Bayern 2 - radioWissen


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Download-Service Einsatz im Unterricht

Published at: 27-4-2015 | Archiv

Vorarbeit

Lernziel: Die Säkularisation ist ein epochaler Einschnitt in der bayerischen Geschichte, der nur im Kontext der historischen und geistesgeschichtlichen Umwälzungen im Reich und in Europa verständlich ist. In der zwischen November 1802 und Winter 1803 kulminierenden Klosterenteignung laufen mehrere Entwicklungslinien zusammen:
•      Die Aufhebung der Klöster steht im Zeichen des Strebens nach einem modernen, effizienten Staatswesen, das die überkommenen Strukturen des Ständestaates mit seiner Rechtsverfassung und seinen politischen Organen ablösen soll. In Bayern, wo der neue Kurfürst Max IV. Joseph und der leitende Minister Montgelas die Entwicklung maßgeblich vorantreiben, hindern die Klöster diese Bestrebungen: Sie verfügen über ein Drittel des gesamten bayerischen Grundbesitzes und genießen als Grundherrschaften eine Reihe von Eigenrechten, die den Aufbau eines geschlossenen Hoheitsgebietes sowie ein lückenlos durchgreifendes staatliches Gewalt- und Rechtsprechungsmonopol vereiteln. Da die ständischen Klöster im Landtag Sitz und Stimme haben und durch Reichsrecht gegen Übergriffe des Landesherrn geschützt sind, stellen sie eine erhebliche Modernisierungshürde dar.
•      Die Säkularisation wurzelt im Geist der Aufklärung, die viele Elemente der traditionellen Volksfrömmigkeit als abergläubischen, irrationalen, rückständigen Unsinn verwirft. Während sich ein Großteil der Weltgeistlichem diesem Verdikt anschließt und eine Vernunftgründung des Glaubens fordert, halten die Klöster und vor allem die Bettelorden an frommen Traditionen fest. Der bayerische Kurfürst und sein leitender Minister gelten als ausgesprochene Gegner des Ordenswesens und stützen die in der aufgeklärten Beamtenschaft bereits weit verbreiteten anti-monastischen Ressentiments.
•      Entscheidende Impulse und Weichenstellungen resultieren zudem aus der Neuordnung Europas durch Napoleon Bonaparte. Die Niederlage des Reichs in den Koalitionskriegen gegen Frankreich schwächt die kaiserliche Macht und schafft zugleich die rechtlichen Voraussetzungen für eine Säkularisation des Klostervermögens: Um die deutschen Fürsten für ihre linksrheinischen Gebietsverluste zu entschädigen, willigt das Reich in die Aufhebung geistlicher Fürstentümer, Stifte, Klöster und zahlreicher Reichsstädte ein. Die aufgehobenen Gebiete werden den jeweiligen Landesherren zugeschlagen. Dadurch verliert das Reich einen Großteil seiner Parteigänger und Einflussmöglichkeiten in den Territorien der Landesherren.
•      Ein weiterer, speziell in Bayern maßgeblicher Strang, ist schließlich die durch massive Kriegskosten bedingte Finanzmisere des Kurfürstentums. Um den Staatsbankrott abzuwenden und die kurfürstlichen Kassen zu sanieren, planen der Herzog und sein leitender Minister Montgelas die Beschlagnahme des Klostervermögens. Die beweglichen und unbeweglichen monastischen Besitztümer sollen eingezogen und versteigert werden, die Verkaufserlöse dem Staat zufließen.

