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Nürnberger Prozesse Echos des NS-Kriegsverbrecherprozesses

Am 30. September und 1. Oktober 1946 sind im Nürnberger Prozess gegen die NS-Hauptkriegsverbrecher die Urteile gefallen. Wir zeichnen 70 Jahre danach mit historischem Material ein Hörbild des Prozesses – und kehren mit einer der letzten Zeitzeuginnen in den Gerichtssaal zurück.

Von: Christian Schiele und Thibaud Schremser

Stand: 23.09.2016 | Archiv

Irmgard Purlein ist 93 Jahre alt und hat die Nürnberger Prozesse miterlebt. Damals arbeitete sie als Sekretärin für verschiedene Anwälte. 70 Jahre später kehrt sie in den Schwurgerichtssaal 600 des Nürnberger Justizpalastes zurück – und erinnert sich an die eindrucksvollsten Momente des Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher.

Mit der aktiven Bewegung durch den Raum des folgenden 360-Grad-Videos zeigen sich dazu die passenden historischen Bilddokumente.

360-Grad-Video: Eine der letzten Zeitzeuginnen erinnert sich

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360-Grad-Video Nürnberger Prozesse - Eine der letzten Zeitzeuginnen erinnert sich | Bild: Bayerischer Rundfunk (via YouTube)

360-Grad-Video Nürnberger Prozesse - Eine der letzten Zeitzeuginnen erinnert sich

In den Nürnberger Prozessen wurden das erste Mal führende Vertreter eines Regimes für Verbrechen gegen die Menschlichkeit persönlich haftbar gemacht. Es war die Geburtsstunde des Völkerstrafrechts.

Zwölf Todesurteile, sieben Haftstrafen, drei Freisprüche

Von November 1945 bis Oktober 1946 meldete sich auch der Rundfunk live aus dem Saal 600 des Nürnberger Justizpalastes. 22 NS-Hauptkriegsverbrecher waren angeklagt. Zwölf von ihnen wurden zum Tode verurteilt, sieben zu Haftstrafen. Drei Angeklagte sprach das Gericht frei.

Urteile des Internationalen Militärtribunals

Bereich: nationalsozialistische Führung

Hermann Göring
Reichsmarschall und Oberbefehlshaber der Luftwaffe

Urteil: Tod durch den Strang

Selbstmord am Vorabend der Hinrichtung

Bereich: nationalsozialistische Führung

Rudolf Heß
Stellvertreter Hitlers

Urteil: Lebenslänglich

1987 Selbstmord im Gefängnis Berlin-Spandau

Bereich: nationalsozialistische Führung

Martin Bormann
engster Mitarbeiter Hitlers im "Führerhauptquartier"

Urteil in Abwesenheit: Todesurteil

Bei Kriegsende verschwunden

Bereich: nationalsozialistische Führung

Joachim von Ribbentrop
ab 1938 Außenminister

Urteil: Tod durch den Strang

Bereich: nationalsozialistische Führung

Robert Ley
Leiter der "Deutschen Arbeitsfront"

Selbstmord vor Prozessbeginn im Gefängnis

Bereich: nationalsozialistische Führung

Franz von Papen
Vizekanzler im ersten Kabinett Hitlers 1933, später Botschafter in Wien und Ankara

Urteil: Freispruch, später zu acht Jahren Arbeitslager verurteilt

1949 entlassen, 1969 gestorben

Bereich: Oberkommando der Wehrmacht

Wilhelm Keitel
Chef des Oberkommandos der Wehrmacht

Urteil: Tod durch den Strang

Bereich: Oberkommando der Wehrmacht

Alfred Jodl
Chef des Wehrmachtführungsamtes

Urteil: Tod durch den Strang

Bereich: Kriegsmarine

Erich Raeder
bis 1943 Oberbefehlshaber der Kriegsmarine

Urteil: Lebenslange Haft

1955 wegen Krankheit entlassen
1960 gestorben

Bereich: Kriegsmarine

Karl Dönitz
Chef der U-Boot-Flotte, von 1943 an Oberbefehlshaber der Kriegsmarine

