Bayern 2 - kulturLeben


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Saufen oder Kiffen? Bayern, Bier und Bigotterie

Bayern und Bier – mehr Tradition geht nicht. Mehr Bigotterie aber auch nicht. Was der Umgang der bayerischen Staatsregierung mit dem neuen Cannabis-Gesetz verdeutlicht. Eine Volksdroge ist offenbar genug. Aber warum? Genauer: Warum das Bier? Ein Kommentar.

Author: Martin Zeyn

Published at: 17-4-2024

PRODUKTION - 09.04.2024, München: Am Augustiner-Keller in der Arnulfstraße in München verweist ein Schild auf das Hausrecht und untersagt damit den Konsum von Cannabis in jeglicher Form. Das betrifft auch den zugehörigen großen Biergarten. (zu dpa: Keks zur Maß: Brotzeit in Bayerns Biergärten mit Cannabis-Gebäck?) Foto: Simon Sachseder/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: dpa-Bildfunk/Simon Sachseder

Kaum hat Berlin den Cannabis-Konsum in Teilen legalisiert, da tut München alles, um das zu hintertreiben. Durch die Novellierung des Gesundheitsschutzgesetzes, die Volksfeste zur No-Go-Area für Kiffer machen will. Und durch einen umfangreichen Bußgeld-Katalog. Dessen Botschaft ist klar: Kann sehr teuer werden, also lass es lieber. Sehr hilfreich deswegen das Benutzen einer App, die einem anzeigt, ob sich Dein Standort zu nah an einem Spielplatz oder einer Schule befindet. Am Münchner Gärtnerplatz scharen sich alle Kiffer um eine Laterne. Nur hier, auf wenigen Quadratmetern soll der Drogenkonsum legal sein. Während ringsherum die Leute Bier oder Spritz trinken.

Saufen als Volkskultur?


Um es deutlich zu machen: Ich bin kein Freund von Drogen. Ich halte sie für gefährlich. Cannabis kann Psychosen auslösen. Und Alkohol? Das Bundesgesundheitsministerium sagt, dass etwa eineinhalb Millionen Menschen wegen ihrer Alkoholsucht behandelt werden müssen. Aber gerade in Bayern wird exzessiver Alkoholgenuss immer noch als Teil von Volkskultur verstanden. Und der Freistaat wirbt sogar mit seinen vielen Brauereien. Schon mal da was von Abstandsregelungen gehört? Viele Biergärten haben Spielplätze. Und ich habe regelmäßig Schulklassen und sogar Kindergartengruppen gesehen, die morgens aufs Oktoberfest gehen. Abschreckung und Suchtprävention sieht für mich anders aus.

Nur noch alkoholfreie Biere

Wenn schon, denn schon. Wenn schon eine harte Linie gegen Drogen, dann gegen alle. Derselbe Bußgeldkatalog beim Cannabis- wie beim Alkoholkonsum. Das Wegbier - das Wochenendaccessoire von vielen Jugendlichen – durch harte Kontrollen aus der Öffentlichkeit verbannen. Alle Volksfeste als Cannabis-freie Zonen. Und nur noch alkoholfreies Bier auf dem Oktoberfest und der Erlanger Bergkirchweih. Und es geht. In Franken hat gerade ein Gasthaus komplett auf Drogenausschank verzichtet. Es gibt nur noch 30 Alkohol-freie Biere – ein Grund: der Wirt selbst hatte gemerkt, in die Sucht abzukippen.

Oktoberfest alkoholfrei? Besser wär's

Aber geht damit nicht auch etwas verloren, etwas typisch Bayerisches? Dass etwas eine Volksdroge ist, die seit Jahrhunderten Menschen schadet, ist kein Ausweis für eine starke Kultur. Sondern von Heuchelei und Versagen. Wenn saufen okay ist, dann halt auch kiffen. Und vor die Wahl gestellt, ob meiner Töchter einem Haufen betrunkener Oktoberfestbesucher begegnen oder komplett zugeballerten Kiffern – ist meine Antwort ganz eindeutig. Und ein Oktoberfest ohne Alkohol wäre wirklich ein Platz, wo sich alle versammeln könnten. Ein Kulturbruch – klar. Aber es wäre dann wieder ein Ort, den ich feiern würde, statt ihn zu meiden.

Dieser Kommentar wurde am 17.4.2024 im Kulturleben auf Bayern 2 gesendet.


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