BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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„Was (be)hindert uns?!“ Ismaninger Inklusionsgespräche

Immer am letzten Samstag im September findet der Tag der Gehörlosen statt, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Dieser Tag soll zum Anlass genommen werden, um auf die Situation Gehörloser hinzuweisen. Aber wie ist die Situation Gehörloser in Deutschland?

Stand: 23.09.2017

Ismaninger Inklusionsgespräche | Bild: BR

Sind Integration, Inklusion und Teilhabe erreicht? Was fehlt, damit auch Gehörlose am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können? Und welchen Beitrag können Gehörlose selbst auf dem Weg in eine inklusive Gesellschaft leisten? Diese Fragen hat Sehen statt Hören-Moderatorin Anke Klingemann mit spannenden Gästen diskutiert.

Die Diskussionsteilnehmer

Thomas Geißler

... ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt Universität in Berlin und unterrichtet Deaf Studies.

Patty Shores-Hermann

... lehrt als Professorin an der Hochschule für Heilpädagogik in Zürich. Sie hat in den USA, Canada und Großbritannien studiert.

Andreas Unruh

... arbeitet als Erzieher im Internat für gehörlose Schüler.

Viola Kunkel

... ist Gebärdensprachdozentin und Internetaktivistin. Sie lebte einige Jahre in Berlin, ist kürzlich aber wieder zurück nach Würzburg gegangen, um dort ein DGS-Café zu eröffnen.

Sprache

Gebärdensprache / Sprache

Viola Kunkel

 "Lautsprache ist überall präsent, aber Gebärdensprache nur sehr wenig. Deshalb muss für Gebärdensprache mehr Öffentlichkeitsarbeit gemacht werden. Gebärdensprache soll nicht nur in Studentengruppen oder Gehörlosenvereinen präsent sein, sondern auch in der Stadt, im öffentlichen Leben, unter Menschen. Man muss immer wieder auf Gebärdensprache hinweisen, bei Veranstaltungen, in Kursen, bei Jugendprogrammen. Das muss mehr werden. Hörende sollen sie auch wahrnehmen und mehr darüber lernen.  Das ist mir wichtig."

Patty Shores-Hermann

Wir sprechen immer wieder von "gehörlos", den "Gehörlosen", dem Begriff "taub". Wir sollten zuerst einmal die Begrifflichkeiten ändern und von uns - den "Gebärdensprachnutzern" sprechen [...]. Es meint also, dass die Sprache im Vordergrund steht. Der Mensch mit seiner Sprache. Erst wenn wir unser Verständnis dafür verändern, dann ändert sich auch unsere Haltung."

Thomas Geißler

"Wenn man sich zum Beispiel die Anerkennung der Deutschen Gebärdensprache als eigenständige Sprache anschaut. Das ist von großer Bedeutung, wodurch sie einen richtigen Status bekommen hat. Doch wenn man genauer hinschaut, muss man fragen: Ist die DGS wirklich der Lautsprache gleichgestellt? Eher nicht. Zwar ist die Gleichstellung im Gesetz benannt, aber dem ist nicht so. Das Hauptproblem bei den Menschen ist die Einstellung. Es gibt noch zu wenig Aufklärung über die Deutsche Gebärdensprache und ihren Status. Das ist noch nicht in den Köpfen. Viele glauben noch, das ist eine Art Affensprache. Dieses Denken gibt es heute noch."

Gesellschaftliche Entwicklung

Gesellschaftliche Entwicklung

Thomas Geißler

"Natürlich ist es so, dass Gehörlose eine Minderheit darstellen. Und das Umfeld der Gehörlosen stellt eine andere Form da. Es sind die Hörenden. Es werden immer die Begriffe "hörend" und "gehörlos" gegenübergestellt. Wir sprechen immer wieder von den "Hörenden". Aber für das hörende Umfeld ist diese Unterscheidung in "hörend" und "gehörlos" gänzlich unbekannt. Aber aufgrund der Erfahrungen, die ein Gehörloser mit dem Heranwachsen macht, weiß er, dass es in der Mehrheitsgesellschaft bestimmte Normen, Sitten und Bräuche gibt. Wir Gehörlose mussten uns immer daran anpassen.  Das ist sehr typisch. Seit der UN-Behindertenrechtskonvention und dem neuen Begriff der "Inklusion" haben wir auf einmal die Möglichkeit, uns neue Gedanken darüber zu machen und uns damit auseinanderzusetzen."

