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Tina Hassel zu 20 Jahre ARD-Hauptstadtstudio "Ein Anker im politischen Nachrichtengeschäft"

Seit 20 Jahren berichten die Journalistinnen und Journalisten im ARD-Hauptstadtstudio direkt aus dem Zentrum des poltischen Geschehens der Bundesrepublik: Was macht die Marke "Hauptstadtstudio Berlin" aus? Welche Rolle spielt "Online und Social Media" heute und was heißt eigentlich gute politische Berichterstattung? Antworten liefert Tina Hassel, die seit Juli 2015 das Haus als Chefredakteurin Fernsehen leitet.

Von: Eva Marock

Stand: 22.05.2019 | Archiv

Tina Hassel, Chefredakteurin "Fernsehen" im ARD-Hauptstadtstudio | Bild: Thomas Kierok

Zwei Jahrzehnte hat die ARD ihr Hauptstadtstudio in Berlin, rund vier Jahre davon bereits unter Ihrer Leitung. An welchen Moment aus dieser Zeit erinnern Sie sich besonders gerne?

An den Moment am 1. Juli 2015, als ich morgens meine Tasche im neuen Büro abstellte, dann den Tag über eine Art "Speed Dating" mit wunderbaren Kolleginnen und Kollegen aus dem Haus hatte und abends in der Tagesschau um 20 Uhr live auf dem Sender war. Alles am ersten Tag. Da war mir klar: hier bin ich richtig – und das wird gut.

Das Studio der ARD ist ein Anker im politischen Nachrichtengeschäft. Was macht die "Marke Hauptstadtstudio" aus?

Das Bild des Ankers gefällt mir. Es zeigt, wie wichtig es ist, fundiert zu berichten: Dazu braucht es Hintergrundinformationen und viel Raum für Recherche. Tief graben und dicke Bretter bohren. Ein Anker, um im Bild zu bleiben, muss festhaken, also dass man hartnäckig dran bleibt an Themen, um Bundespolitik verständlich zu machen. Wir "erden" komplexe politische Prozesse, indem wir immer fragen, was sie für den Alltag der Menschen in Deutschland konkret bedeuten. Mehr Lebenswirklichkeit in der Berliner Debatte, das ist unser Ziel.

Von Anfang an gab es Nachrichtenproduktion im Hörfunk, Fernsehen und Online. Welche Rolle spielt crossmediales, medienübergreifendes Arbeiten im Haus?

Unter dem etwas sperrigen Begriff "Crossmedialität" verbirgt sich ein starker Motor für viele neue Prozesse in unserem Studio. Dass wir sie mit Energie, Veränderungsbereitschaft und Gestaltungswillen in den letzten Jahren gemeinsam vorantreiben, freut mich sehr. "Kästchen-Denken" hat hier keine Chance. Die Bereiche Hörfunk, Fernsehen und Online arbeiten inhaltlich und strukturell immer vernetzter, mit gemeinsamen Planungsrunden und Produktionsabläufen. Was sich hier entwickelt, ist spannend und lebendig.

"Online und Social" hat also an Bedeutung stark zugenommen. Wie geht das Hauptstadtstudio ganz konkret damit um?

Mit Kreativität und Initiative. Und mit Spaß! Wir sind inzwischen viel stärker in den Sozialen Netzwerken aktiv, setzen eigene interaktive Formate auf, wie zum Beispiel "Frag selbst" vor der letzten Bundestagswahl, wo sich alle Parteivorsitzenden den Fragen der Netzcommunity stellten. Und unser Social Media-Team arbeitet auch immer intensiver mit tagesschau.de in Hamburg zusammen.

Im Jubiläumsjahr stehen drei Landtagswahlen und eine Europawahl auf dem Programm – mit Blick auf diese Ereignisse: Was macht gute, zeitgemäße Politikberichterstattung für Sie aus?

Nehmen wir diese Ereignisse mal als drei Länderspiele und eine Europameisterschaft. Wie schießt man da viele journalistische Tore? Nur mit einem erfahrenen, hochmotivierten Team, das lange Pässe ebenso kann wie den kurzen schnellen Sprint. Und dem auch am Ende einer langen Saison nicht die Luft ausgeht. Wir haben hier im Hauptstadtstudio ein solches Profi-Team, mit dem ich mich jeden Tag freue, aufs Spielfeld zu gehen. Gute Politikberichterstattung ist immer Teamwork, aus Redaktion, Produktion und Technik. Wenn das Ergebnis stimmen soll, müssen alle Hand in Hand arbeiten.

Die nächsten 20 Jahre stehen bevor – wo sehen Sie die größten Herausforderungen aber auch Chancen für den politischen Journalismus?

Soweit vorauszudenken, benötigt hellseherische Fähigkeiten, auch wenn die Zeit hier im politischen Berlin gefühlt schneller läuft … Und das ist auch schon eine der Herausforderungen: die schnelle Taktung und Atemlosigkeit im journalistischen Tagesgeschäft. Berichterstattung, der keine Zeit für Reflexion bleibt, verschluckt sich an sich selbst. Hier zu entschleunigen ist die große Chance, aber auch die Messlatte für seriösen politischen Journalismus. Wir als öffentlich-rechtliches System brauchen nicht die reißerische Schlagzeile, um Klicks zu generieren. Unser höchstes Gut ist Glaubwürdigkeit und journalistische Unabhängigkeit. Das führt zu Vertrauen beim Publikum. Gerade in der Information können wir damit punkten.

Kein Geburtstag ohne Glückwünsche: Was möchten Sie dem ARD-Hauptstadtstudio für die Zukunft mit auf den Weg geben?

Dass wir weiterhin sorgfältig und profund recherchierte Informationen liefern und komplexe Politik so runterbrechen und erzählen, dass Menschen verstehen, was hier entschieden oder auf die lange Bank geschoben wird. Und dass unsere Beiträge nicht nur klüger, sondern auch noch Spaß machen. Das ARD-Hauptstadtstudio ist seit 20 Jahren eine feste Marke der Politikberichterstattung. Und die soll es auch in den kommenden 20 Jahren bleiben – trotz aller schnellen Veränderungen. Unsere Währung ist Akzeptanz beim Publikum und Relevanz in der Gesellschaft. Zu beidem wollen wir hier im Studio auch in Zukunft beitragen.


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