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"Motorrad für Jedermann" Vom Aufstieg und Fall der Firma Zündapp

Unter dem Motto "Das Motorrad für Jedermann" baute Zündapp in Nürnberg und später in München Leichtkrafträder. Die Firma wurde Marktführer, stürzte dann 1984 total ab. Doch auch heute tauchen noch Zweiräder unter diesem Namen auf.

Von: Tobias Föhrenbach

Stand: 18.10.2018 | Archiv

"Grüner Elefant", "Bella" oder "Janus" – noch heute sind die Modelle der Nürnberger Motorrad-Firma Zündapp vielen Zweiradfans ein Begriff. Auf der Überholspur wurde Zündapp zum Marktführer, doch 1984 kam der wirtschaftlichen Totalschaden: Insolvenz.

100 Jahre Zündapp

2017 feierten Fans der fränkischen Motorradmarke den 100. Geburtstag von Zündapp. Mehr als 1.200 Zündappianer aus der ganzen Welt trafen sich dazu in Sigmaringen am Bodensee, wo es ein eigenes Zündapp-Museum gibt. Auch in Nürnberg und München, den einstigen Unternehmensstandorten, wurde der Motorradmarke gedacht. Zündapp ist ein Unternehmen, das über 60 Jahre lang die gesamte Palette an motorisierten Zweirädern abdeckte – vom Kleinkraftrad bis zum Schwergewicht.

Eingeschworene Fangemeinde

Rückblick: Endlich eine Zündapp fahren, auf zwei Rädern unterwegs sein – in den 1920er Jahren war das der Traum eines jeden Teenagers. Und auch heute noch, knapp einhundert Jahre danach, genießt die Firma Zündapp Kultstatus.

"Das macht mit einem, dass man irgendwo das Dauergrinsen im Gesicht hat und wenn man durch einen Tunnel oder eine Unterführung fährt, muss man immer ein bisschen den Kopf drehen, um den Sound zu hören."

Matthias Murko, Leiter Museum Industriekultur in Nürnberg

Matthias Murko gehört zur großen, eingeschworenen Zündapp-Fangemeinde. Privat und beruflich beschäftigt er sich mit der bekannten Motorrad-Marke, denn als Leiter des Museums Industriekultur in Nürnberg hat er die Aufgabe, sich gleich um eine ganze Reihe Zweiräder aus den unterschiedlichsten Baureihen von Zündapp zu kümmern. Eine Firma, die exemplarisch für den Aufschwung der Zweirad-Industrie nach dem Ersten Weltkrieg steht.

Erfolgsrezept: erschwingliche Motorräder

1917 gründet Geheimrat Fritz Ludwig Neumeyer in Nürnberg die Zünder-Apparatebau-GmbH. Nach der Berliner Motorrad- und Automobilausstellung im Jahre 1921 beginnt die Firma, Gebrauchsmotorräder zu entwickeln. Ihre Philosophie:  Ein "Motorrad für Jedermann", das sich jeder leisten können sollte. Wie sich schnell herausstellt, wird diese Philosophie zum Erfolgsrezept, denn bereits im ersten Jahr verkauft Zündapp über 1.000 Maschinen. Ein Absatz, der die Konkurrenz wie Mars, Victoria oder Triumph alt aussehen lässt und Zündapp zum Vorreiter der Motorrad-Industrie in Nürnberg werden lässt.

"Wir stehen hier bei der Zündapp Z22, die für den Einstieg Zündapps in die Motorradbranche steht. 'Zündapp zuverlässig' war ja der Werbeslogan. Und die ersten Motorräder, vor dem Ersten Weltkrieg, waren extrem teuer und extrem schlecht, was die Zuverlässigkeit anbetraf. Da musste man mehr oder weniger eine Fachausbildung haben, wenn man so ein Ding am Laufen halten wollte. Und das war bei den kleinen Maschinen, die da jetzt auftauchten, eben nicht mehr der Fall. Die zwanziger Jahre sind ja geprägt vom Zweitakter, von der Entwicklung der Zweitakttechnik, von der heute keiner mehr redet. Aber damals haben sie um Patente gekämpft. Das war Hightech und die war zuverlässig, die Technik. Da war nichts mehr mit dauernd Liegenbleiben und Pannen. Und deshalb ist der Spruch 'Zündapp zuverlässig' durchaus gerechtfertigt gewesen."

Matthias Murko, Leiter Museum Industriekultur in Nürnberg

"Zündapp zuverlässig"

Êine Zündapp KS 750 im Gelände

Der Aufstieg Zündapps läuft rasant. Die Motorengrößen und auch die Palette an Maschinen wachsen stetig und schon zehn Jahre nach Beginn der Produktion wechselt das 100.000. Modell seinen Besitzer. "Zündapp zuverlässig" ist ein Werbeslogan, der natürlich auch bei den Nationalsozialisten gut ankommt. Nach Machtübernahme und Kriegsausbruch liefert die Firma fast nur noch ausschließlich Zweiräder und Gespanne mit Seitenwagen an die Wehrmacht. Die Modelle KS 600 und KS 750 werden zu Symbolen der Kriegsmaschinerie.