Patty Shores-Hermann

"Jahrelang sind wir Gehörlose ausgegrenzt, separiert worden. Das dauerte über 50 Jahre und es war System gemacht. Und wenn jemand wie Andreas auf eine hörende Person trifft, weiß diese nicht, wie sie mit ihm umgehen soll. Deshalb brauchen wir eine inklusive Haltung. Sie muss aber sehr früh, bei kleinen Kindern und in der Schule beginnen. Es ist dann ein 50 jahrelanges Projekt, in dem Menschen lernen, was es bedeutet unterschiedlich oder anders zu sein. Es geht um Diversität. Das ist wichtig, um ein gutes Zusammenleben zu erreichen."

Thomas Geißler

"Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass man zurückschauen muss. Gehörlose haben immer wieder herbe Rückschläge erlitten. Sie haben nicht von sich aus einfach mal so ein Feindbild entwickelt. Es sind die vielen Rückschläge, die sie in diese Abwehrhaltung brachten. Das Zweite, was wichtig ist; bekommen Gehörlose auch den Respekt und die Akzeptanz von Hörenden? Gehörlose sind diesbezüglich sehr verunsichert, weil sie immer wieder diese Rückschläge erfahren haben. So sind sie immer in die sehr abwartende und abwehrende Haltung geraten. Deshalb muss man nach neuen Wegen suchen, wie vorhin gesagt wurde, Schulungen machen oder zur Zusammenarbeit kommen und den interkulturellen Ansatz finden, um miteinander zu kommunizieren und beide Seiten zu verstehen und aufzuklären."

Inklusion

Inklusion

Patty Shores-Hermann

"Seit 2004 wird im deutschsprachigen Raum der Begriff "Inklusion" verwendet. (…). Das war der Moment, in dem man sich vom Begriff der Integration abgrenzte. Ich glaube, wir sind uns bisher im deutschsprachigen Raum nicht im Klaren darüber, was Integration eigentlich gemeint hat. Und plötzlich kam (…) aufgrund der UN-Behindertenrechtskonvention der Begriff der Inklusion auf. Bevor wir über Inklusion sprechen, müssen wir ein Verständnis über das Zustandekommen der Begrifflichkeiten haben. In Deutschland wurde die Konvention ratifiziert und zwar von oben nach unten. Die Bundesregierung (…) hat "ja" zu dieser Konvention gesagt und diese entsprechend ratifiziert. Doch in der Konvention ist von Integration und nicht von Inklusion die Rede. Es war also ein Übersetzungsfehler."

Thomas Geißler

 "Das Ziel von Inklusion ist ja (…): also viele Menschen leben miteinander und nebeneinander, oder es zeigt eine bunt gemischte Gesellschaft. Aus meiner Sicht ist das Hauptproblem, dass es beim Inklusionsverständnis ja darum geht, dass jeder respektiert wird und alle Menschen gleich sind. Aber da muss dann schon genauer hinschauen. Wenn es also darum geht, dass man sich über die Idee und dem Wunsch von Inklusion austauschen will, dann findet dieser Austausch und die Kommunikation in Deutschland typischerweise natürlich in Lautsprache statt. Da sprechen Behindertengruppen mit anderen Personen miteinander. Aber wir Gehörlose wollen Inklusion auch mitgestalten und uns mit einbringen. Doch unser Sprachmodell ist ein anderes. Dort wird gehört und gesprochen. Und wir gebärden und sind visuell ausgerichtet. Das stellt ganz andere Anforderungen. Deshalb ist die Artikulation der Forderungen Gehörloser wie bei der Demo immer abhängig vom Einsatz von Dolmetschern. Und damit sich zwei unterschiedliche Sprachmodelle nicht hinderlich gegenüberstehen, braucht man Dolmetscher, die die Brücke zwischen beidem bauen. Das Problem ist, mit dem Dolmetscher ist immer eine Dienstleistung eingebunden, die vermittelt. Aber entspricht das unserem Inklusionsgedanken?!"

