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Mythos Archäologie Zwischen Indiana Jones und Völkerkunde-Museum

Das Foto von Henry Jones Jr. Jahrgang 1925 hängt mitten in der „Wall of Fame“ der Archäologie-Absolventen am Institut für vor- und frühgeschichtliche Archäologie an der Uni München. Aber wie viel haben die Abenteuer von Indiana Jones mit dem echten Archäologen-Alltag zu tun?

Von: Anna Kemmer

Stand: 05.06.2019

Auf Indiana Jones und seine archäologischen Abenteuer werden Archäologie-Studenten oft angesprochen. Das Campus Magazin macht den Check: Wie „Indie“-like ist das Archäologie-Studium wirklich? Um das herauszufinden begleiten wir einen Tag lang die Studentin Julia Hochholzer. Sie macht ihren Bachelor in „Archäologie Europa und Vorderer Orient“ an der Uni München. Vor ihrem Seminar über Menschen der Eisenzeit schaut sie sich mit Kommilitonin Philomena Szenen aus Indiana Jones an und staunt über die gefährlichen Abenteuer des berühmtesten Film-Archäologen.

Mythos 1: Als Archäologe stirbt man am Fluch des Pharaos

Julia und Philomena.

Das ist natürlich Quatsch. Aber der Mythos erinnert Julia und Philomena an den Rat ihres Profs.. Der meinte: „Esst nie zu Mittag, wenn ihr in geschlossenen Räumen ausgrabt.“ Beim Öffnen von Sarkophagen könnten nämlich ziemlich unangenehme Dämpfe austreten, die über Jahrtausende in den geschlossenen Behältnissen konserviert waren. „Da verteilen sich dann quasi die Produkte des Verwesens nicht in der Erde“, erklärt Philomena.

Inzwischen ist das Seminar komplett, der Professor legt mit seiner PowerPoint-Präsentation los vor nur fünf Studierenden - keine Seltenheit: Archäologie zählt zu den „kleinen“ Fächern. Hier in München sitzen selbst in Vorlesungen selten mehr als fünfzig Studierende.

Julia schreibt gerade ihre Bachelorarbeit – später steht noch ein wichtiges Treffen mit ihrer Professorin an – aber erst mal besuchen wir sie in ihrem Wohnheimzimmer, um mehr über Mythos 2 zu erfahren. Auch Philomena ist wieder mit dabei.

Mythos 2: Archäologen sind sexy Abenteurer!

Das Grabungsoutfit: Eine knallgelbe Regenjacke aus dem Baumarkt.

„Nicht alle Archäologen sehen aus wie Indiana Jones“, gibt Philomena schmunzelnd zu bedenken. Aber Abenteurer seien sie schon irgendwie, meint Julia. Mit sexy Hut und Lederpeitsche sind sie allerdings nicht unterwegs: Die Klamotten für die Lehrgrabungen sind eher funktional, robust und bequem statt sexy. Julia holt eine Arbeitshose mit verstärkten Knien, einen alten Pulli von ihrem Papa und eine knallgelbe 5-Euro-Regenjacke aus dem Baumarkt unterm Bett hervor:

Auch wenn das Grabungsoutfit nicht wirklich sexy ist, Archäologie kommt ziemlich gut an beim Partysmalltalk: „Das ist eigentlich immer ein Aufhänger für weitere Gespräche“, meint Julia. Die erste Reaktion sei oft: Cool, das wollte ich als Kind auch mal machen! „Und dann kommt die obligatorische Frage: Und wo warst du schon überall?“.

Mythos 3: Archäologie-Studenten jetten nonstop durch die Welt.

„Nö!“, lachen Julia und Philomena fast gleichzeitig. Bis Julia im Sommer das nächste Mal die Koffer packen und einen ihrer Profs zu einer Grabung in die Türkei begleitet darf, warten noch ein paar Wochen stinknormaler Uni-Alltag. Archäologie-Studenten verbringen davon einen beträchtlichen Teil in der Bibliothek. Und wohin es bei den Exkursionen geht – etwa eine pro Semester steht auf dem Programm – hängt stark vom Studienschwerpunkt ab.

Archäologie ist nicht gleich Archäologie. Julias Bachelor an der Ludwigs-Maximilian- Universität befasst sich mit allen Teilbereichen der Archäologie: Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie, Vorderasiatische Archäologie, Klassische Archäologie und Provinzialrömische Archäologie. Hier in München wird auch noch spätantike und byzantinische Kunstgeschichte gelehrt.

Erst im Master legen sich die Studierenden auf eine Richtung fest. Für ihre Bachelor-Arbeit hat Julia ein Thema aus der vor- und frühgeschichtlichen Archäologie gewählt, jetzt steht die Besprechung mit ihrer Professorin an. Von ihr wollen wir wissen, was es mit Mythos 4 auf sich hat.

Mythos 4: Archäologie ist nichts für Weicheier!

„Weicheier“, diesen Begriff würde Prof. Dr. Carola Metzner-Nebelsick niemals verwenden, sagt sie. Was natürlich schon stimmt: Man muss im Studium das Ausgraben erst mal lernen und da kann es schon vorkommen, dass man über mehrere Tage hinweg in der prallen Sonne in der staubigen Erde wühlt. „Darauf muss man eigestellt sein – auch wenn man später am Ende im Museum arbeitet.“

Die wichtigste Voraussetzung für ein Archäologie-Studium ist ihrer Meinung nach, die Begeisterung für das Thema. Und wie sieht es am Ende mit den Jobperspektiven aus?

Mythos 5: Archäologen werden nur reich, wenn sie einen Schatz finden.

Derzeit jobbt Julia als Museum-Guide

Carola Metzner-Nebelsick lacht. „Selbst wenn man einen Schatz finden würde, darf man ihn natürlich niemals behalten.“ Archäologen sind definitiv keine Schatz-Jäger und müssen ganz normal ihr Geld verdienen: Zu tun gibt es eine Menge: Bei vielen Bauvorhaben etwa, muss vorher ein archäologisches Gutachten erstellt werden – in Bayern werden damit häufig private Grabungsfirmen beauftragt.

Auch die jeweiligen Landesämter für Denkmalpflege sind potenzielle Arbeitgeber, oder man geht in Lehre und Forschung.

Auch die Arbeit in Museen und für Ausstellungen ist möglich, dafür begeistert sich Julia momentan am meisten. Sie jobbt seit kurzem als Museums-Guide für die Ausstellung „Lascaux – die Bilderwelt der Eiszeit“ in der Kleinen Olympiahalle in München. Heute führt sie Kommilitonen und Freunde durch die Ausstellung über den sensationellen archäologischen Höhlenfund aus dem Jahr 1940. Die Höhlenmalereien, die sie der Gruppe zeigt, sind 20.000 Jahre alt. Ihre Faszination mit anderen zu teilen – das liebt Julia. Und auch, wenn ihr Archäologen-Alltag nicht ganz so abenteuerlich ist wie der von Indiana-Jones und sie dafür nie ein Managergehalt verdienen wird:

"Ich gehe lieber für weniger Geld in die Arbeit und stehe dafür jeden Morgen auf und denke ‚toll’ jetzt kann ich für ein tolles Projekt arbeiten. Von Geld kann ich mir kein Glück und keine Gesundheit kaufen."

(Julia)


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