BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Auf die Plätze ... Das 25. Deutsche Gehörlosen-Sportfest in Dresden

Zweimal wurde die Veranstaltung verschoben – doch nun konnte es endlich stattfinden: das Deutsche Gehörlosen-Sportfest in Dresden. Ein Großevent, dem Corona letztlich keinen Strich durch die Rechnung machen konnte. Sehen statt Hören war dabei - vor und hinter den Kulissen.

Published at: 8-9-2021

Über 100 Jahre ist es her, als das erste Gehörlosen-Sportfest stattfand – 1920 in Erfurt. In diesem Jahr dauerte das Ereignis ganze drei Tage und auch wenn einige Sportarten aufgrund der Pandemie ausfallen mussten, war ein breitgefächertes Angebot geplant – von Basketball über Dart bis Wandern, von Nordic Walking über Fußball oder Motorsport bis Schach gab es in fast 20 Sportarten Wettkämpfe. Trotz der Corona-Situation und der Sommerferien haben sich schließlich 1.000 Sportlerinnen und Sportler angemeldet. Denn: Das Sportfest ist – natürlich – zunächst ein sportlicher Wettbewerb, aber auch ein großes soziales Ereignis. Gerade nach den Zeiten des Abstands und der stark reduzierten Kontakte genießen viele das Aufeinandertreffen und der persönliche Austausch hier. Es traf sich eine buntgemischte Truppe: von echten Europa-, Weltmeistern und Deaflympics-Siegern über Breitensportler bis hin zu den kleinen Stars von morgen.

Medaillengewinner

Jason Giuranna schaut sich auf dem Sportfest um

Sehen statt Hören-Moderator, Jason Giuranna trifft auf einen amtierenden Europameister: Urs Breitenberger hat in Griechenland bei der Europameisterschaft zwei Medaillen im Tennis geholt – Gold und Silber, im Mixed und Doppel. Er war aber auch schon Weltmeister und hat die Deaflympics gewonnen. Nächstes großes Ziel: die Deaflympics im Mai 2022 in Brasilien, auf die er sich mit seinem Trainer Torsten Vonthein bereits vorbereitet. Doch auch das ist in Zeiten von Corona nicht einfach, schließlich sind die Sporthallen größtenteils geschlossen. Trotzdem ist der Trainer guter Dinge.

"Die aktuelle Mannschaft hat die Deaflympics im Blick und weiß, das Ziel ist nicht mehr weit. Sie trainieren hart und ich bin überzeugt, wir werden einige Medaillen holen."

Urs Breitenberger

Jason probiert sich beim Schießen

Der zweite Medaillengewinner und mehrmaligen Deaflympics-Sieger, den Jason Giuranna am Sportfest trifft, ist Ingo Schweinsberg. Seine Disziplin: das Sportschießen. Am liebsten schießt er mit dem Gewehr, in der „Königsdisziplin“ – dem Dreistellungskampf. Hier hat er viele Erfolge geholt. Doch was macht einen guten Schützen aus?

"An erster Stelle steht das Mentale. Man braucht ruhige Nerven und die Kraft spielt nur eine Nebenrolle. Wichtig ist auch die Technik, die Körperstellung, die Konzentration – was geht, dann die Visierung auf das Ziel und die Überlegung, ab wann geschossen wird."

Ingo Schweinsberg

Mit festem Blick auf die Deaflympics

Auch die Beachvolleyball-Teams haben große Pläne für 2022 – selbst wenn es bei der vergangenen Weltmeisterschaft für das Treppchen gereicht hat.

"Unsere Entwicklung für die Zukunft könnte sehr gut sein. Ich kann mir das gut vorstellen. Was die Vorbereitung betrifft: Normalerweise wären die Spiele im Winter. Nun sind sie verschoben worden. Also mussten wir neu planen. Wir werden im Winter in einer Beach-Halle trainieren und im Sommer natürlich Turniere bei Hörenden spielen und viel draußen trainieren."

