Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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25. Februar 2009 Tag der Schachtelsätze

Unter einem Schachtelsatz, auch bekannt als Hypotaxe, wird die Unterordnung von Nebensätzen unter Hauptsätze bezeichnet - Bastian Melnyk initiierte zu seiner Huldigung einen Gedenktag. Autorin: Justina Schreiber

Stand: 25.02.2021 | Archiv

25 Februar

Donnerstag, 25. Februar 2021

Autor(in): Justina Schreiber

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Selbst wenn es nicht verwundert, dass verbales Ausschweifen, Ausschmücken und Mäandern im beschleunigten Alltag oft zu genervtem Augenrollen führt, muss man es allerdings auch als kontraproduktiv bezeichnen, wenn sich mancherlei Leute (von diversen Medien abgelenkt) so wortkarg geben, dass man ihnen die Dinge förmlich aus der Nase ziehen muss, weil ein Gestopsel der Wahrheitsfindung nämlich nur selten dient, während ein schön gewundener Bandwurmsatz immerhin dem Anspruch folgt, die Welt in ihrer Komplexität angemessen abzubilden, obwohl das einige Anstrengungen kostet, insbesondere, wenn es sich um einen hypotaktischen Schachtelsatz handelt, also wenn mit Konjunktionen wie "weil", "obwohl", "als", "nachdem" oder "während" gearbeitet wird, um diverse Nebensätze einem Hauptsatz unterzuordnen, was die Geschraubtheit des Stils immens befördert und dem Sprecher oder der Schreiberin noch dazu einen gewissen intellektuellen Durchblicker-Nimbus verleiht – von Parenthesen oder Einschüben wie diesem nicht zu schweigen – kurzum:

Der Satz ist noch nicht zu Ende

der inoffizielle bundesweite Ehrentag der Hypotaxe beziehungsweise des Schachtelsatzes, der am heutigen Datum, dem 25. Februar, begangen wird, lenkt das Augenmerk zu Recht auf eine in Zeiten grassierender Short Messages vernachlässigte, wenn nicht gar verachtete Ausdrucksweise, deren Sinn und Zweck mittlerweile fast rätselhaft erscheinen mag, lässt sich doch angeblich eine (in Anführungszeichen) "ganz normale" Kommunikation locker-lässig nebenbei mit Daumen-rauf-oder-runter-Symbolen und diversen anderen Piktogrammen bestreiten;

Immer noch nicht

wobei eben schnell vergessen wird, dass feine Zwischentöne und tiefergehende Erläuterungen eine wichtige Rolle im menschlichen Miteinander spielen beziehungsweise belegt dies die Unmenge an Missverständnissen in den modernen Chatverläufen, die ja von hypotaktischen Verschachtelungen so weit entfernt sind wie der Anfang dieses Satzes hier von seinem Ende, das übrigens noch ein wenig auf sich warten lässt, weil anstandshalber auch des Erfinders des heutigen Ehrentages gedacht werden soll, nämlich des Berliner Bloggers und Cartoonisten Bastian Melnyk, auf dessen Kappe einige kuriose Jubiläen gehen (so rief er etwa auch den Wettergesprächs- und Smalltalk-Tag Anfang Oktober ins Leben), wenngleich der Verdacht sehr naheliegt, dass es sich um die ironischen Aktionen eines Spaßvogels handelt, der sich im aktuellen Fall über die behäbig-umständlichen Formulierungen der Altvorderen Dichterinnen und Denker lustig macht, da sie weniger vom Leben als vom Staub dicker Schwarten künden, weshalb der Schachtelsatz, solcherart zweideutig gerühmt, heute aber immerhin als staunenswertes Relikt einer vergangenen Zeit wie etwa ein Nierentischchen oder ein Telefon mit Wählscheibe in Erscheinung tritt und demzufolge vielleicht, so hofft man insgeheim, ein kleines bisschen an coolem Retro-Chic gewinnt, sofern der Bogen nicht überspannt wird, was letztlich wohl bedeutet, dass dieser lange Satz jetzt sofort und unwiderruflich einen, also seinen Schlusspunkt findet.


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