Bayern 2 - Nachtmix


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Bob Casale von Devo No Satisfaction

Neben den Talking Heads und den B-52's zählen Devo zu den wichtigsten New Wave-Bands der USA. Zwischen 1976 und 1981 schrieben sie mit Hits wie "Mongoloid" und "Freedom Of Choice" Musikgeschichte. Jetzt ist Bob Casale, der Rhythmus-Gitarrist und Keyboarder der Band mit 61 Jahren an Herzversagen gestorben.

Von: Ralf Summer

Stand: 21.02.2014 | Archiv

Die Band Devo ca. 1980 | Bild: Devo

Devo-Sänger Mark Mothers Mothersbaugh zum Tod seines Bandkollegen Bob Casale:

"Wir sind geschockt und traurig. Bob war für den Devo-Sound sehr wichtig. Zusammen haben wir die letzten 20 Jahre an sechzig oder siebzig Filmen und TV-Shows gearbeitet. Dazu kommen eine Menge  Werbeclips und Videospiele. Bob war maßgeblich für den den Sound von 'Rugrats' oder von Wes Anderson-Filmen. Er war ein enger Freund. Ich werde ihn sehr vermissen."

Devo-Sänger Mark Mothers Mothersbaugh

Devo im Jahr 1981 | Bild: Robert Matheu

Devo Gitarrist Bob Casale ist am 17. Februar 2014 an Herzversagen gestorben.

Casale war einer der Gründungsmitglieder. Kopf der Band aus Akron, Ohio, war aber Sänger Mark Mothersbaugh. "Devo" ist die Abkürzung von "De-Evolution" und meint die Rückentwicklung des Menschen. Devo waren umgekehrte Darwinisten: In ihren Augen entwickelt sich die Gesellschaft in Konsumländern nicht weiter, sondern zurück. Nach dem ersten Ende der Band 1990 wechselten Mothersbaugh und Casale zum Film: Sie waren an über 100 Soundtracks für Kino und TV beteiligt, darunter auch Erfolge wie "Power Rangers" oder die Wes Anderson Filme "Die Tiefseetaucher" oder "Royal Tennenbaums". 2010 ist der Band nach 20 Jahren Pause ein Comeback mit neuer Platte und Comeback-Konzerten bei den Winterspiele von Vancouver und dem Coachella-OpenAir in Kalifornien gelungen.

Welche Bedeutung die Band Devo für die Musikwelt hat? Der Nachtmix geht in den folgenden Zeilen zurück bis zu den Anfängen der Band.

The Evolution of De-Evolution

Vielleicht der größte Hit von Devo war ein Cover: "(I Can´t Get No) Satisfaction" wurde 2009 auch in die Top 5 der besten Coverversionen der Zündfunk-Hörer gewählt – diese zackig-Wave-ig-kantige Nummer ist nicht nur die berühmt-berüchtigste aller "Satisfaction"-Coverversionen: Allmusic.com nennt es "eine unerkennbare, eine nahezu spastische Version", "Satisfaction" ist auch das Markenzeichen dieser Richtungs-weisenden amerikanischen Band.

Devo selbst wurden von so unterschiedlichen Künstlern wie Nirvana, Bonnie "Prince" Billy, Weird "Al" Yankovic oder Rage Against The Machine gecovert. Auf der Best Of-Platte "Hot Potatoes" werden Devo von einem Kritiker als das Ergebnis beschrieben, das herauskommt, wenn The Residents mit Ralph Nader, dem Kopf der amerikanischen Grünen, schlammcatchen gehen. Und sogar Thomas Gottschalk rappte in der deutschen Version von "Rapper’s Delight" von seinem Fantum für Devo:

"Ich steh auf Boomtown Rats, Devo, Patti Smith."

Thomas Gottschalk

Und Devo, die alten Konsumkritiker, sind die einzig uns bekannte Band mit eigener Hymne - dem Devo Corporate Theme

Die Parade-Nerds im Jahr 1978: Devo.

