Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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10. Januar 1917 Suffragetten beginnen Mahnwache vor dem Weißen Haus

Den Frauen eine Stimme! Viele amerikanische – männliche – Politiker sahen das nicht so, mussten sich aber umstimmen lassen vom sehr entschiedenen Druck der wahlwilligen Damen. Autorin: Ulrike Rückert

Stand: 10.01.2019 | Archiv

10 Januar

Donnerstag, 10. Januar 2019

Autor(in): Ulrike Rückert

Sprecher(in): Krista Posch

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

Am Morgen des 10. Januar 1917 standen sie an den Gittertoren, als Präsident Woodrow Wilson von einer morgendlichen Runde Golf in Weiße Haus zurückkehrte: kleine Gruppen von Frauen mit den violett-weiß-grünen Fahnen der Nationalen Frauenpartei und Bannern mit der Frage: "Herr Präsident, was werden Sie für das Frauenwahlrecht tun?" Wilson tat, als sehe er sie nicht.

Am nächsten Tag waren sie wieder da. Ein eisiger Wind blies, und Wilson ließ sie zum Aufwärmen ins Weiße Haus einladen. Sie lehnten höflich ab. Jeden Morgen marschierten die Trupps nun auf und blieben bis spätnachmittags. Aus allen Ecken des Landes reisten Frauen an und beteiligten sich an den Mahnwachen.

Den Damen reicht es!

Seit rund siebzig Jahren stritten amerikanische Frauenrechtlerinnen schon für das Wahlrecht. Sie hatten zahllose Reden gehalten und Artikel geschrieben, Protestmärsche organisiert und Unterschriften gesammelt – einmal hatten sie Papierbögen mit einer halben Million Signaturen zu einer Rolle zusammengeklebt. Sie war fünfeinhalb Kilometer lang.

In einem Dutzend Bundesstaaten im Westen konnten Frauen schon wählen, doch im Osten und Süden blieb der Widerstand hart. In Washington waren vor allem die Demokraten dagegen. Wilson, ein Demokrat, meinte privat, das Frauenwahlrecht würde die Familien zerstören. Offiziell hielt er sich heraus.

Die Damen bitte stimmlos…

Die militanten Suffragetten der Nationalen Frauenpartei verloren die Geduld. Sie forderten eine Verfassungsänderung, die allen Bürgerinnen das Wahlrecht garantierte. Die Mahnwachen, erklärten sie, würden so lange fortgesetzt wie nötig. Der Präsident ließ bekanntgeben, dass er sie zu ignorieren gedenke.

Als die USA in den Ersten Weltkrieg eintraten, stellten die meisten Frauenrechtsgruppen ihre Anliegen zurück. Die Demonstrantinnen vor dem Weißen Haus wichen nicht. Stattdessen attackierten sie den Präsidenten als Despoten, als "Kaiser Wilson", woraufhin sich an die dreitausend empörte Passanten zusammenrotteten, sie mit Eiern bewarfen und ihre Banner zerfetzten.

Nach sechs Monaten ließ Wilson sie wegen Verkehrsbehinderung verhaften. Die arrestierten Frauen weigerten sich, Kaution zu stellen, und gingen ins Gefängnis – da waren bald Dutzende von ihnen, und doch standen jeden Tag wieder welche vor Wilsons Zaun. Die Sache eskalierte: Hungerstreiks im Gefängnis, Zwangsernährung, öffentliche Empörung über die Brutalität. Wilson begnadigte die inhaftierten Frauen, um sie loszuwerden. Die Polizei nahm andere fest.

Nach einem Jahr gab der Präsident nach und erklärte seine Unterstützung für das Frauenwahlrecht. Das Repräsentantenhaus stimmte für eine Verfassungsänderung, der Senat dagegen. Die Proteste gingen weiter. Aus der Haft entlassene Aktivistinnen tourten durch das Land und hielten Reden in Gefängnisuniform.

Doch zweieinhalb Jahre nach der ersten Mahnwache vor dem Weißen Haus verabschiedete der Kongress den neunzehnten Verfassungszusatz, der dann im Juni 1920 von der nötigen Zahl der Bundesstaaten ratifiziert war. Bei der Präsidentschaftswahl im selben Jahr konnten alle Frauen wählen.


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