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IZI-Tagung 2019 Ein Bildschirm ist nicht genug: Multiscreen für Kinder

Die Medienwelten von Kindern haben sich unübersehbar verändert: Die Nutzung mobiler Medien nimmt zu, während die lineare Fernsehnutzung an Bedeutung verliert. Streaminganbieter sind auch im Kindermedienmarkt auf dem Vormarsch und die Ausspielwege verlagern sich auf Tablets und Smartphones.

Von: Dr. Maya Götz und Heike vom Orde, Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI)

Stand: 10.12.2019

Jahrestagung des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI), Tobias Krell und Expert*innen | Bild: IZI

Welche Chancen und Herausforderungen für Fernsehmacher*innen, Eltern und Pädagog*innen ergeben sich aus dieser neuen Medienrealität? Am 5. Dezember 2019 kamen rund 100 Teilnehmer*innen zur Jahrestagung des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) im Funkhaus zusammen, um diese Entwicklungen zu diskutieren. Die Moderation übernahm wieder Tobias Krell alias "Checker Tobi".

"Content is king, but ...": Wenn zu große Auswahl frustriert

Obwohl die lineare Fernsehnutzung nach wie vor den größten Teil des Medienbudgets von Kindern ausmacht, nimmt die Nutzung von On-Demand-Angeboten auf YouTube oder auf kommerziellen Streamingdiensten zu – und das ist auch international ein Trend. Das Überangebot an Bewegtbildformaten führt nach Ansicht des Kindermedienexperten David Kleeman (Dubit, USA) bei Kindern vor allem zu eins: zu Frustration.

Medienexperte David Kleeman

Da der Wettbewerb gerade im Kinderbereich immer schärfer und unübersichtlicher wird, fällt es Heranwachsenden zunehmend schwerer, ihre Lieblingsserien im Wirrwarr der Anbieter zu finden oder sich in der Vielzahl an Angeboten für eines zu entscheiden. Dabei setzen sich länderübergreifend vor allem die großen Marken wie Disney oder LEGO durch, die neben ihren Bewegtbildangeboten auch Lizenzprodukte wie Spielzeug in die Kinderzimmer bringen wollen.

Wie Kleeman in seinem Eröffnungsvortrag auf der IZI-Tagung ausführte, fällt das deutsche Kinderfernsehangebot im internationalen Vergleich durch seinen überdurchschnittlich hohen Anteil an einheimischen Produktionen besonders positiv auf. Auch machte seine Präsentation deutlich, dass neben dem Content besonders der Kontext der Mediennutzung bedeutsam ist: Während am Morgen, wenn die Familie zur Arbeit, Schule oder Kita aufbricht, der stationäre Fernseher das Gerät erster Wahl für Kinder ist, wird von ihnen die nicht-lineare Nutzung im eigenen Zimmer bevorzugt, wenn sie sich zurückzuziehen und eine Insel ungestörter Entspannung schaffen möchten.

Groß oder klein: Ein Screen muss es sein!

Auch deutsche Studien wie die KIM- und JIM-Studien des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest bestätigen diese Entwicklung. Sabine Feierabend (SWR) wies in ihrem Vortrag darauf hin, dass, obwohl das Treffen mit Freunden nach wie vor die liebste Freizeitaktivität von Kindern ist, sich etwas in der Nutzung ihres populärsten Mediums, dem Fernseher, ändert: Die lineare Nutzung nimmt ab und YouTube und Streamingdienste stoßen in diese Lücke. Insbesondere das Smartphone, das mittlerweile schon ab dem Ende der 3. Klasse zunehmend zum Besitz von Grundschüler*innen gehört, verändert die Medienwelt der Kinder. Die Kommunikation mit den Peers verlagert sich auf WhatsApp und YouTube wird zum kleinen "Video-Snack" zwischendurch, der die Langeweile vertreibt. Das große Problem bei YouTube, das überwiegend allein und mit dem Smartphone konsumiert wird, ist nach Ansicht der anwesenden Expert*innen die große Anzahl nicht betreuter Angebote. Die Gefahr, dass Kinder hier mit nicht altersgerechten Inhalten in Berührung kommen, ist groß.

Was bedeutet die Zunahme mobiler Medien für Familien?

Die Lieblingssendung auf dem Smartphone kann sogar das Haareschneiden erleichtern.