Devo stehen eben für den etwas anderen Pop-Humor: sich einerseits harmlos geben durch den Blaumann als Band-Uniform, andererseits zynisch zurückschlagen mit einer eigenen Firmenhymne. Devo wirken heute wie Parade-Nerds. Sie begannen vor Punk, aber waren mit ihrem synthetischen Wissenschaftler-Pop im Grunde schon wieder Post-Punk. Devo waren keine Menschen, sondern eine zukünftige Spezies. Wie heißt doch die B-Seite ihrer ersten Single "Mongoloid" von 1976: "Jocko Homo (Are We Not Men? We Are Devo!").

Ohnehin eine Melodie aus einem Science-Fiction-Horror-Film "Island Of Lost Souls" mit Bela Lugosi von 1933 taucht hier auf in "Jocko Homo (Are We Not Men? We Are Devo!)". Mit dem Song landet die Band Devo in England auf Anhieb in den Charts. Mit ihrem Erkennungsstück "Jocko Homo" durften sie auch schon als Vorband vom berühmten Sun Ra spielen und das französische Electro-Duo Justice sampelte es.

Art-School-Band

In Reih und Glied: die Kunststudentenband um Jerry Casale und Mark Mothersbaugh.

Die wichtigsten Jahre der Kunststudentenband um Gerald, genannt Jerry Casale, und Mark Mothersbaugh, sind die späten 70er und frühen 80ern. Devo lernen sich an ihrer Uni kennen: an der Kent State University, Ohio. Als Mark Mothersbaugh und Jerry Casale ihre Brüder für das Band-Projekt ""Sextet Devo" rekrutieren, verwandelt die Band ihre Idee vom 'Devo'-Konzept zum Namen. Die Band gibt sich als die lustigen Anti-Darwinisten aus. Devo sehen Mitte der 70er schon genug Zeichen in den USA für die von ihnen postulierte Rückentwicklung: vor allem im Herdentrieb und in der Leichtgläubigkeit der Menschen. An der Kent State University sind Devos Auftritte schnell DAS Thema, aber erst ihr zweites künstlerisches Standbein, ein Film, sollte ihnen die Tür in die Pop-Welt öffnen. Ihr Kurzfilm "The Truth About De-Evolution" gefällt David Bowie und Iggy Pop, und sie vermitteln Devo einen Plattenvertrag bei Warner, die sieben Alben der Band veröffentlichen werden. Gleich ihr erstes Album "Question: Are We Not Men? Answer: We Are Devo!" schlägt ein und mit "Whip It" haben sie 1980 einen ersten Hit. Produziert vom ewigen Goldhändchen Brian Eno.

Aber das campe Peitschen-Video von "Whip It" gibt vor 30 Jahren Rätsel auf. In amerikanischen Talkshows wird Mark Mothersbaugh gefragt:

"Sind Devo perverse Aliens? Spielen Devo mit Macht und Ordnung? Oder machen sich Devo einfach nur über alles lustig?"

Frage eines Talkmasters an Devo

Noch mehr als der Synthie-Pop, noch mehr als ihre Musik, die zwischen den B-52´s und den Talking Heads pendelt, fallen Devo durch ihre Optik auf. Zum einen der einheitliche Bühnenlook: In den Glamour-Overalls sehen sie aus wie billige Arbeitsameisen aus B-Movie-Science Fiction. Charakteristisch sind die Türmchen-Hüte, die sie im US-Fernsehen einmal "Energy Domes" nannten, um die Energie, die man über den Kopf abgibt, aufzufangen und dem Hirn wieder zuzuführen. Mothersbaugh bleibt bei solchen Antworten in Talkshows erstaunlich ernst.

Unter Eid

Die Band Devo wie man sie kennt: mit Hut.

Nicht nur Devos Bühnenchoreographie unterscheidet sich also vom herkömmlichen Punk-Geschrammel oder der No Wave-Coolness der späten 70er: Es gibt weder Gitarrensoli noch Gitarrenzertrümmern, es werden keine jazzy Saxophone geblasen und keine Fön-Frisuren zur Schau getragen. Devo zeigen, wie degeneriert die westliche Welt durch die Konsumnormen ist. Es bleibt ihnen Spott, mehr noch: Parodie. Selbstverständlich, dass man Corporate Identies oder Glaubensgemeinschaften überzeichnet. Selbstverständlich muss man als Fan auch einen Eid auf die Band ablegen: den "Devo-lutionary Oath". Die fünf Punkte des Devo-Eids lauten:

  • Sei wie deine Vorfahren oder sei anders. Es macht keinen Unterschied.
  • Lege eine Million Eier oder brüte eines aus.
  • Trage grelle Farben oder vermeide Aufsehen. Es spielt keine Rolle.
  • Der Stärkere überlebt, aber auch der Kranke möge überleben.
  • Wir müssen uns wiederholen.