Ein ehemaliger Konstrukteur erinnert sich

Die Wohnung des ehemaligen Zündapp-Konstrukteurs Werner Adolph gleicht fast einem kleinen Museum. In einer Vitrine liegen technische Gerätschaften. Viele Dokumente, Bilder und Werbeprospekte der Motorradfirma für die er über 30 Jahre gearbeitet hat, bilden seine private Sammlung. Der Konstrukteur kam zu einer Zeit zu Zündapp, als die Alliierten die Herstellung von Motorrädern wieder erlaubten. Denn nach dem Ersten Weltkrieg zerstörte ein Bombenangriff der Alliierten große Teile der Produktionsstätten. Die Firma Zündapp durfte vorerst nur noch Getreidemühlen und Nähmaschinen herstellen. Doch nun stieg die Firma mit kleineren Leichtkrafträdern zu alter Größe auf. Werner Adolph war Teil eines kleinen Entwicklerteams, das 1953 für den größten Erfolgsschlager der Firma sorgte.

"Es war wirklich grandios, dabei sein zu dürfen, wo etwas geschaffen wird. Wir haben dann angefangen und haben diesen kleinen Roller in Nürnberg konzipiert. Diesen KS50 Roller, mit Handschaltung, mit einer sehr guten Schwingenlagerung und das war eine super Sache."

Werner Adolph, ehemaliger Zündapp-Konstrukteur

Auto löst Motorrad ab – als Sehnsuchtsobjekt Nummer 1

Die 1950er Jahren bringen aber nicht nur Segen für die Firma Zündapp. Im Gegenteil. Das Auto wird zum Sehnsuchtsobjekt Nummer 1 und zum ernstzunehmenden Konkurrenten für die Zweiräder, die allmählich in der Bevölkerung an Ansehen und Bedeutung verlieren.

"Es wollte keiner mehr nass und dreckig werden, durch Motorradfahren. Und dann ist der Wunsch nach einem Auto ganz stark geworden und hat sich aufgehängt letztendlich am VW Käfer, der alles Zweirädrige überholt hat und der die komplette Verkehrsentwicklung beeinflusst hat. Und Zündapp hat dann mit Motorrädern darauf nicht mehr reagiert, sondern hat die Konsequenz für die Firma gezogen: Ja, dann machen wir auch ein Auto, wenn alle ein Auto wollen, müssen wir auch eins machen, sonst überleben wir nicht."

Matthias Murko, Leiter Museum Industriekultur in Nürnberg

Produktionsverlagerung nach München

Das zweckdienliche Handwerker- und Campingauto namens Janus wird zum Stolperstein für Zündapp. Ein Flop, der die Firma schwer belastet, was unter anderem dazu führt, dass das Nürnberger Werk 1958 an Bosch verkauft und die Produktion nach München verlagert wird.

Eine Entscheidung, die Wirkung zeigt. Die Firma erholt sich in den 1960er Jahren und konzentriert sich in Folge auf kleinere Fahrzeuge – Mopeds und Mofas – mit kleineren Motoren. Der Marktanteil von Zündapp liegt 1965 bei über 30 Prozent im Bereich der Leichtkrafträder, das Werk steht mit 1.700 Beschäftigten stabil da.

Rennerfolge bei Zündapp

Zu diesem Zeitpunkt stößt Günther Sengfelder zur Firma Zündapp. Nicht, um die Produktion voranzutreiben, sondern um in einer ganz anderen Sparte Erfolge einzufahren.

"Da hat man mir dann gesagt, du bist der Richtige für unsere kleinen Motorräder. Du bis leicht, du bist klein, du passt genau da drauf. Du kriegst von uns jetzt mal so ein Motorrad für so Wettbewerbe. Und dann bin ich die ersten Wettbewerbe mit so einer 50er gefahren. Das waren damals natürlich leistungsschwache Mopeds."

Günther Sengfelder, ehemaliger Rennfahrer

Günther Sengfelder – sein Name steht für die Rennerfolge bei Zündapp. Sieben Mal wird er Deutscher Trial-Meister, vier Mal holt er die Goldmedaille bei der Internationalen Sechs-Tage-Fahrt und zweimal gewinnt er sogar den Novemberkasan – eine Geländefahrt durch das nächtliche Schweden. Doch auch die vielen Erfolge im Motorsport können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Nachfrage nach Zündapp-Zweirädern immer mehr nachlässt. Die Absatzzahlen brechen Ende der 1970er Jahre ein.