Eltern, das zeigt eine Tagebuchstudie des IZI, setzen Medien gezielt zur Bewältigung ihres Alltags ein. Ob beim Zähneputzen oder Haareschneiden, das Handy hat selbstverständlich Einzug in den Familienalltag genommen. Dabei bemerken die Eltern selbst, wie sie sich so die Situation zwar angenehmer für sich und das Kind gestalten, sich gleichzeitig aber auch das Problem ins Haus holen, dass nun die Kinder fortwährend das Medium als Ablenkung fordern. Im Vergleich mit Studienergebnissen des IZI von 2006 ist dabei das schlechte Gewissen, Medien auch schon bei sehr jungen Kindern gezielt zur Beschäftigung einzusetzen, deutlich weniger vorhanden. Dies bringt Veränderungen in der Eltern-Kind-Beziehung mit sich, die bisher in ihren Konsequenzen noch nicht abzusehen sind. Wo früher Auseinandersetzungen ausgehalten und Eltern sich zum Kindeswohl durchsetzen mussten, scheint nun die Aufmerksamkeit durch Medien zu binden der scheinbar harmonischere Weg zu sein.

Binge Watching: Ein Phänomen auch schon bei Kindern?

Insbesondere, wenn Streamingdienste abonniert werden, kann dies die Nutzungsmuster von Kindern, was mediale Geschichten betrifft, deutlich beeinflussen. 8 von zehn Kindern sehen dann mehrere Folgen einer Sendung hintereinander und schnell kommt es zum Binge Watching. Dabei stehen nicht mehr die einzelne Geschichte und deren Aussage im Mittelpunkt, sondern die Schaffung eines möglichst sicheren emotionalen Raums. Wer die Sendungen redaktionell verantwortet, ob sie mit einem öffentlich-rechtlichen Auftrag entsprechend vor allem dem Kindeswohl verpflichtet sind oder doch in erster Linie zur Bewerbung von Lizenzprodukten dienen, ist dabei kaum noch zu erkennen. Zurzeit dominieren hierbei die von Spielzeugherstellern erdachten Serien Paw Patrol (Spin Master) und LEGO Ninjago. Kinder, bei denen die Eltern die Fernsehnutzung von Beginn an kaum begrenzt haben, sind dabei in höherem Maße dem Risiko ausgesetzt, die Kontrolle über ihre eigene Mediennutzung zu verlieren.

Multi-Screen als Chance für Kinder mit Beeinträchtigungen

Dr. Ingo Bosse

Auch wenn Bildschirmmedien eine Herausforderung für Familien und Kinder darstellen, so können sie insbesondere für Kinder mit Behinderungen eine echte Chance sein. Dr. Ingo Bosse, Leiter des Fortbildungszentrums für Inklusion der Bezirksregierung Münster, stellte auf der IZI-Tagung assistive Technologien vor, die gehörlosen oder sehbehinderten Heranwachsenden eine Medien-Teilhabe ermöglichen. So können Avatare simultan in die Gebärdensprache dolmetschen oder kindgerechte Audiodeskriptionen ermöglichen das Verstehen von Inhalten.
Die Umwandlung von Websites in "leichte Sprache" ermöglicht es Kindern mit Lernschwierigkeiten, komplexe Inhalte sowohl visuell und als auch kognitiv leichter zu erfassen. Kinder mit körperlichen Einschränkungen können mittels einer Software Texte durch Spracheingabe erstellen und so auch in digitalen Medien kommunizieren. Diese Technologien stellen angesichts der nicht immer gewährleisteten Zugänglichkeit und Barrierefreiheit von Medien für Kinder eine große Chance für Teilhabe dar.

„Wir müssen dahin, wo unsere Zielgruppe ist“

Öffentlich-rechtliche Kinderfernsehmacher*innen reagieren weltweit auf diesen Medienwandel. An erster Stelle gilt es, mit dem eigenen Angebot da zu sein, wo sich das heranwachsende Publikum am liebsten tummelt: als kuratiertes Angebot auf YouTube oder auf einer eigenen Plattform, als altersadäquate App auf dem Smartphone oder Tablet, als moderiertes Kommunikationsangebot in den sozialen Medien oder auch als kindgerechter Podcast, was als neuer großer Trend von den Expert*innen gesehen wird. Einige Anbieter (wie etwa der dänische öffentlich-rechtliche Sender DR) positionieren sich bewusst als einheimisches Gegenangebot zu Netflix und Co. und verstehen sich als eine Marke mit einem klaren Versprechen. Dies könnte eine erfolgversprechende Strategie sein, denn David Kleeman sagt für die Zukunft eine "Abomüdigkeit" in den Haushalten voraus: Der Wettbewerb im Streamingbereich könnte dazu führen, dass sich angesichts steigender Kosten Abonnent*innen bald wieder von Anbietern trennen, und zwar in erster Linie von solchen, mit denen sie sich emotional am geringsten verbunden fühlen. Eine konsequente Fokussierung auf Qualität statt auf Quantität scheint da der bessere und verantwortlichere Weg zu sein, auch und vor allem im Sinne der Kinder.


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