Bayern 2 - radioTexte


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Anarchist, Querdenker und hinreißender Filmemacher Eine literarische Hommage an Herbert Achternbusch

Beim Filmfest 2015 zeigte sich das Gesamtkunstwerk Achternbusch zum letzten Mal der Öffentlichkeit: mit einem Gehstock aber immer noch mit Schalk in den Augen. Unvergessen seine Texte, Partituren der Melancholie und Traurigkeit, die ihn über die Grenzen Bayerns berühmt machten. "In Bayern sind 60 Prozent Anarchisten, und die wählen alle CSU," das stimmt zwar so nicht mehr, rein mathematisch, aber inhaltlich trifft es immer noch den Kern der bayerischen Volksseele. Allein der Phantasie folgen - keine Regeln, keine Konventionen - unter diesem Motto stand sein gesamtes künstlerisches Lebenswerk.

Author: Eva Demmelhuber

Published at: 13-1-2022

Herbert Achternbusch | Bild: picture-alliance/dpa

„Du hast zwar keine Chance, aber nutze sie!“

Herbert Achternbusch war ein "künstlerisches Gesamtkunstwerk". Ein Anarchist im Denken und Handeln. Ein Multikünster, als Maler und Bildhauer, als Filmemacher, Dramatiker und als Schriftsteller, als Kritiker und genauer Beobachter seines Umfeldes. Und wahrscheinlich hatte er sogar als Gelegenheitsarbeiter kleine Kunstwerke geschaffen. In München geboren, in Mietraching hinter Deggendorf, am Tor zum Bayerischen Wald, bei seiner Oma aufgewachsen, in Cham ins Gymnasium gegangen, also ein Oberbayer, Niederbayer und Waldler in einem.

"Da stimmt was nicht!"

Trotzig schrieb er: „Dieses Land hat mich kaputt gemacht, und ich bleibe solange, bis man es ihm ansieht." Trotzdem musste Herbert Achternbusch nach langer Krankheit sich beugen. Seine Texte und Bilder, Filme und Theaterstücke werden bleiben, und werden immer im Kontext dieses Landes stehen, das er uns zerhackstückt um die Ohren gehauen hat, anarchisch, traurig und komisch in einem, angriffslustig und voller Selbstironie.

"Ich bin ein Schaf - Memoiren"

"Ich bin ein Schaf. Meine Weide ist mein Leben. Spärlich, kein Gras. Ein einsames Schaf ist allein. Kein Vorderschaf, also kein Herdentrieb, also keine Richtung. Also kein Futter, keine Hoffnung, kein Sinn und keine Behaglichkeit. Soweit kommt es nicht, daß ich meiner Wolle als Luxus ausgeben, weil sie mich vor Regen und Kälte schützt. Und ein Schaf ohne Wolle gibt es gar nicht. Das ist ja dann ein hochgestelltes Schwein. Schauen Sie sich ein geschorenes Schaf an, dann wissen Sie, was ich meine. Ich bin ein Schaf!"

"Obwohl die Menschen pausenlos denken, bringen sie kaum zusammen, was sie möchten."

"Als ich hörte, dass es im Nachbartal kein Schaf mehr geben soll, stellte ich mich auf einen Schneemann und hielt nach einem Schaf auf der Wolke über mir Ausschau."

"Ich erzog mir die Sprache zum Bösewicht"

"Im Paradies", Gemälde von Herbert Achternbusch | Bild: Herbert Achternbusch

"Im Paradies" - Gemälde von Herbert Achternbusch

Wieso sollte er in die Schule gehen, von der Herbert Achternbusch sowieso wusste, dass sie ihm mit Regeln, dem engen Konservatismus nur die Flügel brechen will, dass er dort mit seinen Gedanken nur an den Pranger gestellt wird. Da malte er lieber zu Hause Bilder, seiner eigenen Phantasie folgend. Trotzdem machte er Abitur in Cham, studierte ein paar Semester an der Münchner Akademie der Bildenden Künste, schlug sich als Bildhauer und Maler, als Gelegenheitsarbeiter durch, bis ihn unter anderem Martin Walser zum Schreiben ermutigte. Über 40 Bücher hat er geschrieben, mehr als 20 Theaterstücke, Drehbücher für über 30 Spielfilme, die er selber drehte meist mit Laienschauspielern, aber eben auch mit solchen Kalibern wie Josef Bierbichler.

Achternbusch als Bestattungsunternehmer "Hades"

Herbert Achternbusch horcht am Hades | Bild: picture-alliance/dpa

Bestattungsunternehmer Hades horcht in die Unterwelt des Hades

In "Hades" von 1995 versucht der Bestattungsunternehmer Hades alle Wünsche seiner Kunden zu erfüllen. In diesem Kinofilm, der mit dem Kulturpreis der "BZ" ausgezeichnet wurde, erzählt Herbert Achternbusch in Rückblenden mit Originalaufnahmen des Warschauer Ghettos vom Überleben des jüdischen Kinds Ismael, der als Otto den Holocaust überlebte und Sargfabrikant wurde.

"Das Gespenst" - ein Skandal-Film

In der Rolle als 42. Jesus versucht Herbert Achternbusch übers Wasser zu gehen. Die Nonne spielte die unvergessene Annamirl Bierbichler

"Das Andechser Gefühl" war Herbert Achternbuschs erster großer Kinofilm, fast jedes Jahr folgte ein weiterer, „Die Atlantikschwimmer“, „Bierkampf“, „Servus Bayern“, „Das Gespenst“, um nur einige wenige zu nennen. Vor allem letzter Film machte ihn im katholischen Bayern zur persona noch grata. Als 42. Herrgott stieg er vom Kreuz und führte als Wirtshauskellner mit einer Oberin ein ziemlich weltliches Leben. In Österreich wurde der Film beschlagnahmt, in Bayern pinkelten Gegner in die Kinos, in denen der Film gezeigt wurde. Der damalige Innenminister Friedrich Zimmermann entzog Achternbusch im Nachhinein die letzten noch nicht ausbezahlten Raten der zugesagten Filmförderung, ein Skandal, der aber viele Zuschauer brachte.

Zur Erinnerung an Herbert Achternbusch

Sein letzter öffentlicher Auftritt beim Filmfest 2015 in München

Herbert Achternbusch, ein Freigeist. Mit surrealen Mitteln stellte er alles auf den Kopf, hinterfragte das scheinbar „Gültige“, hielt mit seinem sarkastischen Witz den Leuten den Spiegel vor, vor allem den bornierten Traditionsbayern, wetterte gegen Kirche und Staat, in grotesken, radikalen, verzweifeltlustigen Dialogen. Anfang der Woche ist Herbert Achternbusch im Alter von 83 Jahren gestorben. "radioTexte - Das offene Buch" erinnert an den großen Künstler.
Lesung mit dem Schauspieler André Jung und Herbert Achternbusch, der auch vom Schreiben und von seinem Schaffen erzählt.

Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche


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