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Das Thema Das Marien-Evangelium

Stand: 30.03.2011 | Archiv

Dass die Frauen in der Frühkirche eine außergewöhnlich starke Stellung einnehmen und am Gemeindeleben führend mitwirken, gilt als gesichert. Diesen Befund stützen vor allem zahlreiche apokryphe Zeugnisse, die später aus dem offiziellen Textkorpus des Neuen Testaments ausgesondert wurden. Zu den maßgeblichen außerkanonischen Quellen gehört auch das um 160 nach Christus entstandene Evangelium der Maria.

Maria Magdalena von Jusepe de Ribera (1591-1652)

Obwohl die namentliche Zuordnung nicht eindeutig ist, sind sich die meisten Forscher darin einig, dass der nur bruchstückhaft erhaltene Text als Evangelium der Maria Magdalena zu lesen ist. Das gnostische Fragment berichtet von einer visionären Unterweisung, die Maria den Jüngern als exklusives Sprachrohr des verklärten Christus mitteilt und auslegt. Die Jünger bezweifeln ihre Sendung und Deutungskompetenz. Andreas aber sprach dawider und sagte zu den Brüdern: "Sagt doch, wie denkt ihr über das, was sie gesagt hat? Ich glaube nicht, dass der Retter so geredet hat. Seine Lehren haben eine andere Bedeutung." Auch Petrus zeigt sich skeptisch und lässt hinter seiner Reaktion den beginnenden Geschlechterkampf sowie gekränkte männliche Eitelkeit ahnen: "Da redete Petrus dawider und fragte seine Brüder über den Retter: "Sollte er tatsächlich mit einer Frau allein gesprochen und uns ausgeschlossen haben? Sollten wir ihr etwa zunicken und alle auf sie hören? Hat er sie uns vorgezogen?" Einzig der Apostel Levi stellt sich hinter Maria Magdalena und weist die Männerrunde scharf zurecht: "Mein Bruder Petrus, du bist von jeher aufbrausend. Und jetzt sehe ich, wie du dich gegen diese Frau groß machst, als hättest du einen Rechtsgegner. Wenn aber der Retter sie für Wert genug hielt - wer bist dann du, dass du sie verwürfest? Sicherlich kennt der Retter sie ganz genau. Und deshalb hat er sie auch mehr als uns geliebt."

Maria macht den Männern Konkurrenz

Das Spannungsverhältnis ist offenkundig: Als Trägerin besonderer Offenbarungen und Weisheit tritt Maria in Konkurrenz zu den Männern und ist damit ihrer Eifersucht ausgesetzt. Das gilt nicht nur für den vergleichsweise späten gnostischen Text. Allem Anschein tun sich bereits die Apostel schwer mit der durch Jesus vorgelebten Gleichberechtigung von Mann und Frau. Bezeichnenderweise versucht schon Paulus, eine Männerkirche zu etablieren, in der die Frauen zu schweigen haben: mulier taceat in ecclesia (1. Kor. 1, 34). Wohlwollende Interpreten halten ihm zugute, er habe lediglich versucht, die gesellschaftlichen Konventionen einer Zeit zu wahren, in der Frauen öffentlich nichts zu melden hatten. Nur so konnte er hoffen, den Kern der Heilslehre zu retten und keinen zusätzlichen Anstoß zu erregen. Kritischere Stimmen werfen dem "Frauenfeind" vor, er habe einer Entwicklung den Weg gebahnt, die das weibliche Element aus dem Zentrum der Kirche verdrängt und zunehmend marginalisiert.


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