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Am Set der Snapchat-Serie "iam.serafina" Alltagsdramen im Selfie-Modus

2016 hat das junge BR-Programm PULS "iam.serafina" gestartet, die weltweit erste Snapchat-Serie. Das völlig neue Format für die Social Media-App war ursprünglich ein Experiment. Doch aktuell wird bereits die zehnte Staffel produziert. Wie funktioniert ein Serien-Dreh im Selfie-Modus? Wir haben am Set hinter die Kulissen geschaut.

Von: Lena Erhard

Stand: 09.11.2018 | Archiv

"Leute, ich brauch dringend das Passwort für Vanessas Laptop! Habt ihr irgendeine Idee? Schickt‘s mir als Kommentar!", postet Serafina auf ihrem Snapchat-Profil. Innerhalb von Sekunden erscheinen auf ihrem Handy hunderte Kommentare: "Nimm den Laptop einfach mit!" "Nicht, dass Vanessa wieder kommt!" "Probier mal den Namen der Sekte, für die sie arbeitet."

Serafina will ihre Freundin Vicky retten

Serafina probiert vor den Augen des Snapchat-Publikums gemeinsam mit ihrer Freundin Jana sofort die vorgeschlagenen Passwörter aus. Sie will auf dem Laptop unbedingt Beweise finden, dass Vanessas Sekte "Wan Mei" nichts Gutes mit ihrer besten Freundin Vicky im Sinn hat. Schließlich will sie Vicky unbedingt aus den Fängen der Sekte befreien. Serafina und Jana werden immer nervöser. Keines der Passwörter funktioniert und Vanessa kann jeden Moment wiederkommen!

Nach ein paar Minuten haben die beiden es geschafft: Sie konnten sich in den Laptop einloggen und einige Dateien auf einen USB-Stick ziehen. Doch dann kommt plötzlich Vanessa zurück. Serafina und Jana können sich gerade noch hinter einem Schrank verstecken.

Kamerafrau, Tonfrau und Beleuchterin in einer Person

Franca Bolengo (Mitte) bespricht mit dem Drehteam Manuela Muschner (l.), Paul Kühn und Philippe Matic-Arnauld des Lions die nächste Szene.

"Fertig!", ruft Serafina plötzlich. Oder eigentlich Franca. Denn so lautet Serafinas erster Vorname. Die 21-jährige Franca Serafina Bolengo ist die Hauptdarstellerin von "iam.serafina", der vom jungen BR-Programm PULS für das ARD/ZDF-Content-Netzwerk funk produzierten weltweit ersten Snapchat-Serie. Und nicht nur das: Franca ist gleichzeitig auch Kamerafrau, Tonfrau und Beleuchterin. Alles, was Serafina erlebt, filmt Franca selbst mit einer Handykamera, während das dreiköpfige Drehteam das Ganze aus dem Hintergrund beobachtet und anleitet.

Jede Szene geht gleich online

Für die Follower, die die Szene nicht live mitverfolgen konnten, produziert Regieassistent Paul über eine Smartphone-App aus dem Mitschnitt des Live-Streams sofort ein etwa einmütiges Video. Nicht jede neu gedrehte Szene wird direkt live gesendet, aber alle Szenen gehen schon Minuten später auf Snapchat und mittlerweile auch auf Instagram online – allerdings nur für 24 Stunden. Denn so ist die Regel bei den "Snaps" und "Stories", den Kurz-Videos in den Social-Media-Apps, über die man Serafinas Abenteuer fast in Echtzeit miterleben kann.

"iam.serafina" soll Orientierung geben

BR-Redakteurin Manuela Muschner und Regieassistent Paul Kühn checken jede Szene, bevor sie auf Snapchat online geht - außer es wird live gedreht.

Nach der Live-Szene mit dem Laptop gibt Manuela Muschner, die für die Umsetzung verantwortlich ist, den Schauspielerinnen Franca Bolengo und Charlotte Reinecke Feedback zur Szene: "In der nächsten Szene müsst ihr unbedingt noch den Hinweis einbauen, dass es illegal ist, was ihr da gemacht habt", erinnert Manuela Muschner die beiden.

