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Wanderung auf den Krottenkopf Riese in den Bayerischen Voralpen

Der Krottenkopf ist mit 2.086 Metern nicht nur der höchste Gipfel im Estergebirge. sondern der höchste Punkt der gesamten Bayerischen Voralpen. Wer zu spät aufbricht, kann nicht nur wegen des Aufstiegs, sondern auch zeitlich ganz schön in Schwitzen geraten.

Von: Marlene Thiele

Stand: 24.06.2023

Riese in den Bayerischen Voralpen | Bild: BR; Marlene Thiele

Es ist schon 14 Uhr als wir in Oberau aufbrechen. Ich bin heute mit meinem Kumpel Clément unterwegs, der erst gestern Nacht aus Paris angekommen ist. Im Gepäck hatte er Baguettes, ich im Kühlschrank Käse und Wein - und dann war es auch schon drei Uhr morgens. Weshalb wir erstmal ausgeschlafen haben – und dann überlegt haben, ob es zu verantworten ist, so spät aufzubrechen. Wir entscheiden uns zu gehen, weil es um diese Jahreszeit lange hell ist und heute keine Gewittergefahr droht. Außerdem bietet die Weilheimer Hütte einen guten Anlaufplatz für den Notfall. Am Krottenkopf muss nur im felsigen Gipfelbereich etwas gekraxelt werden, ansonsten ist die Tour technisch gut machbar.

Wir steigen in Serpentinen auf und hören irgendwann auf, die Kurven zu zählen.

Die Tour hat es in sich: Vor uns liegen 1.430 Höhenmeter. Ohne Pausen sollten wir für den 2086 Meter hohen Gipfel und die Rückkehr ins Tal sieben Stunden brauchen. Exakt dann geht auch die Sonne unter – und danach gibt es noch eine knappe halbe Stunde Dämmerlicht. „Dann habt’s ihr noch ein gutes Stück des Weges vor euch“, sagt Berggeherin Doris, die uns entgegenkommt. „Das zieht sich, eine Serpentine nach der anderen. Aber der Weg ist nicht schwer und verlaufen kann man sich nicht wirklich.“

Nach den Serpentinen geht es eine Weile am Hang entlang. Nach knapp zwei Stunden lichtet sich der Wald. Vor uns springt eine einsame Gams über die Bergwiese. Wir werden weitere sehen – die Tiere sind jetzt nicht mehr so scheu, schließlich sind zu dieser Zeit hier oben kaum andere Wanderer unterwegs. Hinter einer Kurve kommt uns Angelika entgegen. Sie war mit einem älteren Bekannten auf dem Hohen Fricken, steigt gerade ab und möchte den Resttag in einem Cafe ausklingen lassen: „Ich versuche, wieder fitter zu werden, weil wir eine Runde um das Matterhorn planen".

Clément will auch Kondition sammeln und unbedingt das Gepäck für uns beide tragen. Völlig unbeschwert steige ich somit bergauf, entlang der von Latschen gesäumten Flanke des gut 2000 Meter hohen Bischofs im westlichen Teil des Estergebirges. Irgendwann haben wir freien Blick auf die Weilheimer Hütte und den Krottenkopfgipfel. Zwischen Hütte und Gipfel liegen nur zwanzig Minuten Aufstieg. Wir sind oben und genießen eine fantastische Rundumsicht. Der Wind pustet uns ordentlich durch.

Die Weilheimer Hütte auf 1.955 Metern Höhe.

Kurz nach sechs Uhr abends wird in der Weilheimer Hütte wird gerade aufgetischt. Hüttenwirte Dominik und Antonia sind seit gut einem Jahr hier und sehr zufrieden. Nur nette Gäste, sagt Dominik – fast alle kommen für eine Tour auf den Krottenkopf. Für ein Bier in der Hütte sind wir zu knapp dran. Es reicht aber für ein kurzes Gespräch mit Jens, der draußen auf der Terrasse steht. Seine Tour führt ihn von Oberau über ein paar Gipfel nach Eschenbach mit Übernachtung hier oben. Eigentlich kommt er aus Berlin, will ein bisschen den Kopf freikriegen für anderthalb Tage.

Morgen geht es für ihn zurück in den fernen Norden. Darum beneide ich ihn nicht, um die Nacht hier oben auf der Weilheimer Hütte aber schon. Clément und ich gehen auf dem Aufstiegsweg zurück, entlang der Latschenfelder, über die Wiesen und ein ausgetrocknetes Bachbett.

Heute ist es den ganzen Tag bewölkt doch es regnet nicht.

Kein Regen heute, wir haben Glück, werden beim Abstieg mit einem spektakulären Sonnenuntergang belohnt und erreichen das letzte flache Stück bei - zugegeben - grenzwertiger Dunkelheit. Immer noch zirpen die Grillen, unweit von uns gibt ein Jäger einen Schuss ab, wir aktivieren unser Handylicht. Bis zum Bahnhof sind es noch zwanzig Minuten. Was für eine schöne Tour. Nur auf die späte Rückkehr und das Rennen gegen die Zeit hätte ich verzichten können.


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