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Bayerischer Buchpreis 2020 für Ulrike Draesner Ausgezeichnet für ihren neuen Roman "Schwitters"

Der Bayerische Buchpreis 2020 geht an die Lyrikerin und Schriftstellerin Ulrike Draesner für ihren kühn geschriebenen neuen Roman "Schwitters". Sie schrieb diesen Roman zuerst auf Englisch. Sie wollte erfahren, wie es sich anfühlt, nicht in der Muttersprache zu schreiben. Denn Kurt Schwitters ereilte genau dieses schwere Schicksal. Von den Nationalsozialisten verfemt, gebrandmarkt, zur Gestapo bestellt, musste der Universalkünstler Hannover verlassen, floh zunächst nach Norwegen, dann nach England. Alles musste er zurücklassen, und die neue Sprache sich erst mühsam erobern.

Stand: 19.11.2020

Axel Milberg, Kurt Schwitters, Ulrike Draesner | Bild: wikimedia/Lissitzky/gezett-Gerald Zörner/Montage BR

Ulrike Draesner "Schwitters"

In ihrem neuen Roman beschäftigt sich Ulrike Draesner wieder mit dem Thema Flucht, Exil, Verlust und deren Folgen. Sie folgt dem Schriftsteller, Lyriker und bildenden Künstler Kurt Schwitters ins Exil, der 1937 Hannover verlassen musste und nach Norwegen floh. Ohne seine Familie, ohne seinen Merz-Bau.

"Kurt hatte einen Raum der Erinnerung, Liebe, Verrücktheit geschaffen; eine begehbare Skulptur, die sich inzwischen über mehrere Stockwerke erstreckte. Vor 17 Jahren hatte er im besten Gartenzimmer des Erdgeschosses damit angefangen, neben der Wohnung seiner Eltern. Diesen Sommer hatte der Bau das Dach erreicht. Besucher fühlten sich überwältigt, zum Lachen gebracht oder als habe ihnen jemand einen Kinnhaken versetzt. Manche beschimpften ihn, andere weinten."
aus: 'Schwitters' von Ulrike Draesner, Penguin 2020

Drei Jahre nach dem Überfall der Deutschen musste Kurt Schwitters auch Norwegen verlassen, musste wieder sein gesamtes Werk zurücklassen, seinen neu angefangenen Merz-Bau, eine Art "Gesamtweltbild". Mit dem letzten Eisbrecher schaffte der Universalkünstler den Weg nach England, wo er sich erneut mit einer ihm unbekannten Sprache auseinandersetzen musste, er, der deutsche Sprachvirtuose, der Dada-Dichter, der zu Hause anerkannte Künstler, mit dem Gedichtzyklus "Anna Blume" etwa oder seiner "Ursonate" . In Ambleside starb "Kört" Schwitters mit nur 61 Jahren.

Kurt Schwitters in Ambleside, 1948

"Der Nebel streckte seine gespinstigen Finger und kroch wenige Zentimeter über die Wiese voran, die er mit jedem seiner Atemzüge sowohl sichtbarer zu machen als auch zu verstecken schien. 'Gespinstig' war vermutlich nicht das richtige Wort, er richtete seinen Verdacht gegen sich selbst, vermutlich war nicht einmal 'vermutlich' richtig, er traute sich in keiner Sprache mehr über den Weg. Gespinstig war wahrscheinlich eine Folge, ein Schluss, erzeugt von einem koboldhaften Gespenst, das Wörter herum-würfelte in seinem Kopf. Die Mischung der englischen und deutschen Laute stieß ihm zu, und er mochte sie, mochte die 'formidable Fingerhaftigkeit' des englischen Nebels, dieses Hundes (dog) auf f (fog), wie er hechelte über der englischen Wiese und gleich-zeitig festhing, kriechen&kleben, schweben&schleichen, die Gestalt stets neu verzerrt. Nicht ganz wie ein Lebewesen, nur fast, nicht ganz verrückt, nur fast, und fraglos jenseits dessen, was Kurt, genannt Körrt, fasste oder begriff."

aus: 'Schwitters' von Ulrike Draesner

Cornelia Zetzsche stellt in zwei Folgen den neuen Roman der Schriftstellerin, Lyrikerin, Übersetzerin und Leiterin des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig vor. Was war der Auslöser für die Beschäftigung mit Kurt Schwitters?

