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Trügerische Sicherheit Die Grenzen von Lawinen-Airbags & Co.

So flächendeckend heftige Schneefälle wie in den letzten beiden Wochen gab es auf der Alpennordseite zuletzt vor 20 Jahren, 1999, als dann auch das Lawinenunglück in Galtür passiert ist.

Von: Andrea Zinnecker

Stand: 19.01.2019

Ein Lawinen-Airbag gehört zur Notfallausrüstung für Touren mit Lawinengefahr - ebenso wie das Handy und ein digitales LVS. | Bild: picture-alliance/dpa

Diesmal sind wir zu Glück glimpflicher davongekommen, doch die große und zeitweise sogar sehr große Lawinengefahr hat ihren Tribut gefordert: nicht nur gesperrte Straßen, eingeschlossene Ortschaften und durch die Schneelast vom Einsturz bedrohte Hausdächer, sondern auch zwei Lawinentote in Bayern und 11 Lawinenopfer in Österreich.

Für besonderes Aufsehen hat der Lawinentod von vier Skifahrern aus Biberach in Lech am Arlberg gesorgt. Sie waren letzten Samstag in eine gesperrte Skiroute am Rüfikopf eingefahren und von einer Lawine verschüttet worden. Der „Lange Zug“ gilt mit stellenweise über 80 Prozent Gefälle als eine der steilsten Skiabfahrten weltweit. Auch die gute Ausrüstung mit LVS-Geräten und Lawinen-Airbags konnte da nicht mehr helfen.

Lawinengefahr heißt immer auch Lebensgefahr. So bringt es Robert Mayer, der Leiter des Referats Ausbildung im DAV, auf den Punkt. Ein Lawinen-Airbag, so sagt er, ist eine prima Sache, vor allem für Freerider, doch er hat auch Grenzen. Denn der Airbag funktioniert nur so lange wie die Lawine fließt. Kommt die Lawine zum Stillstand und eine weitere Lawine mit größeren Schneemengen nach, dann kann auch kein Airbag helfen. Es gibt zudem noch andere Grenzen für den Lawinen-Airbag, an die oft keiner denkt: Stürzt der Skifahrer mit der Lawine über eine Felskante oder drückt sie ihn gegen ein Hindernis wie zum Beispiel einen Baum, dann stehen die Überlebenschancen ebenfalls schlecht. Dazu kommt es immer auch auf die Art der Lawine an, resümiert DAV-Ausbildungschef Robert Mayer. Bei großen Staublawinen, die von weit oben mit enormen Schneemassen herabstürzen, ist die Hilfe des Airbags begrenzt. Am besten schützt der Lawinen-Airbag den Tourengeher und Variantenfahrer bei mittleren Schneebrettlawinen, die von ihm selbst ausgelöst werden.

Im Fall des Falles gilt es, den Lawinen-Airbag blitzschnell auszulösen, was leider nicht immer gelingt, sagt Robert Mayer. Die Statistik zeigt, dass viele der tödlich verschütteten Lawinenopfer den Airbag nicht rechtzeitig ausgelöst haben. Ist man bereits von der Lawine erfasst, kann die Auslösung auch ein mechanisches Problem werden.

Trotzdem – ein Lawinen-Airbag sollte unverzichtbar sein. Wie wichtig er ist, hat im Winter 2013/14 eine kanadische Studie gezeigt. Untersucht wurden 100 Lawinenunfälle ohne und 100 Unfälle mit Lawinen-Airbag. Ohne Airbag starben 22 Skifahrer, mit Airbag 13 – gerundetes Fazit: Der Lawinen-Airbag halbiert das Risiko in einer Lawine ums Leben zu kommen. Noch wichtiger als die technische Ausrüstung, aber ist die mentale „Ausstattung“: Vorsicht, Umsicht, Wissen und Erfahrung und auch der Mut zur Umkehr, betont Robert Mayer. Und man kann auch mal auf bessere Bedingungen warten, denn der Winter ist noch lang – und was den Schneedeckenaufbau angeht, zeigt sich, dass schneereiche Winter oft die lawinensicheren Winter sind.


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