Devo wollten Andy Warhol's New Yorker Factory auf Akron, Ohio übertragen - nur mit mehr Humor und mehr Message, wird Mark Mothersbaugh dazu später in einem Interview mit dem Wired Magazin sagen.

Video Gamer

1980 veröffentlichen Devo ihr drittes Album "Freedom Of Choice", darauf folgt eine Live EP mit der sie Nummer 1 in Australien werden. Devo werden die erste Band, die man für ihre Clips kennt: Zu ihren Songs gibt es fast immer Videos, die die ersten MTV-Jahre bereichern und die fast alle von Bandmitglied Gerald "Jerry" Casale gemacht werden. Heute dreht der Devo-Bassist Clips für andere Bands, unter anderem für Foo Fighters und Soundgarden oder macht Werbe-Clips.

Coverversionen bleiben eine Spezialität von Devo, so wie ihre Version des 60er Jahre Krimi-Serien-Klassiker, den alten Johnny Rivers-Hit "Secret Agent Man". Aber mit Nachspielen kann man nicht lange davon ablenken, dass man gerade keine eigenen Hits mehr zustande bringt. 1981 ziehen sich Devo John F. Kennedy-Perücken auf und stilisieren sich als "New Traditionalists", geben sich also als "Neo-Cons" aus. Bis auf das erste Stück "Through Being Cool" klingt die Platte allerdings tatsächlich seltsam bieder und konservativ. Die dicken Brillen von Sänger Mark Mothersbaugh sind aber kein Accessoire: ohne Brille ist er fast blind.

Die Band Devo 2010 live.

1982 spielen Devo in "Human Highway" mit. Im Film von Musikerkollege Neil Young stellen sie menschlichen Atommüll dar und Sänger und Gitarrist Mark Mothersbaugh komponiert seinen ersten Soundtrack. Der Film, in dem auch Dennis Hopper mitspielt und in dem Devo den Hit des Regisseurs "Hey Hey My My" kaputtcovern, floppt. Wie die Devo-Platten ab dieser Zeit. Nach dem Flop der Drop: ihre Plattenfirma Warner entlässt Devo 1984. Der Drummer verlässt die Band, die dann den Schlagzeuger der Sparks holt. Devo lassen angeblich neue Synthesizer beim Taschenrechner-Hersteller Texas Instruments herstellen, retten sich mit zwei Electro-Pop-Alben in einen neuen Label-Deal, veröffentlichen schließlich noch eine Laserdisc mit ihrer De-Evolutions-Theorie, aber 1991 wirft die Band das Handtuch. Mark Mothersbaugh, der mit Bassist Jerry Casale bereits einen Grammy Award für das beste Videoalbum gewonnen hat (heute heißt der Grammy "Best Long Form Music Video"), beginnt seine zweite Karriere: als Film- und Fernsehkomponist.

Wie für die Sex Pistols, Blondie, PIL und viele andere Punk- und New Wave-Bands der ersten Stunde, kam auch irgendwann für Devo: das Comeback. Nach 13 Jahren Live-Pause geben sie seit 2004 sie wieder Konzerte. Außerdem läuft neben Devo auch noch das Projekt Devo 2.0 – eine Kooperation mit Disney, bei der die Band ihre alten Hits in Kinderversionen eingespielt hat – mit zum Teil veränderten Texten. Man hat sich also um die Band nie finanziellen Sorgen machen müssen, auch ein Stück auf dem Computerspiel "The Sims 2" dürfte Geld in die Devo-Pensionskasse gespült haben.

Mark Mothersbaugh und die beiden Casale-Brüder zählen wohl zu den Künstlern, die auf ein erfülltes Leben in Multimedia zurückblicken können. Auch wenn man eingestehen muss: Devo zählt zu der häufigen Kategorie von Band, von der man nur das Frühwerk braucht.


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