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Geschichte der Deutschen Gebärdensprache (1/6) Professor Prillwitz - Sprachwissenschaftler und "Erfinder" der DGS

In der Corona-Krise hat sich erneut gezeigt, wie wichtig Gebärdensprache ist. Und dass die Gemeinschaft der Gebärdensprachnutzer bis heute um das Recht auf ihre Sprache kämpfen muss. In den 1980er Jahren legten einige Pioniere den Grundstock für die DGS, wie wir sie heute kennen. Für die kommenden drei Folgen bergen wir Archivschätze über Erforschung und Geschichte der Deutschen Gebärdensprache. Professor Prillwitz macht den Anfang.

Stand: 05.06.2020

Er war es, der zusammen mit seinem Team den Begriff "Deutsche Gebärdensprache" einführte und in seiner Forschung Beweise erbrachte, dass es sich um eine vollwertige Sprache handelt.

Prof. Prillwitz und sein Forschungsteam

"In dem Moment, wenn man so argumentiert, dass die Gehörlosen eine sprachliche Minderheit sind mit einer eigenen Sprache, nämlich ihrer Gebärdensprache, muss man natürlich als erstes mal nachweisen, dass diese Sprache auch wirklich eine Sprache ist. Das war ja bis vor 20, 30 Jahren in Deutschland nicht nur nicht bewiesen, sondern wurde insbesondere von den Gehörlosenpädagogen massiv angezweifelt. Das, was die Gehörlosen mit den Händen machten, war so ein Sprachersatz bestenfalls, aber keine richtige Sprache. Das bedeutet, als erstes musste man mal gemeinsam erforschen: Wie funktioniert die DGS in unserem Fall, also die deutsche Gebärdensprache, wie sieht die Grammatik aus, wie ist das mit dem Lexikon und nach welchen Regeln wird da kommuniziert? Und diese Dinge, die muss man dann als erstes ja auf den Tisch legen können, wenn man behauptet, das ist eine vollwertige Sprache, also müsst ihr sie auch in der Pädagogik oder in der Kommunikation mit Gehörlosen verwenden. Das haben wir dann ja gemacht."

Professor Siegmund Prillwitz

Auf einem Kongress Mitte der 80er Jahre präsentierte das Forschungs-Team um Professor Prillwitz seine Ergebnisse. Sie hatten mit Gehörlosen eng zusammengearbeitet und die hielten den Vortrag. In Gebärdensprache. Eine Dolmetscherin übersetze. Was heute völlig normal erscheint, war damals verpönt.

"Die Gehörlosenpädagogen waren ungeheuer sauer, dass ihre Musterschüler da auf einmal gebärdeten auf der Bühne, wo sie ihnen mühsam vorher das Sprechen und Ablesen beigebracht hatten. Also das war, wie wenn man in ein Wespennest sticht. Das waren die 80er Jahre, wo es wirklich ein Kampf war, emotional ein sehr harter Kampf war für alle Beteiligten, und wo man durch musste, aber gleichzeitig irgendwie auch die wissenschaftliche solide Grundlage finden musste, sonst hätte man nicht argumentieren können."

Professor Siegmund Prillwitz

Demonstranten fordern Deutsche Gebärdensprache - "DGS jetzt"

Der inzwischen 15 Jahre alte Archiv-Beitrag zeigt auch das Team um Prillwitz: Alexander von Meyenn, Heiko Zienert, Wolfgang Schmidt, Regina Leven und Bernd Rehling. Außerdem kommen weitere berühmte Personen aus der Gemeinschaft der Gebärdensprachnutzer zu Wort: Uli Hase, Stefan Goldschmidt oder auch Dr. Chrissostomos Papaspyrou. Moderiert hat die Sendung damals Jürgen Stachlewitz, Kilian Knörzer ist der Sehen statt Hören-Moderator, der die Reihe "Pioniere der Deutschen Gebärdensprache" rahmt.


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