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Gandhis Religion - Der Hinduismus Das Thema

"Deva", so heißt das Sanskrit-Wort für Gott. Es leitet sich her von der Wurzel "div", das bedeutet "scheinen, strahlen". Wie tausende von Sternen funkeln die Götter am Firmament der hinduistischen Glaubensgemeinschaften. Jedes Dorf und jeder Landstrich hat seine eigenen Lokal- und Stammesgottheiten. "Hinduismus" ist ein aus dem Blickwinkel des Westens heraus entstandener Sammelbegriff, keine Selbstbezeichnung.

Stand: 10.01.2014 | Archiv

Dalits Prozession | Bild: picture-alliance/dpa

Hindus haben kein Bedürfnis nach dogmatisch verbürgter Glaubenseinheit. Sie kennen keinen Gründer, kein spirituelles Oberhaupt, keine rituelle Praxis, kein Wallfahrtszentrum, keine heilige Schrift, kein einheitliches Symbol, das alle verbindet. An der Stelle, wo westlich geprägte Menschen das Zentrum ihres Glaubens finden, lassen die Hindus einen leeren Raum, den jeder füllen kann, wie er möchte. Von fundamentalistischen Verirrungen abgesehen, sind Hindus erstaunlich tolerant, auch gegenüber anderen Religionen. Mit Vielfalt könnn sie leben, denn sie ist das religiös Gewünschte, das Gesuchte. Viel hilft viel.

Das "ewige Gesetz"

Hinduistische Gläubige träufeln in Patna in Indien anlässlich des Festes "Ganga Dashhara" Milch als Opfergabe in den Ganges.

Die Hindus selbst nennen ihre Religion "Santana Dharma", das "ewige Gesetz". Sie entstand aus einer Verschmelzung zwischen der Indus-Kultur, wie sie zwischen 3000 und 1700 v. Chr. im heutigen Pakistan und Indien verbreitet war, und den arischen Stämmen, die um 1500 v. Chr. aus dem persischen Raum dort eingefallen sind. Heute stellen Hindus etwa 13,5 % der Weltbevölkerung. Es ist eine farbenprächtige und sinnenfrohe Religion mit prächtigen Tempeln und Festen, Riten und Symbolen, mit nackten und tanzenden Göttern. Aber Vishnu, Krishna, Shiva, Bakthi, Kali, um die sich das Glaubensleben der meisten Hindus dreht, sind nur verschiedene Manifestationen einer tiefer liegenden Wirklichkeit: der einen großen Weltseele, des schöpferischen Weltprinzips, des Urgrunds, der immer schon da war, ungeschaffen, ewig. Er durchwirkt die Individuen, die in ihrer körperlich-stofflich geprägten Existenzweise dem Leiden und der Vergänglichkeit ausgesetzt sind, und äußert sich in ihnen als atman, Seele. Die Hauptlehre der "Upanishaden", die zu den Veden, den ältesten und bedeutendsten religiösen Schriften der Inder, zählen, besagt: Das Weltall ist das Brahman, und das Brahman ist das atman. "Die Welt ist Gott, und Gott ist meine Seele." Mit Yoga und Meditation kann der Einzelne sich dem Urgrund annähern, der überall ist, nicht nur im Menschen.

Karma und Reinkarnation

Einer der bekanntesten Tempel am Ganges ist der "Sinkende Tempel" in Varanasi.

Damit ist auch die Verpflichtung zu moralischem Handeln verbunden. Denn das Karma, eine Art psychische Substanz, die der Mensch bei seiner Geburt übernimmt und die bei seinem Tod die Weichen stellt für eine günstige oder ungünstige Wiedergeburt, ist durch ethisches Verhalten positiv zu beeinflussen. Die Vorstellung von Karma und Reinkarnation bindet den Einzelnen in die Ewigkeit des kosmischen Prozesses ein, der auch die nichtmenschlichen Lebewesen umfasst. Die meisten frommen Hindus essen daher keine Tiere. Besonders Kühe werden sehr verehrt. "Die Kuh ist ein Gedicht des Mitleids. In Indien ist sie die Mutter von Millionen. Schutz der Kuh heißt Schutz der ganzen stummen Kreatur Gottes. Dies ist das Geschenk des Hinduismus an die Welt", so hat das Mahatma Gandhi ausgedrückt.

Ungerechtes Kastensystem

Dalits ("Unberührbare") verehren die Göttin Yellamma mit Blättern des Niem-Baumes.

Wenig mitfühlend wirkt hingegen das von Gandhi bekämpfte Kastensystem, das die Ungleichheit von Menschen mit unerbittlicher Vehemenz zementiert und religiös rechtfertigt. Obwohl es von der indischen Verfassung nicht anerkannt wird, prägt es die Lebenswirklichkeit der meisten Hindus immer noch entscheidend, und die der "Dalits", der "Zerbrochenen", im Westen auch "Paria" genannt, in besonders verheerender Weise. Auch der Status von Frauen ist demütigend. Sie dürfen nicht in den heiligen Schriften lesen und nur zu Hause Gebete sprechen. Um Erlösung zu erlangen, müssen sie als Männer wiedergeboren werden. Ihr Leben ist häufig von Gewalt geprägt, die medizinische Versorgung der Töchter ist schlechter, die Zahl der Abtreibung weiblicher Föten, der Tötung weiblicher Neugeborener erschreckend hoch, ebenso wie die Selbstmordrate unter verheirateten Frauen.

Vielfältig und widersprüchlich

"Heilige Kuh" auf einer belebten Straße in Neu Delhi. Kühe gelten als Symbol des Mütterlichen.

Der Hinduismus und das Leben der Menschen, die als Hindus geboren werden, ist vielfältiger in seinen Licht- und Schattenseiten und viel widersprüchlicher, als es die in vielen Ratgebern sich widerspiegelnde Faszination westlicher Menschen für Reinkarnation und Räucherstäbchen, Ayurveda und Yoga erfassen kann. Die grundlegende Inspiration, die er beizutragen hat im Gespräch der Religionen und Weltanschauungen, wurde schon im Rigveda, dem ältesten Zeugnis indischer Literatur, niedergelegt und ist heute aktueller denn je: ekam sat vipra bahudha vadanti – "Die Wahrheit ist eine, aber die Weisen nennen sie unter verschiedenen Namen".


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