eine Familie.

Das Leben im Bus hat Neele eine Sache recht deutlich gemacht: „Man merkt, wie wenig man eigentlich braucht.“ Nur eine Sache würde sie anders machen: ein Fahrzeug mit einer besseren Isolierung kaufen. Bei niedrigen Temperaturen wird es in ihrem Van sehr kühl. „Aber, auch wenn ich nachts friere: Es gibt keinen Ort, an dem ich mich mehr Zuhause fühle.“


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