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Studienfinanzierung in Corona Zeiten Der Job ist weg – was nun?

Die Corona-Pandemie ist für viele Studierende eine finanzielle Herausforderung: 1,9 Mio von ihnen jobben neben dem Studium und viele haben ihre Jobs wegen des aktuellen Lock-Down verloren. So wie Denise - wie hangelt sie sich jetzt durch die finanzielle Krise?

Von: Anette Orth

Stand: 11.05.2020

Zwei Drittel der Studierenden in Deutschland arbeiten neben dem Studium. Denise ist eine von ihnen und ihr geht es gerade wie vielen anderen, die in der Gastronomie ihr Geld verdienen: Ihr lukrativer Studentenjob in einem italienischen Restaurant im Münchner Stadtteil Schwabing ist seit Mitte März weg.

"Wir bekommen hier Mindestlohn plus Trinkgeld, was den größten Teil des Verdienstes ausmacht. Normalerweise muss ich kaum an mein Konto gehen, weil ich mich damit gut über Wasser halten kann."

(Denise)


Als Basis verdiente Denise in dem Lokal 9,35 Euro in der Stunde; mit ihrem Trinkgeld kam sie in guten Monaten, wenn sie viel arbeiten konnte, auf bis zu 750 Euro im Monat. Das reichte bisher für ihre Ausgaben: die Ein-Zimmer-Wohnung, in die sie vor kurzem gezogen ist, Essen und ab und zu neue Klamotten.

Verschiedene Jobs ausprobiert

Denise ist 24 Jahre und studiert im 2. Semester Masterstudiengang Health Science an der Technischen Universität München. Weil sie sich auch im Studium mit Ernährung und deren Auswirkungen auf die Gesundheit beschäftigt, ist ihr Bio-Qualität wichtig. Da sie Veganerin ist und kein teures Fleisch isst, kam sie mit den Ausgaben bislang einigermaßen zurecht. Aber ohne Job wird das immer schwieriger. In den vergangenen Wochen hat sie schon einige Alternativen ausprobiert: Regale einräumen im Supermarkt, jobben im Gemüseladen. Manche Jobs kommen aber für sie als Vollzeitstudentin nicht in Frage.

"Ich hatte mich auch bei der Post beworben und sollte eigentlich zum Schnuppertag hingehen; das musste ich aber leider wieder absagen, weil es zeitlich mit meinem Studium nicht vereinbar war."

(Denise)

Hilfe vom Bundesbildungsministerium

In einer Pressekonferenz am 30. April stellte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek Überbrückungshilfen für Studierende in „pandemiebedingten Notlagen“ in Aussicht. Man dürfe nicht zulassen, dass die Corona-Pandemie Studierende in den Abbruch oder die Aufgabe ihres Studiums treibe.

"Studierende können ab Anfang Mai bei der KfW ein zinsloses Darlehen beantragen. Das zinslose Darlehen hat eine Höhe von bis zu 650 Euro im Monat. Das Darlehen kann unbürokratisch online beantragt werden. Das ist ein faires, schnelles und wirksames Angebot für die betroffenen Studierenden. Ich bin der KfW dankbar für ihre Unterstützung."

(Bundesbildungsministerin Anja Karliczek)

Studierendenvertretung nicht zufrieden

Die Landes-Asten-Konferenz Bayern, sowie Studierendenvertretungen aus anderen Bundesländern sind mit der Darlehenslösung nicht zufrieden. Sie beweise „die Unkenntnis der studentischen Lebensrealität durch das Bundesbildungsministerium“.

Kritisiert wird vor allem der maximale Beitrag von 650 Euro, der je nach Studienort kaum für das Überleben zahlreicher Studierender reiche. Auch die aktuell existierenden Beschränkungen der KfW Studienkredite bezüglich des Fachsemesters, des Alters und der Staatsangehörigkeit müssten gestrichen werden. Die Antragstellung nur bis zum 10. Semester benachteilige Studierende in Staatsexamens- und Diplomstudiengängen mit Regelstudienzeiten von 10 Semestern. Denn 60 Prozent aller Studierenden schafften es nicht, diese Zeit einzuhalten – eben genau, weil sie sich oft neben dem Studium selbst finanzieren müssten.

Nothilfefonds der Studierendenwerke werden aufgestockt

Notfallhilfefonds stehen den einzelnen Bundesländern auch bisher schon zur Verfügung. Sie werden zum Beispiel vom Verein "Studentenhilfe München e.V.“ seit 1982 vergeben. Studierende, die sich in einer akuten Notsituation befinden, können dort einmalig einen konkreten Geldbetrag beantragen.

Nun stellt das Bundesbildungsministerium laut Ministerin Anja Karliczek dem Deutschen Studentenwerk weitere 100 Millionen Euro für die Nothilfefonds der deutschen Studierendenwerke vor Ort zur Verfügung. Damit solle Studierenden in nachweislich besonders akuter Notlage geholfen werden, die ganz unmittelbar Hilfe benötigen und keine andere Unterstützung in Anspruch nehmen könnten.

"Es ist ein Erfolg der Studierendenvertretungen, dass nach über sechs Wochen die Forderung nach einer Soforthilfe in Form eines Zuschusses für bedürftige Studierende unabhängig von ihrem BAföG Anspruch auf der politischen Ebene zumindest in Teilen umgesetzt wurde. Uns ist weiterhin wichtig, dass die Förderung über die Nothilfefonds an keine weiteren Bedingungen geknüpft ist, ihre Höhe muss flexibel und im Maximalsatz existenzsichernd sein."

(Maximilian Frank, Sprecher der Landes-ASten-Konferenz Bayern)

Wer genau von den weiteren Millionen profitieren wird - und wie - ist noch nicht ganz klar. Auf Anfrage von Campus Magazin beim Bundesbildungsministerium und dem Studentenwerk München finden zurzeit noch Beratungen statt. Prinzipiell aber gilt: Studierende können sich mit allen, auch finanziellen Fragen rund um das Studium jederzeit an die Beratungszentren der Studentenwerke wenden. Erste Anlaufstelle bei Gesprächsbedarf zu Finanzierungsengpässen, zur Studienorganisation oder zu möglichen Sozialleistungen ist die Allgemeine und Soziale Beratung. Aktuell finden alle Beratungen telefonisch statt.

Neuer Studienkredit für Denise keine Alternative

Während ihres Bachelor-Studiums hat Denise bereits einen Studienkredit der KfW, der Kreditanstalt für Wiederaufbau, in Anspruch genommen. Da kamen rund 3000 Euro Schulden zusammen, die sie plus 3,5 Prozent Zinsen zurückzahlen muss – das war bei Vertragsabschluss der vereinbarte Zinssatz. Weitere Schulden zu machen, wenn auch zu besseren Konditionen, kommt für sie erstmal nicht in Frage. Ein paar Ersparnisse hat sie noch; auch ihre Mutter unterstützt sie, so gut es geht, finanziell.

Und vielleicht – so Denise große Hoffnung – darf das italienische Lokal bald wieder öffnen. Bis dahin hangelt sie sich mit anderen Jobs durch die Corona-Krise.


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