Am Beispiel der Abtei Benediktbeuern lernen die Schülerinnen und Schüler wesentliche Motivlagen, Auslöser, Phasen, Akteure und Ergebnisse der Säkularisation in Bayern kennen. Insbesondere
•      werden sie mit den historischen und geistesgeschichtlichen Voraussetzungen der Säkularisation sowie wichtigen geschichtlichen Grundbegriffen der Epoche (ständische Ordnung, ständische Klöster) vertraut,
•      erhalten Einblicke in den Aufbau der Gesellschaft und die ständische Struktur Bayerns um 1800,
•      verstehen, warum die ständische Ordnung und vor allem der klösterliche Grundbesitz mit seinen Herrschafts- und Rechtsprivilegien der Schaffung einer modernen Zentralverwaltung sowie einer einheitlichen Besteuerung und Rechtsprechung entgegenstanden,
•      begreifen, wie die Aufklärung, die Stellung Bayerns im europäischen und deutschen Machtgefüge und die napoleonischen Kriege zur Säkularisation beitrugen,
•      wissen, dass die Säkularisation als "Revolution von oben" maßgeblich durch Max IV. Joseph und seinen Minister Maximilian Graf Montgelas vorbereitet und umgesetzt wurde,
•      überblicken den grundsätzlichen Ablauf, die Phasen und Maßnahmen der Säkularisation,
•        entwickeln ein Verständnis für die negativen und positiven Folgen des Geschehens und verstehen, weshalb sie als "Revolution von oben" bezeichnet wird.

Einsatz im Unterricht

Hinführung zum Thema: Ein Problem der Behandlung des Themas im Unterricht ist die in den Lernzielen skizzierte Komplexität und Mehrsträngigkeit der Säkularisation. Um das Verständnis des Geschehens und des Radiobeitrags zu gewährleisten, müssen wichtige historische Begriffe entweder vor dem Hören bekannt sein oder abschnittsbegleitend erläutert werden. Zu den unverzichtbaren Grundlagen, die durch Referate, das Austeilen des Glossars oder durch Lehrerinformationen geklärt sein sollten, zählen insbesondere die Begriffe
•      Landesherrschaft
•      Grundherrschaft
•      Ständische Ordnung
•      (Land-)Ständisches Kloster
•      Landtag
•      Kurfürst
•      Aufklärung
•      Koalitionskriege
•      Reichsgesetzgebung (Instanzen, Verbindlichkeit, Sanktionen).

Nacharbeit

Nachbearbeitung:
•      Die Arbeitsblätter und Arbeitsaufträge dienen der Festigung des im Radiobeitrag vermittelten Wissens und der Vertiefung aufgeworfener Fragen im Unterrichtsgespräch. Sie können einzeln oder in Auswahl eingesetzt werden.
•      Die Sendungsausschnitte können zur Motivation und thematischen Strukturierung des Unterrichtsgesprächs oder als Ergänzung der Arbeitsblätter eingesetzt werden.
•      Das Faktenblatt "Säkularisation" stellt die Voraussetzungen, Schritte und Folgen im Überblick dar. Es kann als Arbeitsgrundlage vor dem Hören der Sendung ausgeteilt oder zur Ergebnissicherung nachgereicht werden.
•        Die "Anregungen für das Unterrichtsgespräch" fragen zentrale Aspekte des Radiobeitrags ab. Sie können entweder in Einzelarbeit, von Arbeitsgruppen oder im Klassenverband beantwortet werden. Die Ergebnisse werden im Plenum ergänzt und korrigiert.
Arbeitsblatt 1: "Die Säkularisation: Bayern auf dem Weg vom Stände- zum Verfassungsstaat". Das Arbeitsblatt fixiert das von Max. IV. Joseph und seinen Minister Montgelas voran getriebene Modernisierungsprogramm als einen Hauptauslöser der Säkularisation in Bayern. Hilfestellungen bei der Bearbeitung und ergänzende Informationen bietet Audio-Ausschnitt 1: "Modernisierung als Staatsziel: Kurfürst Max IV. Joseph löst Bayerns Klöster auf." Arbeitsblatt 2: "Das gestaffelte Ende der bayerischen Klöster: Phasen und Ablauf der Säkularisation". Die Schülerinnen und Schüler begreifen die Säkularisation als einen mehrstufigen, durch den Reichsdeputationshauptschluss legalisierten Prozess, der bereits 1799/1800 seine ersten Schatten vorausschickt, 1802 durch die Novemberkommissionen akribisch vorbereitet und 1803 schließlich durch die Aufhebungskommissare vollständig umgesetzt wird. Arbeitsblatt 3: " Tausend Jahre Kultur unter dem Hammer: Der Ausverkauf des Klostervermögens". Das Arbeitsblatt beschäftigt sich mit dem konkreten Ablauf der Beschlagnahme, der Sichtung und Versteigerung des Klosterbesitzes. Wesentliche Aspekte sind dabei die Tätigkeit der Sonderkommissionen für Bücher und Kunstschätze sowie die architektonischen und materiellen Säkularisationsverluste durch den unsachgemäßen Transport konfiszierter Stücke oder das Desinteresse des Staates. Ergänzend dazu: Audio-Ausschnitt 2: "Klöster unter dem Hammer: Die Aufhebungskommissare gehen ans Werk." Arbeitsblatt 4: "Außer Spesen nichts gewesen? Versuch einer Bilanz der Säkularisation in Bayern (I)". Das Arbeitsblatt stellt die Frage nach den Erfolgen und Misserfolgen der Säkularisation. Die Schüler halten fest, dass wesentliche administrative und politische Teilziele erfüllt, die finanziellen Erwarten jedoch enttäuscht wurden. Ergänzend dazu: Audio-Ausschnitt 3: "Licht und Schatten: Versuch einer Bilanz der Säkularisation in Bayern". Arbeitsblatt 5: "Kulturbruch oder Kulturwandel? Versuch einer Bilanz der Säkularisation in Bayern (II)". Das Arbeitsblatt vertieft die Frage nach den Ergebnissen der Säkularisation. Als negativer Aspekt erscheint dabei das Wegfallen der Klöster als kulturelle, soziale und medizinische Zentren der Fürsorge im ländlichen Raum. Dem stehen als positive Aspekte die Bewahrung wertvoller Kulturgüter vor dem Ausverkauf und der Aufbau staatlicher Sammlungen aus requirierten Klosterbeständen entgegen. Ergänzend dazu: Audio-Ausschnitt 3: "Licht und Schatten: Versuch einer Bilanz der Säkularisation in Bayern". Arbeitsblatt 6: "Wer, was, wann, wo? - Eckdaten zur Säkularisation in Bayern". Das Arbeitsblatt sichert wesentliche geschichtliche Eckdaten und Ereignisse. Ergänzend dazu Fragebogen: Arbeitsaufträge für das Unterrichtsgespräch und Faktenblatt zur Säkularisation in Bayern: Voraussetzungen, Schritte, Folgen.