Andreas Unruh

"Ein ganz banales Beispiel; ich bin zum Bäcker gegangen und habe "Hallo, Guten Morgen" mit Gebärden begleitet. Da kam schon die erste Verwunderung. Aber ich habe die Verkäuferin erst einmal gelassen. Dann habe ich "Ich hätte gerne eine Semmel" auch mit Gebärden gezeigt. Sie war nach wie vor ganz verunsichert, aber das war okay. Als ich dann am nächsten Tag wieder bei derselben Verkäuferin gezeigt habe, dass ich taub bin und etwas bestellen möchte, bin ich von oben herab behandelt worden. Das war die gleiche Person. Es ist also meine Aufgabe, aktiv zu werden. Dann kommen schon ganz andere Reaktionen. Stellt sich also die Frage, ob es im Sinne der Inklusion auch nicht meine Aufgabe ist, aktiv zu werden. Oder warten wir, bis da oben etwas passiert? Ich glaube, ein jeder von uns muss etwas machen. So kann man etwas bewegen."

Thomas Geißler

"Ziel muss sein, dass alte Denkmuster in den Köpfen abgelegt werden. Da spricht die Wissenschaft von "Paradigmenwechsel". Es geht also darum, umzudenken und die Bedürfnisse und Qualifikationen von Gehörlosen zu berücksichtigen."

Patty Shores-Hermann

"Wir brauchen eine inklusive Haltung. Sie muss aber sehr früh, bei kleinen Kindern und in der Schule beginnen. Es ist dann ein 50-Jahre-langes Projekt, in dem Menschen lernen, was es bedeutet unterschiedlich oder anders zu sein. Es geht um Diversität. Das ist wichtig, um ein gutes Zusammenleben zu erreichen."

Was können wir tun?

Thomas Geißler

„Wir haben in Zeiten einer demokratischen Bewegung oder in diesem Prozess die Möglichkeit, dass jeder selbst die Ärmel hochkrempeln und aktiv werden darf. Man muss nicht darauf warten, bis da oben etwas passiert. Den Blick müssen wir auf uns selber richten.“

Patty Shores-Hermann

„Wir müssen uns gemeinsam ein wenig mehr stärken - selbstbewusster auftreten und unsere Bedürfnisse mittels der Gebärdensprache klarer mitteilen.“

Andreas Unruh

„Man muss mutig sein, freundlich bleiben und etwas aushalten können. (…) Es ist eben ein Prozess. Deshalb ist es mir wichtig, dass nicht nur das Gegenüber auf mich zugeht, sondern ich auch auf ihn. Es ist ein langsames Aufeinander-Zugehen, um dann friedlich in Kontakt zu treten. Es geht um die positive Haltung.“ 

Patty Shores-Hermann

„Ich glaube, es geht erst einmal darum, dass wir unsere Haltung ändern sollten. Wir haben uns die Hörenden zum Feindbild gemacht, aufgrund der Geschichte. Wir selber müssen uns davon lösen. Erst dann können wir auch politisch handeln und uns mitteilen, dass wir zum Beispiel Steuerzahler sind und auch den Lohn der Politik mittragen. Im Gegenzug muss Politik etwas leisten. Und wenn es dann um unsere Wünsche geht, können wir anders gemeinschaftlich auftreten, zum Beispiel auch gemeinsam mit anderen Behindertenorganisationen. So können wir stärker unseren politischen Willen kundtun.“

Thomas Geißler

 „Da gibt es verschiedene Punkte. Ich würde einen Punkt besonders nennen. Das ist die Arbeit an der Basis, also die Aufklärung. Hinzu kommt die weitere Forschungsarbeit, wodurch Missverständnisse abgebaut werden können und Meinungen wiederlegt werden. Dafür braucht es Fakten. Und ein weiterer Punkt ist sicherlich die politische Arbeit.“

3 Fragen an Prof. Clemens Dannenbeck. Ein Interview - exklusiv online

Prof. Clemens Dannenbeck von der Fachhochschule Landshut ist Soziologe und beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Inklusion. Uns hat er ein paar Fragen beantwortet ...

Die Gesetze und Konventionen

Die Behindertenrechtskonvention wurde von der UNO-Generalversammlung 2006 verabschiedet und trat 2008 in Kraft. Es ist ein Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Der Inhalt der UN-Behindertenrechtskonvention kann unter den folgenden Links nachgelesen werden.

Die Behindertenkonvention in leichter Sprache Format: PDF Größe: 1,7 MB

Die ganze Sendung zum Nachschauen:

Impressionen von den Dreharbeiten in Ismaning


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