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Campus Reportage Chancen durch Bildung - Studieren als Arbeiterkind

Arbeiterkinder entscheiden sich seltener für ein Studium an der Universität als Kinder von Akademikern. Campus Magazin-Extra begleitet Lukas, dessen Eltern nicht Akademiker sind, auf seinem Weg vom Abitur in sein neues Leben an der Uni Regensburg.

Author: Martin Hardung

Published at: 31-12-2018

Arbeiterkinder: schlechtere Chancen auf höheren Bildungsabschluss

Nach dem Abi werden Weichen fürs ganze Leben gestellt. Die Entscheidung für oder gegen ein Studium beeinflusst nicht nur den beruflichen Werdegang, sondern auch den sozialen Aufstieg in der Gesellschaft. Doch ob ein Abiturient den Weg zur Uni einschlägt, hängt noch immer oft davon ab, ob seine Eltern Akademiker sind oder nicht.

Abschied von den Freunden zuhause

"Dass ich jetzt einen akademischen Weg eingeschlagen habe, liegt auf jeden Fall auch an meinen Eltern, weil sie selbst einen Arbeiterberuf haben, aber auch offen dafür sind, dass man sich selbst entwickelt, nicht auf einer Stufe bleibt, sondern dass man schon was Höheres anstrebt."

Lukas, Sohn aus einer Arbeiterfamilie

Im internationalen Vergleich ist der Bildungserfolg von Kindern in Deutschland immer noch stark vom Bildungsstand der Eltern abhängig. Von 100 Kindern aus nichtakademischen Familien studieren nur 23, bei Akademikerkindern sind es mehr als drei Mal so viele. Und das, obwohl in Deutschland alle Kinder die Möglichkeit haben, eine kostenlose Schule und Hochschule zu besuchen. Die Bildungsgerechtigkeit hat auch in dieser Hinsicht leicht zugenommen: gegenüber 2000 gehen heute 4 % mehr Abiturienten aus Nichtakademikerfamilien an die Uni. Doch die Diskrepanz zur Mehrheit der Akademikerkinder an den Hochschulen ist nach wie vor gravierend.

Wie Bildungshürden überwinden?

Die Grundschullehrer hatten Lukas geraten aufs Gymnasium zu gehen. Hier erhält Lukas nun sein Abi-Zeugnis

Bei Lukas waren es die Lehrer, die den Eltern geraten hatten, den Jungen "aufs Gymnasium" zu schicken. Und nun ist es Lukas, der sich nach dem Abitur ganz klar für den akademischen Weg entscheidet. Lukas hat das Glück, dass seine Eltern für einen akademischen Bildungsweg aufgeschlossen sind. Obwohl ihnen die Uniwelt fremd ist, versuchen sie nicht, ihn davon abzubringen. Lukas will "Französische Studien" belegen, ein Fach, das auf kein konkretes Berufsbild zugeschnitten ist. Doch Lukas, der das deutsch-französische „Abibac“ abgelegt hat, glaubt fest daran, dass er auch so seinen Weg in einen „Brotberuf“ finden wird. Und seine Eltern? Sie vertrauen darauf, dass ihr Sohn weiß, was er tut und stehen hinter ihm. Sie unterstützen ihn, soweit sie es können.

Soziale Hürden für Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien

Lukas' Familie, alle unterstützen seine Entscheidung zum Studium

Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien berichten oft von familiären und sozialen Hürden, die die Entscheidung für ein Studium erschweren oder gar verhindern. Dabei stehen nicht nur teils falsche Vorstellungen über Studieren im Weg, sondern auch die Frage, wie ein Studium über Jahre finanziert werden kann. Rechnet sich das überhaupt, im Vergleich zu einer Lehre mit Lehrgeld und schnellerem Berufseinstieg?

Stellschrauben, an denen von staatlicher Seite gedreht werden kann, um die Bildungsgerechtigkeit zu fördern, kosten Geld. Angefangen bei der frühkindlichen Bildung über Ganztagsangebote von Schulen bis hin zu BAföG und subventionierten Studentenbuden in Wohnheimen. Wohnen in bezahlbaren Zimmern sind immer noch eine Seltenheit in deutschen Unistädten. 