Lehrplanbezug

Lehrplan für die bayerische Mittelschule
7. Jahrgangsstufe
Geschichte, Sozialkunde, Erdkunde, 7.5.2 Gesellschaft und Kultur im barocken Bayern im 17. Und 18. Jahrhundert

Lehrplan für die bayerische Realschule
8. Jahrgangsstufe
Geschichte, 8.2 Prägung Europas durch Barock und Aufklärung: Die Aufklärung: Ideen und Auswirkungen, Veränderung der Weltsicht durch Rationalismus und Naturwissenschaften, Säkularisierung, neue politische Ideen - Kritik am Absolutismus; Forderung nach Gewaltenteilung, gesellschaftlich-kulturelle Auswirkungen der Aufklärung in Deutschland; der Alltag des Menschen in der vorindustriellen Gesellschaft: die ständische Ordnung. 8.3 Grundlagen der Moderne - Die Französische Revolution und ihre Folgen: Napoleon und das Ende des alten Europas: Bayern in der napoleonischen Zeit

Lehrplan für das bayerische Gymnasium
8. Jahrgangsstufe
Geschichte, 8.1 Europa im Zeitalter der Revolutionen: territoriale Veränderungen und innere Reformen in Deutschland am Beispiel Bayerns unter Montgelas. Exemplarische Vertiefungen zu einzelnen Aspekten: Leben und Werk eines Philosophen oder Staatsrechtlers, z. B. Locke, Kant, Montesquieu, Rousseau, Aspekte und Gestalten bayerischer Geschichte, preußische Reformpolitik im Vergleich mit Bayern
11. Jahrgangsstufe
Geschichte, 11.1.1 Leben in der Ständegesellschaft des 15. bis 18. Jahrhunderts: Kennzeichen der Ständegesellschaft (insbesondere Leibeigenschaft, Grundherrschaft, Genossenschaft, soziale Normen); Status von Minderheiten (insbesondere Judentum), Überblick über Elemente der sozialen Fürsorge auf dem Land und in der Stadt, vorindustrielle Arbeitswelten: agrarische Subsistenz, Zünfte, Verlag, Manufaktur


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