Respekt - Respekt

Jugendarmut

RESPEKT Jugendarmut

Stand: 19.11.2020 17:33 Uhr

  • Als arm in Deutschland gilt, wer weniger als die Hälfte des Durchschnitts verdient.
  • Junge Menschen zwischen 18 und 24 sind besonders von Armut bedroht.
  • Ursachen für Jugendarmut sind: arme Eltern, wenig Unterstützung in der Schulzeit, kein Schulabschluss und bei Heimbewohner*innen, dass sie mit 18 plötzlich ganz auf sich allein gestellt sind.
  • Der Übergang vom Heim ins Berufsleben fällt vielen schwer, und sie fühlen sich allein gelassen.

Menschen von 18 bis 24 Jahren sind in Deutschland die Bevölkerungsgruppe mit dem größten Armutsrisiko. Für ihren Start ins Erwachsenenleben bedeutet arm zu sein in mehrfacher Hinsicht eine Katastrophe: Zur fehlenden familiären Unterstützung kommen schlechte Bildungschancen und krasse Lücken im Sozialsystem, wenn etwa die Jugendhilfe mit dem 18. Lebensjahr endet.

Armut ist peinlich - und riecht

Die meisten armen Jugendlichen schämen sich für ihre Armut - obwohl sie nichts dafür können. Wer redet schon gern davon, sich die "normalsten" Dinge nicht leisten zu können: den Snack vom Schulkiosk, coole Klamotten, einen Kneipenbesuch oder ein Smartphone. Jugendarmut ist so nicht sichtbar - weil selbst die Betroffenen alles daran setzen, sie geheim zu halten. Jeremias Thiel ging es mit 11 Jahren in seiner Familie so schlecht, dass er Hilfe beim Jugendamt suchte. Er hat es in den letzten Jahren bis auf eine amerikanische Uni geschafft und ein Buch geschrieben - und dennoch sagt er: "Die Armutserfahrung bleibt Teil deiner Identität. Du trägst sie immer mit dir herum." Selbst wenn er mittlerweile durch ein Stipendium keine Not mehr leidet; den Armutsgeruch hat er, bildlich gesprochen, immer noch in der Nase.

"Ich hatte nur ein Paar Schuhe, weil es aufgrund der aktuellen Hartz-IV-Satzung nun mal nicht gereicht hat, ein zweites Paar Schuhe zu kaufen. Dementsprechend hatte ich Käsefüße. Auch in der Wohnung natürlich merkt man, dass man nur in der Wohnung ist. Ja, und dementsprechend gibt es diesen müffelnden Gestank, der immer sich etabliert, wenn man wenig lüftet, zeitgleich der Zigarettenrauch und dann dieser Ess-Geruch."

Jeremias Thiel, Autor von 'Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance'

Care Leaver: raus aus dem Heim - mit 18

Schon eine arme Kindheit und Jugend ist hart - wer in einem Heim wohnt und sich wohlfühlt, will dort natürlich erst mal bleiben. Der Staat geht davon aus, dass Kinder in der Regel bis etwa 25 Jahre zu Hause wohnen. Doch gerade arme Jugendliche, die ihre Familie schon als Kind verlassen, haben weniger Zeit fürs Erwachsenwerden. Denn wenn jüngere Jugendliche dringend einen Platz brauchen, heißt es für die meist erst 18-Jährigen im Heim: ausziehen! Und dann von einem Tag auf den anderen: Wohnung suchen, Job suchen, kochen, einkaufen, Arztbesuche - alles alleine. Dabei sind das Aufgaben, die zusammen genommen auch Erwachsene aus stabilen Verhältnissen aus der Bahn werfen können - Menschen, die Geborgenheit erfahren haben und wissen, dass sie immer einen Ort haben, an den sie zurückkehren können. Zoe Urban ist heute 20 und hat viel Pech gehabt, seit sie mit 19 das Heim, ihr Zuhause, verlassen musste. Wegen einer chronischen Krankheit und einer Operation konnte sie die Ausbildung zur Kinderpflegerin nicht abschließen und musste Arbeitslosengeld II beantragen.

"Und das hat dann ewig gedauert, bis der Antrag mal durch war, bis ich mal das Geld bekommen hab. Das hat um die vier Monate gedauert. Es war sehr, sehr schwierig. Das waren schreckliche Monate. Also, hätte ich nicht so gute Freunde gehabt, ich hätte nicht mehr weiter gewusst."

