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Das Thema Die reuige Sünderin

Stand: 30.03.2011 | Archiv

Tizian: Büßende Maria Magdalena | Bild: http://www.zeno.org - Zenodot Verlagsgesellschaft mbH

Gregor der Große degradiert Maria nicht nur von der Apostolin zur Sünderin. Er formt sie zugleich zum tröstenden Beispiel für alle um, die unter der Last ihrer Sünden zu zerbrechen drohen: So wie Jesus Magdalena verziehen hat, so verzeiht er allen, die ernsthaft bereuen und büßen. Niemand, so lehrt ihr Vorbild, muss unter der Größe seiner Missetaten verzweifeln, der auf die Barmherzigkeit Gottes vertraut.

"Noli me tangere", Tizian (gestorben 1576)

Diese Botschaft wird im Mittelalter, als viele Menschen im Zuge einer zunehmend subjektiveren Frömmigkeit um ihr Seelenheil bangen, immer wichtiger. Maria Magdalena nährt die Hoffnung auf Gnade vor dem Jüngsten Gericht und wird zum Hoffnungsanker einer Zeit, die sich ihrer Heilsmöglichkeiten stets aufs Neue zu vergewissern sucht.

Maria als Trostmittel gegen Höllenangst

Maria Magdalena von Hans Baldung (gestorben 1545)

Ein Ausfluss dieser Tendenz ist das Aufkommen einer speziellen Legendenform, die den Typus des "Sünderheiligen" in den Mittelpunkt rückt. Typbildend ist die Schilderung eines Sünders, der seine erkannte Schuld auf sich nimmt und Buße tut. Am Ende erfährt der Büßer regelmäßig Vergebung, die oftmals durch seine große Erhöhung im Diesseits oder Jenseits "beglaubigt" wird. Wer aus vollem Herzen bereut und auf Gott vertraut, so die exemplarische Lehre, kann seine Seele vor der ewigen Verdammnis retten.

Francesco Hayez: Maria Magdalena (1825) | Bild: http://www.zeno.org - Zenodot Verlagsgesellschaft mbH

Maria Magdalena von Francesco Hayez (1791-1882)

Den "lebendigen Beweis" dafür treten Petrus und besonders häufig Maria Magdalena an. Vor allem sie bietet all jenen Trost, die sich als schwach, sündig und verloren empfinden. Daher verzichtet kaum eine Bußpredigt des Mittelalters darauf, den Hörern die heilige Sünderin als erbauliches Beispiel ans Herz zu legen. Dieselbe Funktion erfüllen Andachtsbilder, die Marias Läuterung und Aufnahme in den Himmel vor Augen stellen. Sie basieren inhaltlich auf der von Jacobus de Voragine um die Mitte des 13. Jahrhunderts ausformulierten Magdalenenlegende, in der Maria 30 Jahre lang in einer Grotte für ihre Sünden büßt. Die ikonografische Tradition vermengt diese Erzählung häufig mit der Legende von "Maria Ägyptica", die als ehemalige Prostituierte ebenfalls in der Einöde Buße tut.

"Pinup-Girl" barocker Augenlust

Maria Magdalena von Peter Paul Rubens (1577-1640)

Dass Maria Magdalena zum absoluten Star der spätmittelalterlichen und vollends der barocken Malerei avanciert, hat indes nicht nur religiöse Gründe. Maler wie Tizian oder Rubens nützen die Gelegenheit, das sündenhafte Vorleben der Büßerin möglichst saftig und ausgesprochen körperbetont zu schildern. Dass dabei die Zurschaustellung ihrer verlockenden, sinnlichen Nacktheit oftmals mehr voyeuristische als fromme Bedürfnisse stillt, als wäre das sakrale Thema lediglich ein Vorwand für die Augenlust des Betrachters.

Weitaus enger am eigentlichen Thema der Sündenvergebung bleiben dagegen die im Barock äußerst beliebten Magdalenen-Oratorien oder die dramatischen Gestaltungen des Magdalenenstoffs. Sie versuchen, wie beispielsweise das um 1700 entstandene Oratorium "Maddalena ai piedi di Christo" Antonio Calderas, den inneren Konflikt der zwischen Gut und Böse schwankenden Maria, ihre Seelenqual und ihre lebensändernde Glaubensentscheidung darzustellen.

Verschwörungstheorien und Frauenordination

Der aktuelle Magdalenenboom verdankt sich in erster Linie den Spekulationen, die Dan Brown mit seinem Roman "Sakrileg" äußerst raffiniert und fantasievoll aber auch tatsachenfern gesponnen hat. Bei Brown ist Maria die heimliche Ehefrau Jesu, dem sie ein Kind gebiert. Die Nachkommen Christi, hüten das Geheimnis des Heiligen Grals. Leonardo da Vinci, der die wahre Geschichte kennt, stellt die vertuschten Umstände verschlüsselt auf seinen Gemälden "Mona Lisa" und dem "Abendmahl" dar.

Das starke Interesse der feministischen Theologie entzündet sich an einem anderen, weit weniger profanen Aspekt. Für sie ist Maria Magdalena die totgeschwiegene und ins Abseits gedrängte, wortführende Jüngerin Christi, die den Anspruch der Frauen auf das Priesteramt untermauert.

Der Bamberger Theologieprofessor Joachim Kügler, selbst Priester, merkt dazu an: "Die Beteiligung von Frauen im kirchlichen Amt ist älter als die patriarchale Verformung des Christentums. […] Paulus und seine Gemeinden kannten weder männliche noch weibliche Kultpriester, aber alle kirchlichen Ämter standen beiden Geschlechtern offen. Der Verrat an der urchristlichen Geschlechtergerechtigkeit ist eine patriarchale Deformation der Kirche, die ihrem ureigensten Wesen widerspricht. Der Ausschluss der Frauen vom Amt ist auch keine Tradition im theologischen Sinn. Ein Fehler der Kirche kann nie zur bindenden kirchlichen Tradition werden, egal wie lange die Kirche ihn macht." (Publik Forum Nr. 5 März 2011, Dossier, S. XIII.)


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