Lukas' Vater stammt aus einer ländlichen Gegend und einer "anderen Generation". In seiner Jugend galten Studenten als "Nichtstuer"

Ein oft unausgesprochener Grund, warum manche Eltern bremsen, wenn ihr Kind an die Uni möchte, liegt aber auch in der Sorge, der Sohn oder die Tochter könnten sich von der Familie entfernen, sobald sie sich in „akademischen Kreisen“ bewegen. Denn der Eintritt in die Hochschulwelt, die die Eltern nicht kennen, bedeutet auch den Wechsel in ein anderes soziales Umfeld, eine Hürde, die Kinder aus Akademikerfamilien gar nicht wahrnehmen.

Wie steht es um die Bildungsgerechtigkeit?

Was denkt die junge Generation eigentlich selbst über die Bildungsgerechtigkeit in unserer Gesellschaft? Nach einer Forsa-Studie von 2016 zweifeln 52% der Jugendlichen und jungen Erwachsenen an der Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem. Die Faktoren, die aus ihrer Sicht ihre Bildungschancen am meisten beeinflussen, sind - nach der eigenen Motivation (92%) - die Unterstützung der Eltern (88%) sowie die Qualität der Schule und Lehrer (87%). Das Zusammenspiel genau dieser Faktoren ist tatsächlich entscheidend für den Bildungsweg von Kindern aus Nicht-Akademikerfamilien. 

Im Hörsaal

"Man ist natürlich als Arbeiter und als Akademiker in ganz unterschiedlichen Kreisen, man hat einen ganz anderen Lebensstil, man könnte sogar teilweise sagen, man lebt in extremen Parallelgesellschaften."

Lukas

Für Arbeiterkinder gibt es eine ganze Reihe „unsichtbare Hürden“, die sie überwinden müssen, wenn sie einen akademischen Bildungsweg einschlagen. Die Kluft zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Milieus in Deutschland z.B., von der in letzter Zeit auch in der Politik verstärkt die Rede ist. Sie ist ein Bremsklotz für mehr Bildungsgerechtigkeit, trotz aller Fortschritte zur Überwindung der sichtbaren Hürden, wie sie etwa im Pisa-Vergleich der letzten Jahre angeführt werden.

Lukas mit seiner Schwester Katharina auf dem Weg zum Busbahnhof

"Bei mir war´s eben schon so, dass ich das Gefühl hatte, ich muss mich irgendwie beweisen. Ich bin die erste Tochter. Ich war die erste, die dann auf die Universität ging und für die Eltern ist das schon ein bisschen schwierig - sie wissen selbst ja nicht, was auf einen zukommt."

Katharina, Lukas' Schwester

Chancen durch Bildung: Lukas Weg

Wie können sich Kinder von Arbeitern oder einfachen Beamten und Angestellten während eines Studiums finanziell über Wasser halten? Woher nehmen sie die Energie, für ihren Lebensunterhalt alleine aufzukommen und gleichzeitig zu studieren? Was treibt sie an und hilft ihnen, ungewohnte und schwierige Situationen zu meistern?

Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien entwickeln manchmal gerade dadurch, dass sie sich mehr als andere durchboxen müssen, ein Durchsetzungsvermögen, das ihnen im Studium und später auch im Beruf zu Gute kommen kann. Auch in Führungspositionen haben sie den Vorteil, dass sie beide Milieus kennen, das der Akademiker und das der Arbeiter.  

Campus Magazin-Extra zeigt Lukas, seine Eltern sind keine Akademiker, auf seinem Weg vom Abitur in den neuen Lebensabschnitt an der Uni Regensburg: Bewerbungsmarathon um einen Studienplatz, Abnabelung von zu Hause, Suche nach einer bezahlbaren Studentenbude und einem Job und seine ersten Schritte ins Studentenleben.


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