BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Gebärdensprache am Münchner Volkstheater Das "Gehörlosen-Hörspiel"

Das "Gehörlosen-Hörspiel" am Münchner Volkstheater ist eine Annäherung an das Unmögliche, ein Experiment, das von einer Begegnung erzählt. In der Hauptrolle ist Steve Stymest der einzige Gehörlose unter ansonsten Hörenden im Team. Für die Künstler kommt noch eine ganz andere Herausforderung hinzu: Am Ende ihrer Probenphase beginnt in Deutschland die Corona-Krise.

Von: Stephanie Wolf (Film & Online-Text)

Stand: 18.04.2020

Ein Hörspiel mit Gehörlosen und für Gehörlose am Münchner Volkstheater, das kann es nicht geben! Oder doch?

Steve Stymest tippt im Techno-Club die Antwort ins Handy

Der Regisseur Noam Brusilovsky will dieses ästhetische Experiment unbedingt anpacken, als er im Techno-Club zufällig auf einen Mann trifft, der nicht hören kann. Steve Stymest tanzt wie jeder andere zu den wummernden Bässen. "Bist du wirklich gehörlos?" - "Bist du wirklich hörend?", kontert Steve.

Realität und Fiktion verschwimmen. Die reale Person Noam Brusilovsky wird zum Regisseur und überträgt die Rolle des hörenden Techno-Fans dem Schauspieler Steffen Link. Der erzählt auf der Bühne von dieser Begegnung weiter:

Der Hörende verliebt sich sofort - in die Person Steve Stymest? Oder aber in das Exotische des Nicht-Hörens und der Gebärdensprache?

Eine Parallele

Schauspieler, Regisseur, Dramaturgen - das Team vom "Gehörlosen-Hörspiel" mit Goldener Platte

Gemeinsam schreiben sie ein Manuskript für das "Gehörlosen-Hörspiel", lassen Intimität dabei spüren und driften* in weite Sphären ab: Eine Parallele wird gesponnen zur Voyager-Mission, bei der die Goldene Platte mit Bild- und Audio-Informationen über die Menschheit ins Weltall geschossen wurde. Das Absurde dabei: Im luftleeren Raum kann es keinen Schall geben, es ist unmöglich, im All eine Platte abzuhören. Dieser Versuch ist ebenfalls gescheitert.

Spiel mit Identitäten

Die drei Darsteller*innen umkreisen aber auch insofern die Geschichte, als dass sie sich um sich selbst drehen: Jeder stellt seine Biografie zeitweilig in den Vordergrund. Und bei jeder persönlichen Geschichte steht die Frage nach Identität im Raum. Wer ist man denn wirklich?

Abwechselnd erzählen die Darsteller*innen ihre individuelle persönliche Geschichte. Verlassen ihr Hörspielstudio und kreisen um sich selbst.

Und bei jeder dieser biografischen Geschichten steht die Frage nach Identität im Raum. Wer ist man denn wirklich?

"Jeder muss auf etwas verzichten, damit man zusammen kommt"

Antonia Alessia Virginia ist Soundkünstlerin. Ihre Identität verknüpft sie mit ihrem Studentenleben, Party, Verliebtsein und vor allem Musik - die es im Hörspiel für Gehörlose aber kaum noch geben kann.

Sie muss für dieses Stück das aufgeben, was sie als Künstlerin ausmacht: Sound. Mit Hilfe eines technischen Systems übersetzt sie Geräusche in Lichtsignale.

Der Schauspieler Steffen Link berichtet von seinen ersten Karriereschritten - die ihm als Stefan Wink gelungen sind. Eine Verwechslung? Hat sich die Jury beim Schauspielercasting verhört? Oder hat er sich als jemand verkauft, der er selbst nicht war - denn aus dem Internet wusste er, dass es den Schauspieler Stefan Wink wirklich gibt.

Im Münchner Volkstheater steht Steffen Link alias Stefan Wink nun auf der Bühne und muss fast vollständig auf das verzichten, was ihn und auch den anderen Schauspieler, für den er sich lange ausgegeben hatte, groß gemacht hat: seine Stimme, seine Bühnensprache, sein verbaler Ausdruck.

Und was ist mit Steve Stymest, der eigentlich einmal Marco hieß? Was ist seine Identität?

"Ich hab' mir eigentlich so ein typisches Theater vorgestellt: Ich bekomme meine Rolle, meinen Text und muss das dann spielen - sowas in der Art hab ich erwartet. Tatsächlich war es komplett und grundlegend anders. Es war experimentelles Arbeiten. Ich hab' von meiner Vergangenheit und von meinem Leben erzählt. Davon, wie ich mit Hörenden umgehe, von meinem Trauma und wie ich mit meinem Hörverlust umgehe. Also es war ein extrem erforschendes Vorgehen. Ich hab' eigentlich alles gegeben, was ich bin. Und das Ergebnis davon ist dieses Stück."

Steve Stymest

Noam Brusilovsky reflektiert in seiner Arbeit, inwiefern oder ob sie kulturelle Aneignung ist. Er lässt auf der Bühne auch klar aussprechen, dass er seinem Hauptdarsteller zu nah gekommen ist.
Dass Noam Brusilovsky autobiografisch arbeitet, ist sein Markenzeichen. Sich selbst und seine Hodenkrebserkrankung hat er in einem früheren Werk thematisiert. In diesem Stück experimentiert er mit "dem Gehörlosen", aber auch mit den anderen Personen: "Jeder muss auf etwas verzichten in dieser Arbeit, damit man zusammenkommt", so Noam Brusilovsky.

An der Corona-Krise ungeplant gescheitert

Noam Brusilovsky und sein Team haben ein Stück produziert, das sie (vorerst) nicht zeigen können. Am Ende ihrer Probenphase beginnt in Deutschland die Corona-Krise. Wenige Tage vor der für den 13. März geplanten Premiere werden die Theater für öffentliche Vorführungen geschlossen. Der geringe Trost: Sie wollen an diesem Tag wenigsten für Freunde und Verwandte spielen. Doch auch daraus wird nichts. 24 Stunden vorher kommt die Anweisung, außer Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern darf ab da niemand mehr das Theater betreten. Auch wir vom BR können Interviews nur noch vor der Tür führen.

Vorab online schauen

Neugierig geworden? Dann schauen Sie schon am Donnerstag vor der Ausstrahlung online den neuen Beitrag von Sehen statt Hören.

* abdriften meint vom Kurs abweichen, sich von der eigentlichen Geschichte entfernen


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