Urteil: zehn Jahre Haft

1956 entlassen
1980 gestorben

Bereich: nationalsozialistische Propagandamaschinerie

Julius Streicher
Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes "Der Stürmer", Gauleiter von Franken

Urteil: Tod durch den Strang

Bereich: nationalsozialistische Propagandamaschinerie

Hans Fritzsche
Chef des Nachrichtenwesens im Propagandaministerium

Urteil: Freispruch, später zu neun Jahren Arbeitslager verurteilt

1950 entlassen
1953 gestorben

Bereich: nationalsozialistische Propagandamaschinerie

Baldur von Schirach
Reichsjugendführer und Gauleiter von Wien

Urteil: 20 Jahre Haft

1966 entlassen
1974 gestorben

Bereich: Kriegswirtschaft

Albert Speer
Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion

Urteil: 20 Jahre Haft

1966 entlassen
1981 gestorben

Bereich: Kriegswirtschaft

Fritz Sauckel
Generalbevollmächtigter für Arbeitseinsatz und die fünf Millionen Zwangsarbeiter

Urteil: Tod durch den Strang

Bereich: Kriegswirtschaft

Hjalmar Schacht
bis 1937 Wirtschaftsminister, bis 1939 Reichsbankpräsident (Amtsenthebung).
Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 auf Hitler kommt er 1944/45 ins KZ Flossenbürg.

Urteil: Freispruch

Gestorben 1970

Bereich: Kriegswirtschaft

Walter Funk
Reichswirtschaftsminister ab 1937

Urteil: Lebenslange Haft

1957 wegen Krankheit entlassen
1960 gestorben

Bereich: Kriegswirtschaft

Gustav Krupp von Bohlen und Halbach
angeklagt als Repräsentant der Rüstungsindustrie

Verfahren eingestellt wegen Verhandlungsunfähigkeit

1950 gestorben

Bereich: Verbrechen in besetzten Gebieten (und Konzentrationslagern)

Hans Frank
Generalgouverneur in Polen

Urteil: Tod durch den Strang

Bereich: Verbrechen in besetzten Gebieten (und Konzentrationslagern)

Arthur Seyß-Inquart
Statthalter in den besetzten Niederlanden

Urteil: Tod durch den Strang

Bereich: Verbrechen in besetzten Gebieten (und Konzentrationslagern)

Alfred Rosenberg
führender Partei-Ideologe und Minister für die besetzten Ostgebiete

Urteil: Tod durch den Strang

Bereich: Verbrechen in besetzten Gebieten (und Konzentrationslagern)

Konstantin von Neurath
1938 Außenminister, 1939 bis 1943 Reichsprotektor von Böhmen und Mähren

Urteil: 15 Jahre Haft

1954 wegen Krankheit entlassen
1956 gestorben

Bereich: Verbrechen in besetzten Gebieten (und Konzentrationslagern)

Wilhelm Frick
Reichsinnenminister und Reichsprotektor in Böhmen und Mähren

Urteil: Tod durch den Strang

Bereich: Reichssicherheitshauptamt (RSHA)

Ernst Kaltenbrunner
Chef der Sicherheitspolizei und des Reichssicherheitshauptamtes

Urteil: Tod durch den Strang

37.000 Tonbandmeter

Die Verhandlung vor dem internationalen Militärtribunal war für das deutsche Volk wegbereitend in der Aufarbeitung seiner Vergangenheit. Auch für die Nachgeborenen ist dieser Prozess eine reichhaltige Quelle, um sich mit der deutschen Vergangenheit zu beschäftigen, nicht zuletzt dank der 37.000 Tonbandmeter, auf denen das Verfahren aufgezeichnet wurde – die journalistische Berichterstattung noch gar nicht eingerechnet.

Zwölf Nachfolgeprozesse

Nach den Urteilssprüchen im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher ging die Aufarbeitung im Rahmen der Nürnberger Prozesse weiter. In insgesamt zwölf Nachfolgeprozessen, die alle vor US-Militärgerichten stattfanden, mussten sich 177 weitere hochrangige Vertreter des NS-Regimes verantworten.


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