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„Zieh“ mit Nostalgie Verfallene Skisprungschanzen im bayerischen Oberland

Jetzt fliegen sie wieder - die Skispringer bei der Vierschanzentournee, einem der berühmtesten Wintersport-Wettbewerbe überhaupt. Kaum ein Laie wird im Traum daran denken, von diesen Schanzen herunterzuspringen. Aber in einigen bayerischen Gegenden war der Skisprung tatsächlich einmal ein Breitensport mit zahllosen Geschichten.

Von: Georg Bayerle

Stand: 04.01.2020

Verfallene Skisprungschanzen im bayerischen Oberland | Bild: Franz Mettal

Im Oberland beispielsweise gab es fast in jedem Dorf eine Sprungschanze. Davon ist heute kaum mehr etwas zu sehen, die meisten Schanzen sind verschwunden und die, die noch da sind, muss man suchen.

Die Holzkonstruktion im Wald

Auf einem Waldweg geht es hinauf auf einen Hügel am Ortsrand von Finsterwald über dem Tegernsee. Ricarda und Thomas sind eigens aus Regensburg gekommen und folgen auf ihrer Winterwanderung einer besonderen Fährte. Die verfallene Sprungschanze von Finsterwald steht tatsächlich als „Cache“, als Versteck mit den GPS-Koordinaten im Internet. Der Sprungturm, ein mächtiges aus Holz zusammengezimmertes Gestell, erhebt sich zwischen den Bäumen. Auf der Geocache-Seite gibt es auch Informationen zum Objekt. Moment mal, sagt Kurt Jiptner, denn er war damals live dabei. Der 75-jährige Schlierseer ist zufällig zur gleichen Zeit mit einem alten Springerkollegen am Ort früherer Großtaten. Hunderte Zuschauer waren keine Seltenheit bei diesen Ereignissen, denn das Skispringen war Breitensport. Da hat dann einer beim anderen abgeschaut, wie es am besten geht - oder aber einer war dabei, der es richtig gut konnte.

Instinktiv erwacht der alte Bewegungsablauf

Kurt Jiptner hat es immerhin in die Jugendnationalmannschaft gebracht und zu einem dritten Platz bei den Deutschen Meisterschaften. Horst Möhwald brachte es sogar zur Olympiateilnahme. Die Schanze in Neuhaus am Schliersee, von der heute nichts mehr übrig ist, hatte zudem ein spezielles Kriterium, das Zaghafte sehr schnell vom Springen überzeugte, berichtet Jürgen Koschyk, der langjährige Vorstand des Skivereins in Neuhaus. Mit viel Einsatz und großer Begeisterung wurden die Skispringen im Oberland abgehalten. Der Tölzer Franz Mettal hat die Geschichte in den vergangenen Jahren recherchiert. Der Ausbau der Skigebiete, Lifte und die Mobilität führten zu Veränderungen im Wintersport und natürlich auch der Klimawandel mit immer weniger Schnee im Flachland - und so bleibt die alte Sprungschanze von Finsterwald nur noch als Geocache lebendig. Ein Relikt bayerischer Skigeschichte und ein passendes Ziel für eine Winterwanderung.

In Tölz 1949

Einen Film über die verfallenen Sprungschanzen und die jungen Skispringer von Oberaudorf, wo sich die Tradition erhalten hat, zeigt das BR-Fernsehen in der Sendung Schwaben & Altbayern sowie in der Mediathek.


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