Bayern 2 - Zündfunk

Meinung Sexismus unter Linken – Traue keinem, der dir Feminismus mansplaint

Arcade-Fire Sänger Win Butler wird sexuelles Fehlverhalten vorgeworfen. Echt jetzt? DER? Der ist doch so alternativ, so links, so feministisch. Bei vielen rüttelt das am Weltbild. Aber diese naive Empörung zeigt nur, wie sehr wir uns von Labels blenden lassen. Denn – oh Schreck – auch "woke" Boys können sexistisch sein. Sehr sogar. Ein Rundumschlag.

Von: Laura Selz

Stand: 07.09.2022

A demonstrator makes shapes with a colored smoke bomb during the international Pride parade celebrations in Bogota, July 2022 | Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Perla Bayona

Wenn Journalisten Väter werden, dann neigen sie dazu, erst einmal ein Buch zu schreiben. Sie sinnieren über das Vater sein, und fragen sich, ob Männer Feministen sein können. So weit, so schön. Am Ende widmen sie das Buch ihrer Frau. In Dankbarkeit, dass sie ihm während des Schreibens den Rücken freigehalten hat.

Karl Marx hatte ebenso wenig Zeit, sich um die eigene Brut zu kümmern. Er musste über den Klassenkampf nachdenken. Und dafür braucht man seine Ruhe. Und eine Frau, die den Haushalt schmeißt. Denn mit Klassenkampf ist schließlich nicht die Sex-Klasse gemeint, übertreibt mal nicht, aber ihr seid mitgemeint, das löst sich dann schon von allein. Irgendwie.

Nicht jetzt, Schatz. Wir machen gerade Revolution.

Die heutigen "woken" Männer sind natürlich viel weiter. Sie haben durchaus erkannt, dass Feminismus eine wichtige soziale Bewegung ist, und sind gerne bereit, es den Frauen zu erklären.

Und so kommt frau beim ersten Date auch nicht zu Wort. Denn der "woke" Mann braucht Raum, um seinen Feminismus zu betonen und unentwegt Buzzwords wie "Care-Arbeit", "Purpose" oder "starke Frauen" zu droppen. Das höchste Kompliment, das er mir anerkennend vergibt, ist, dass ich ja nicht "wie die anderen Frauen" sei. Keine "Tussi". Denn "Tussis" seien ja voll schlimm. Mein inneres Pick-Me-Girl errötet in Dankbarkeit, auserwählt zu sein. Aber meine innere Emanze gibt der Situation Kontra und lässt mich antworten: "Also ich habe alle Staffeln von O.C. California auf DVD."

Mein "wokes" Date erinnert mich an einen Kommilitonen, den ich mal hatte. Damals in Hamburg, circa 2005, Politikwissenschaft 3. Semester. Wir sitzen mit einem Astra-Bier auf dem Campus. Er erklärt mir, wie meine Mutter sich antifeministisch verhalten habe, als sie ihren Beruf aufgab, um Hausfrau zu werden. Ich nicke in Demut. Später höre ich von seiner Freundin, dass er sie bedrängt, die Pille zu nehmen, da er eine ganz schlimme Latex-Allergie habe. Bei unserem nächsten Kneipen-Abend stelle ich ihn zur Rede, denn das Private ist politisch, und er sagt mir nur, dass ich ganz schön übergriffig bin.

Wenn Männer Feminismus mansplainen

Zurück zu heute. Der "woke" Mann ist mittlerweile auf Twitter unterwegs. Er ist ein "Ally". Ein Verbündeter. In seiner Bio stehen die richtigen Flaggen und die richtigen Emoticons. Sein Feminismus ist ein Merchandise-Artikel. Er kann ihn jederzeit ablegen. Der Ally weiß stets, zwischen guten Opfern und bösen Opfern zu unterscheiden. Seine Solidarität ist nicht bedingungslos. Da könnte ja jede kommen. Pah! Seine Solidarität gilt nur der Rolle, nicht dem Wesen. Eine Frau darf daher nicht für sich selbst stehen. Hat sie etwa vergessen, was der Klassenkampf für sie getan hat? Ach ja. Nichts. Aber egal.

Eine gute Frau denkt stets für alle mit, so das Weltbild des Allys, für den die eine Hand stets die andere wäscht. Und ja, Frauen haben ein Recht auf Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit, aber nur so lange, wie sich die Frau ebenfalls für das Gute einsetzt. Und so sind sexistische Witze über Frauen okay, wenn es um böse Frauen geht.

Antisexismus – my ass!

Das erinnert mich an eine andere Episode von früher. Eine Punker-Kneipe in Hamburg im Winter 2011. Wir diskutieren über den NSU. Krasse Sache. Aber dann brennt der Schnaps den dünnen Firnis des Anstands weg. "Nazi-Fotzen sollte man vergewaltigen", lallt einer. Ich frage: "Geht's noch? Schonmal was von Rape Culture gehört?!" – "War ein Scheeerz. Gooott. Außerdem reden wir doch nicht von Frauen wie dir. Du bist cool", versichert er. Ich lerne: Hüben wie drüben, ob am Stammtisch oder in der alternativen Kneipe, gibt es ein Wertesystem für Frauen. Solche, die es wert sind, respektiert zu werden, und solche, die zu Freiwild erklärt werden. Ich sage noch, dass eine lebenslange Gefängnisstrafe für Zschäpe doch wohl ausreichen würde, stehe auf, und gehe. Antisexismus – my ass. Da kannst Du dir noch so viele anarchafeministische Sticker auf deinen Roller kleben. Du bist einfach ein Arsch, der nichts verstanden hat.

Feminismus als Merch

Versteht mich nicht falsch. Ich finde es toll, wenn wir uns alle verbünden. Ich finde es toll, wenn Männer sich darin üben, auch mal die Perspektive ihrer Mütter, Schwestern und Töchter einzunehmen. Und so gelten meine Anekdoten und dieser Kommentar auch nicht denen, die das versuchen. Sondern jenen, für die Feminismus nur ein Label ist, das ihnen helfen soll, sich besser zu stellen – ohne irgendetwas verstanden zu haben. Und diese Verwunderung nun, dass selbsternannte Feministen, die sich "woke" und links geben, durchaus sexistische Blödmänner sein können – finde ich beeindruckend naiv. Als ob ein Label etwas über dich aussagen würde.

Die wirklich tollen Männer in meinem Leben tragen keine Labels vor sich her. Sie haben es nicht nötig, ständig zu betonen, wie aufgeklärt sie seien. Sie sind dadurch nicht unpolitisch. Aber sie wissen, dass einen das "richtige Label" noch lange nicht aus der Verantwortung entlässt, Theorie auch in Praxis zu übertragen. Ich sage: Traue keinem Mann, der dir Feminismus mansplaint. Denn die coolen Männer haben Theorie nicht nötig – sie leben die Praxis.