Denn: Das Publikum der Serie besteht vor allem aus Mädchen zwischen 12 und 18 Jahren. Und "iam.serafina" dreht sich um die großen und kleinen Sorgen des Erwachsenwerdens, die jeder in diesem Alter kennt. Serafina soll mit ihren Erlebnissen die jungen Zuschauerinnen nicht nur unterhalten, sondern auch ein Vorbild für sie sein. "Wenn Serafina einen Fehler macht, ist es uns wichtig, die Konsequenzen zu zeigen oder darauf hinzuweisen, dass das nicht okay war", erklärt Manuela Muschner.

An der Grenze zwischen Realität und Fiktion

Serafina will Vicky die Beweise vom Laptop zeigen. Ihre Handykamera läuft dabei einfach mit ...

Dabei spielt "iam.serafina" mit den Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion. Die Protagonistinnen wurden von Anfang an eng in den Entwicklungsprozess der Serie miteingebunden. Die Geschichte ist an manchen Stellen sogar von Franca Bolengos Lebenslauf inspiriert. Diese Nähe zu ihrem persönlichen Leben war für die Hauptdarstellerin nicht immer einfach:

"Da die Rolle ursprünglich sehr nah an meinem Leben und meinen Interessen angelegt war, durfte ich dank ‚iam.serafina‘ schon echt viele tolle Dinge erleben, zum Beispiel einen Fallschirmsprung oder eine Reise zum Sziget Festival in Budapest. Aber gleichzeitig wurde es für mich immer mehr zur Herausforderung, die Rolle nicht zu nah an mich ranzulassen und die Arbeit und das Private nicht zu sehr zu vermischen. Mittlerweile trenne ich das streng."

Hauptdarstellerin Franca Bolengo

Franca Bolengo spielt Serafina so authentisch, dass vor allem neue Zuschauerinnen oft erst einmal nicht merken, dass es sich um eine Serie handelt. Auch wenn die Redaktion das offen kommuniziert, wenn wieder einmal eine Userin über die Kommentarfunktion nachfragt.

Enger Austausch mit dem Publikum

Denn das Publikum nutzt die Gelegenheit zum Austausch mit seiner Serienheldin eifrig. Bis zu 1.500 Nachrichten oder Kommentare erreichen das "iam.serafina"-Team über die Social-Media-Kanäle täglich. Während Franca am Anfang viele Nachrichten noch selber beantwortet hat, kümmert sich mittlerweile ein Online-Redaktionsteam darum. Oft haben die Userinnen und User auch tolle Ideen, die das Drehteam dann direkt in die Handlung einbaut. Schließlich besteht das Drehbuch nicht aus festen Dialogen, sondern lässt Freiraum zum Improvisieren. Das bietet dem Redaktionsteam ganz neue Möglichkeiten im Vergleich zu herkömmlichen Serien:

"Normalerweise dreht man wochenlang und merkt dann erst nach der Ausstrahlung an den Quoten, ob man die Erwartungen der Zuschauer erfüllt hat. Bei iam.serafina bekommen wir innerhalb von Sekunden Feedback und merken, ob die Story ankommt. Wenn wir zum Beispiel feststellen, dass die User bei einer Krimihandlung zu früh auf den Täter kommen, können wir sogar noch schnell das Drehbuch umschreiben. Dieser direkte Draht zum Publikum ist toll! Und der Erfolg von iam.serafina zeigt: Das finden auch die Zuschauer."

BR-Redakteur August Pflugfelder

Vom Experiment zum Erfolgsprojekt

Bereits die 10. Staffel dreht das BR-Team mit Franca Bolengo momentan. Die erste Staffel ging 2016 online und war ursprünglich als Experiment angelegt. Schließlich hatte es eine interaktive Snapchat-Serie davor noch nie gegeben. Doch der Erfolg gibt den Projektverantwortlichen von PULS, August Pflugfelder und  Kevin Schramm, Recht. Bis zu 150.000 Zuschauer erreicht Serafina mit den Geschichten aus ihrem fiktiven Leben pro "Snap". Die 11. Staffel ist bereits in Planung und auch 2019 wird es weitergehen.

Die Macher von iam.serafina

iam.serafina wird vom jungen BR-Programm PULS für funk, das Content-Netzwerk von ARD und ZDF, produziert.

Redaktion: August Pflugfelder und Kevin Schramm
Autoren: Veronika Schütt, Olaf Köhler
Online-Redaktion: Cosima Weiske, Felisa Walter, Gesa Temmen
Umsetzung: Manuela Muschner, Alexander Feirer, Suli Kurban


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