Zoe Urban, war mit 19 ganz auf sich allein gestellt

Etwa jede*r Fünfte in Deutschland ist arm oder gilt als von Armut bedroht, darunter viele alte Menschen, Kranke, Alleinerziehende, Kinder und Jugendliche. 13,7 Millionen Menschen in Deutschland leben heute unterhalb der Armutsgrenze – so viele wie noch nie seit der Wiedervereinigung 1990.

Armut benachteiligt auf vielen Ebenen

  • Aus armen Kindern werden oft arme Erwachsene. Nicht nur Geld und Materielles fehlt, auch psychische Unterstützung, Förderung und Begleitung.
  • Bildung kann helfen, sich aus Armut zu befreien. Doch wer aus einer armen Familie kommt, hat es meist viel schwerer, einen guten Abschluss zu schaffen.
  • Armut erhöht das Risiko, schon früh im Leben chronische Krankheiten zu bekommen, also zum Beispiel Diabetes oder Bluthochdruck.
  • Wer in einem Jugendheim aufgewachsen ist, muss oft mit 18 ausziehen, auf eigenen Füßen stehen und Wohnung und Job suchen.

Starthilfe, um erwachsen zu werden

Was muss passieren, damit es in Deutschland mehr Gerechtigkeit gibt für arme Jugendliche? Eine eigenständige Grundsicherung für Jugendliche, mit der Bedürfnisse wie Miete, Kleidung, Nahrung gedeckt sind, könnte helfen. Expert*innen fordern aber vor allem, dass die sozialrechtliche Einstufung als "Jugendliche" bis 24 Jahre gilt und damit auch finanzielle Unterstützung wie die Jugendhilfe länger gezahlt wird. Denn kaum jemand ist schon mit 18 Jahren so erwachsen und lebenserfahren, dass er Job, eigene Wohnung und alle anderen Verantwortungen ohne Unterstützung "wuppt". Und gerade Menschen, die es schwer hatten als Kinder und Jugendliche, brauchen oft länger für den Start in ein selbständiges Leben.

Auch die Vorteile, die das Bildungs- und Teilhabepaket bietet, sollte es länger geben als bis 18 Jahre. Dann könnten Jugendliche weiter in den Sportverein, Unterstützung bei kulturellen Veranstaltungen bekommen oder ein Instrument lernen.

Bedarfsgemeinschaft mit Eltern - oft zusätzlicher Nachteil

Auch Jugendliche, die bei ihren Eltern wohnen, haben es mitunter schwer, unabhängig zu werden. Wer unter 25 ist, kein Einkommen hat und bei Eltern wohnt, die selbst Arbeitslosengeld II beziehen, kann zwar auch ALG II beantragen, bekommt aber weniger als den Regelsatz. Denn das Einkommen der Eltern wird auch dem Jugendlichen zugerechnet. Und einfach ausziehen geht erst recht nicht. Den Bedarf für eine eigene Unterkunft erkennt das Jobcenter nur an, wenn man "schwerwiegende soziale Gründe" nachweisen kann. Mega-Stress alleine reicht da nicht aus.

Hart ist auch, wenn Jugendliche, die mehr Einkommen haben als ihre Eltern im gleichen Haushalt, für diese mitsorgen müssen. Mit der Begründung, dass sie ja eine "Bedarfsgemeinschaft" bilden. So werden die Jugendlichen auch daran gehindert, selbständig zu werden.

Strafkürzungen bei Hartz IV "nur" noch maximal 30 Prozent

Bis Ende 2019 waren unter 25-Jährige zudem besonders hart von Strafkürzungen bei Hartz-IV-Leistungen betroffen. Immer, wenn sie einen (auch noch so unpassenden) Job nicht angenommen oder sonst etwas nicht genau so gemacht haben wie vom Jobcenter vorgeschrieben, wurde die Unterstützung gekürzt. Gar nicht selten auf Null. Nachdem das Bundesverfassungsgericht solche Kürzungen um mehr als 30 Prozent als verfassungswidrig verboten hat, sehen die Jobcenter auch bei den unter 25-Jährigen davon ab.

Autorin: Monika von Aufschnaiter

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