Ulrike Draesner

Ulrike Draesner: "Ich war nach Oxford gegangen, für ein Jahr und saß im Zimmer einer Mediävistin, die mich zum Tee eingeladen hatte. Und man muss sich jetzt ein Oxforder Tutoren-Zimmer vorstellen, klein und voller Bücher und ein Teppich und ein Ausblick auf Wolken und die Teekanne neben uns und diese Hafercookies. Und ich schaue schräg hinter mich, und da hing ein seltsames Objekt an der Wand, und dann habe ich gefragt: "Was ist das?" Und sie sagte: "Das haben mir meine Studierenden in Newcastle geschenkt. Das soll irgendwie an Schwitters erinnern." Und sie fing an zu erzählen von ihm und seinem Leben im Exil, damals in England, seit 1940 bis zu seinem Tod 1948, erst auf der Isle of Man als internierter Deutscher aus Feindesland, dann in London und dann im Lake District. Und während sie sprach, verband sich das in meinem Kopf mit meinen Themen des Exils, der Frage danach, was für Traumatisierungen so etwas auslöst, was es heißt, als Geflüchteter zu leben? Was das vielleicht auch noch einmal speziell für den Künstler und Autor heißt, der sein Publikum verliert. Ich war auch überrascht von dieser Figur, die ich nur als deutschen Autor kannte, der aber in England offensichtlich ganz besonders bekannt ist als Bildender Künstler. Und er kam mir wie gerufen, denn ich wollte versuchen, auf Englisch zu schreiben, in diesem englischen Jahr, und da war nun jemand, den ich das machen lassen konnte, denn er hat damals Englisch gesprochen, er hat Englisch sprechen müssen. Er hat auch versucht, auf Englisch zu schreiben, und ich dachte mir am Anfang, das ist ideal, weil dann, wenn ich Fehler mache im Englischen, beim Schreiben, dann kann ich mich hinter Schwitters verstecken."

Und so begann die Recherche über Kurt "Schwitters". Mit ihrem neuen Roman wurde Ulrike Draesner mit dem Bayerischen Buchpreis 2020 ausgezeichnet.

Zwei-teilige Lesung mit Schauspieler Axel Milberg

Kunstvoll, dicht geschrieben, einfühlsam führt uns die preisgekrönte Schriftstellerin in den Gedanken-Kosmos des Universalkünstlers Kurt "Schwitters". "Ein tiefgründiger, dabei humorvoller Roman über die Kraft der Kunst in dunklen Zeiten", heißt es im Klappentext. Ein Sprachkunstwerk, kühn und poetisch geschrieben, den Axel Milberg kunstvoll zum Leben erweckt. Und Ulrike Draesner ist aus Berlin zugeschaltet.

"Schwitters" - Teil 1: "Die deutschen Jahre",  am 15. November

"Schwitters" - Teil 2: "Die englischen Jahre", am 22. November,
jeweils am Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2

Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche
Regie: Eva Demmelhuber

Sonderpreis 2020 des Deutschen Hörbuchpreises für Axel Milberg

Axel Milberg im Foyer des Bayerischen Rundfunks

Im März dieses Jahres wurde Axel Milberg mit dem Sonderpreis geehrt. In der Begründung der Jury hieß es:

"Im besten Sinne unauffällig und außergewöhnlich talentiert führt Axel Milberg die Bandbreite seines Könnens mit großem Erfolg und enormer Begeisterung zur Interpretation von zahlreichen Hörspielen und Hörbüchern. Mühelos und leidenschaftlich gestaltet er seine Rollen. Mit Enthusiasmus, Emotion und dem Einsatz unzähliger stimmlicher Facetten, erobert Axel Milberg die Vielschichtigkeit in den Charakteren bis ins kleinste Detail. Er formt und inszeniert sie, er macht sie lebendig. Und diese Euphorie lebt nicht nur er selbst, sondern sie überträgt sich immer wieder auf sein begeistertes Publikum."
Jury Hörbuchpreis 2020

Axel Milberg: "Es ist harte Arbeit, in einem engen Studio ohne Fenster acht Stunden auf DinA4 - Seiten zu starren, aber es ist auch eine wirklich aufregende Sache, nur durch Worte und Vorstellungskraft eine unsichtbare Welt sichtbar zu machen."


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