Konkurs angemeldet – China kauft ein

Zündapp verkennt die Zeichen der Zeit. 1984 meldet die Firma schließlich Konkurs an, ein Fusionsangebot der Motoradfirma Hercules lehnt die Geschäftsführung ab. Man glaubt, allein die Wende schaffen zu können. Doch am 10. August 1984 muss Geschäftsführer Dieter Neumeyer, Enkel des Unternehmensgründers den Vergleich anmelden.

Der ehemalige Münchner Bürgermeister und Jurist Eckart Müller-Heydenreich wird mit dem Verfahren beauftragt. Er wird zum einen den Sozialplan für die damals 700 Beschäftigten ausarbeiten und umsetzen, die Forderungen der Zulieferungsfirmen verhandeln und vor allem die Produktionsstätten veräußern. Den Zuschlag erhalten die Chinesen, die vorbildlich alles im Vertrag Festgeschriebene erfüllen, sämtliche Produktionsanlagen abbauen, zerlegen und mit der Transsibirischen Eisenbahn ins Reich der Mitte befördern. Damit dort die Produktionsanlagen schnell funktionstüchtig wieder aufgebaut werden können, reisen einige Zündapp-Mitarbeitende für mehrere Wochen mit nach China.

"Alle Massenverbindlichkeiten wurden erfüllt. Alle Vorrechtsforderungen wurden erfüllt und die ganz normalen Gläubiger bekamen 61 Prozent, das gibt es so leicht kein zweites Mal. Es war eine extrem erfolgreiche Insolvenz, denn es wurden statt den ursprünglich prognostizierten fünf Millionen 53 Millionen erwirtschaftet."

Eckart Müller-Heydenreich, Jurist

Zündapp-Maschinen aus China und Indien

Die Spuren Zündapps in Fernost sind auch heute noch zu erkennen. Zwar werden dort unter diesem Namen mittlerweile keine Leichtkrafträder mehr produziert, dennoch sieht man nach wie vor viele Zündapp-Maschinen im dichten Straßenverkehr. Doch auch in Europa tauchen in den vergangenen Jahren immer wieder mal vereinzelte Motor- und Fahrräder mit dem Zündapp Emblem auf. Ursprungsland: Indien.

"Die Firma ist ja eigentlich die Marke. und die Marke kann man veräußern. Also das Recht, diese Marke zu benutzen. Von Indien weiß ich es. Die haben Lizenzen gehabt und die Lizenzen haben sie dann abgelöst und haben dafür den Namen Zündapp benutzen können, hatten dann allerdings eine eigene Produktion, das war die Firma Anfield India – Anfield ist eine englische Motorradmarke und die Produktionseinrichtungen waren aus Japan."

Eckart Müller-Heydenreich, Jurist

Zündapp-Erbin gründet Gestüt

Eine andere Zündapp-Spur führt ins bayerische Isental. Dort hat die Zündapp-Erbin Elisabeth Mann ein Gestüt für Rennpferde errichtet.

"Wir haben hier 49 Boxen, aufgeteilt in drei unterschiedliche Stalltrakte, die im Moment befüllt sind mit 45 Pferden, plus 9 Fohlen, die noch bei den Müttern stehen. Der Hufschmied ist da und beschlägt noch einige der Reitpferde, er hat die Fohlen das erste Mal angeschaut und die Hufe korrigiert und die Jährlinge waren heute zum ersten Mal dran."

Monika Kammermeier, Gestütsleiterin

Das Gestüt Mutzenhof gehört der im Jahr 1992 gegründeten Elisabeth Mann Stiftung. Als letzte Inhaberin der Zündapp-Werke war die Stifterin nicht nur dem Motorradsport zugetan, sondern ebenso auch dem professionellen Trabrennsport.

"Spezialisiert ist das Gestüt auf die Zucht von Trabrennpferden, die dann hoffentlich irgendwann erfolgreich Trabrennen laufen. Es gibt bereits einige Erfolge von Mutzenhofern, die hier gezüchtet worden sind. Einige sind zurückgekommen und sind hier Deckhengste oder Mutterstuten, die früher erfolgreich gelaufen sind."

Monika Kammermeier, Gestütsleiterin

Zündapp lebt weiter – mit anderer Pferdestärke

In gewisser Weise lebt die Marke Zündapp also weiter – nur mit anderer Pferdestärke. Die Produktionsstätten in München und Nürnberg gehören der Vergangenheit an. Einige der besonders bemerkenswerten Zündapp-Baureihen haben im Industriemuseum in Nürnberg ihr Zuhause gefunden. Doch auch sonst trifft man immer wieder auf Liebhaber der einstigen, bedeutsamen Nürnberger Motoradfirma, weit über die bayerischen Grenzen hinaus.


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