Max Pähler

Der Nachwuchs – vielversprechend und dennoch in misslicher Lage

Auf dem Sportfest waren aber nicht nur die Medaillengewinner am Start, sondern auch die Kinder, die möglichen Medaillengewinner von morgen, sozusagen die Zukunft und Hoffnungsträger im Gehörlosensport. Doch die Deutsche Gehörlosen-Sportjugend (DGSJ) ist derzeit in einer misslichen Lage: Nachdem ein ehemaliges Vorstandsmitglied im letzten Sommer 75.000 Euro veruntreut hat, herrscht bei der Jugend eine sehr schwierige finanzielle Situation. Die Vorstandschaft startete einen Spendenaufruf. Mit Erfolg?

"Im Moment läuft ein Gerichtsverfahren. Deshalb kann ich keine weiteren Details dazu sagen. Wir mussten überlegen, was wir machen. Also haben wir den Spendenaufruf gestartet. Anfangs lief es wahnsinnig gut, aber dann ging es eher schleppend voran. Uns fehlen noch 40.000 Euro. Wir haben noch einen Monat Zeit und hoffen, dass es bis dahin klappt."

Claudia Raschke, Beisitzerin DGSJ

Krisenstimmung auch im Verband

Norbert Hensen

Nicht nur bei der Jugend, sondern auch beim Deutschen Gehörlosen-Sportverband (DGSV) herrscht seit geraumer Zeit Unruhe. Was ist da los?

Norbert Hensen, Vizepräsident DGSV, nimmt Stellung

Die Deutsche Gehörlosen-Sportjugend will beim DGSV austreten und eigenständig werden.

„[…] die Zusammenarbeit mit der Sportjugend ist nicht so einfach. Mit dem neuen Vorstand gab es ein bisschen Reibereien, aber aktuell haben wir einen Konsens und die Schwierigkeiten sind soweit beseitigt. Das passt.“

Der DGSV selbst ist beim Deutschen Gehörlosen-Bund zuerst ausgetreten und dann wieder eingetreten.

„[…] das mit dem Gehörlosen-Bund ist noch nicht geklärt. Es ist so, dass wir beim DGB Mitglied sind und wir haben das Gefühl, vom DGB nicht wertgeschätzt zu werden. Wir sind ja auch ein Dachverband, so wie der DGB. So passt es irgendwie nicht, dass wir dort untergeordnetes Mitglied sind. Wir haben den Sportbereich und der DGB den Kulturbereich. Unser Ziel ist, eine Kooperationsvereinbarung abzuschließen und dass wir als Dachverbände die jeweils eigenen Interessen vertreten. Das ist aber noch nicht abgeschlossen. Beim bevorstehenden Verbandstag wird das noch einmal entschieden.“

Beim DGSV gibt es viele Austritte von Mitgliedern zu verzeichnen

„[…] Das passiert im Moment überall. Wir haben das Ziel, mit der DGSJ eng in Sachen Jugendarbeit zu kooperieren. Mit dem entsprechenden Empowerment im Jugendbereich können mehr junge Leute in den Verband geholt werden. Die Technik ist immer mehr verbreitet, also Videospiele, private Treffen; viele haben keine große Lust mehr auf Sportvereine. Für dieses Problem muss man Lösungen finden.“

Es gibt also noch viel zu tun für den DGSV – nicht nur nach innen, sondern auch nach außen. Gerade in Sachen Öffentlichkeitsarbeit und Sponsoren ist man jedoch am Ball. Und auch sportlich muss man sich wieder verbessern: Die Leistungssportförderung könnte nach den Deaflympics 2022 vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) gestrichen werden. Der Grund: Der DGSV rutschte im Medaillenspiegel immer weiter ab. Gerade noch Rang 14 belegt der Verband, das ist weit weg von der Weltspitze – und dadurch eigentlich nicht mehr förderungsfähig.

Ein Resümee

Preisverleihung am Abschlussfest

Trotz der Problemfelder im Bereich des Gehrlosensports war das Sportfest in Dresden eine sehr gelungene Veranstaltung. Für die Teilnehmer war es wichtig, wieder zusammenzukommen. Egal, ob Spitzensportler oder Breitensportler -  alle haben sich wohlgefühlt und konnten wieder zurück zu etwas Normalität. Da konnte auch der viele Regen die Stimmung nicht wirklich trüben.

Wann und wo das nächste Sportfest stattfindet, ist noch nicht klar.


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