BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Ismaninger Inklusionsgespräche Dr. Paddy Ladd zu Gast bei Anke Klingemann

Dr. Paddy Ladd hat viele Jahre an der Universität am "Center for Deaf Studies" in Bristol gelehrt und geforscht. Er ist der Auffassung, dass die Gehörlosengemeinschaft gestärkt werden muss - durch Wissen über die eigene Geschichte und Kultur. Doch wie passt das zur Inklusion? Seine Sichtweisen erklärt er in den Ismaninger Inklusionsgesprächen.

Stand: 28.09.2019

Schon zum dritten Mal lädt Sehen statt Hören-Moderatorin Anke Klingemann anlässlich des Internationalen Tags der Gebärdensprache am 23. September zu den Ismaninger Inklusionsgesprächen ein.

Diesmal zu Gast: Dr. Paddy Ladd.
Er war einer der ersten, der Gehörlosenkultur, insbesondere das Verständnis von Gehörlosenkultur zu seinem Forschungsgebiet gemacht hat. Sein wichtigstes Werk "Was ist Deafhood?" gilt als das Standardwerk zur Gehörlosenkultur.

Deafhood - die Gemeinschaft stärken durch Wissen

Deafhood ist in den Augen von Paddy Ladd kein Zustand, sondern ein kontinuierlicher Prozess: Gehörlose müssen sich demnach ihrer eigenen Geschichte, Kultur und Gemeinschaft bewusst sein, um auf Basis dieses Wissens und Verstehens Stärke zu ziehen – wiederum für die eigene Kultur. Im wahrsten Sinne also ein über sich selbst bewusst sein für das Selbstbewusstsein.

Die eigene Geschichte zu verstehen, bedeutet für Paddy Ladd den Blick weit zurück zu wenden: auf die positiv geprägte und gegenüber Hörenden offene, zugewandte Zeit vor dem Oralismus. Nach dem Oralismus herrschte überwiegend Ablehnung und Misstrauen gegenüber Hörende.

"Der Oralismus hat einen Keil hineingeschlagen. Gehörlose waren vorher mit Hörenden immer im Austausch und ihnen gegenüber offen. Danach hat sich das geändert. Sie waren passiv und wollten mit Hörenden nichts mehr zu tun haben. Die Gemeinschaft der Gehörlosen ist sehr klein. Für die Auseinandersetzung mit der Politik, mit der Regierung braucht sie eine starke Basis."

Dr. Paddy Ladd

Paddy Ladd findet: Zu dieser Basis müssen dann auch hörende Mitstreiter gehören – allerdings sind Gehörlose gefragt, die Visionen und Vorstellungen zu entwickeln. Also: Gehörlose schreiten – gestärkt durch Deafhood - voran, Hörende unterstützen sie in ihren Zielen und kämpfen mit und für sie.

Was braucht Deafhood heute?

Im Gegensatz zu Deutschland wurden in England Gehörlosenschulen bereits zahlreich geschlossen, ebenso in Dänemark. In Deutschland existieren die Gehörlosenschulen noch. Dr. Paddy Ladd folgert daraus auch, dass die Gehörlosengemeinschaft deshalb hier in Deutschland noch stärker ist.

In Bildungsfragen problematisiert er auch die Haltung des WFD beim Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention, in dem der WFD für eine inklusive Beschulung steht – und damit gegen Gehörlosenschulen. Aber wo wollen Gehörlose Wissen über ihre eigene Geschichte und Kultur erlangen, wenn nicht in Gehörlosenschulen?

"Es ist interessant zu sehen, wie unterschiedlich das zwischen England und Deutschland ist. Ich wurde als Kind regelbeschult und das war keine Inklusion. Ich habe es selber erlebt, wie schlecht es mir ging. Mir war nicht einmal klar, wer ich selber bin. Und eines noch, bei meiner Regelbeschulung wurde ich als Einzelner integriert. Im sozialen Miteinander ist es aber wichtig, zu wissen, wer man selber ist. Das war bei mir nicht so."

Dr. Paddy Ladd

Auch die Gruppe soll Teil der Gesellschaft sein

Ladd bemängelt deshalb den Grundgedanken der UN, nur das Recht des Einzelnen im Blick zu haben. Geht es um Dolmetscher, die Zugang zu Hörenden ermöglichen, ist das unstrittig. "Aber keiner hilft der Gemeinschaft der Gehörlosen, ihrer Kultur, Geschichte und Kunst. Als ganze Gruppe können die Gehörlosen nicht Teil der Gesellschaft sein."

"Wir gehören zwar zur Gruppe der Behinderten, sind aber auch eine sprachliche Minderheit, also beides. Das ist wichtig. Zudem kommt, dass wir eine kulturelle Minderheit sind, so wie Indianer oder andere Gruppen. Dagegen hat sich die UN lange verwehrt."

Dr. Paddy Ladd

 Ist Inklusion mit Deafhood vereinbar?

Paddy Ladd hält Deafhood und Inklusion gleichermaßen für wichtig.

"Wir Gehörlose tragen zwei Kulturen in uns. Wenn man in Deutschland lebt, hat man die deutsche, hörende Kultur, mit der man unterwegs ist. Wenn man sich aber über die zweite Kultur nicht im Klaren ist, wird es schwierig. Dafür ist Sensibilisierung wichtig. Ich muss also akzeptieren, beide Kulturen mit mir zu tragen, wenn ich in der Mehrheitsgesellschaft agieren möchte und dem inklusiven Gedanken gerecht werden möchte. Ich muss mich aber auch mit der Gehörlosengemeinschaft auseinandersetzen und diese Kultur pflegen. Die Gemeinschaft darf nicht verloren gehen. Es geht also um beides."

Dr. Paddy Ladd


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