Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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2. September 1859 Stärkster registrierter Sonnensturm, das Carrington-Ereignis

Polarlichter in Havanna und auf Hawaii? Papierstreifen in Telegrafenempfängern, die in Flammen aufgingen? Das Carrington-Ereignis – benannt nach dem Astronom Richard Carrington, der die ursächlichen Sonneneruptionen beobachtet hatte. Autorin: Yvonne Maier

Published at: 2-9-2020 | Archiv

02 September

Mittwoch, 02. September 2020

Autor(in): Yvonne Maier

Sprecher(in): Caroline Ebner

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Richard Carrington war erst 33 Jahre alt, doch schon damals bekannt als der wahrscheinlich versierteste Sonnenastronom Englands. Doch auch er hätte am 2. September 1859 nicht ahnen können, dass er mit seiner Beobachtung in die Geschichte eingehen würde.

Buntes Licht

Alles begann einen Tag vorher, um 11 Uhr 38. Durch das Teleskop seines privaten Observatoriums blickte. Richard Carrington an den Himmel hinauf und dokumentierte die Sonnenflecken auf der Oberfläche unseres Heimatsterns. Damals konnte man die noch nicht fotografieren, sie wurden fein säuberlich abgezeichnet.

Und während er seinen Blick zwischen Teleskop und dem Blatt Papier hin und her wandern ließ, blitzten plötzlich zwei sehr helle, weiße Lichtpunkte über den Sonnenflecken auf. So etwas hatte er noch nie gesehen! Nur fünf Minuten nachdem sie aufgetaucht waren, waren sie ganz verschwunden. Richard Carrington war ratlos, er hatte keine Ahnung, was ihm da Helles über den Sonnenflecken erschienen war. Aber da gewesen waren sie!

Dann am nächsten Tag, kurz vor Sonnenaufgang, leuchtete der Himmel über der Erde. Rot, grün und lila - Polarlichter! Die Dämmerung wurde so hell, man erzählte sich, dass man eine Zeitung im bunten Licht hat lesen können. Das Bemerkenswerte aber: Die Polarlichter - eigentlich reserviert für den Himmel in den Polarregionen, der Name verrät es ja schon - die Polarlichter sahen auch die Menschen in den Tropen: aus Kuba, den Bahamas, Jamaika, El Salvador und Hawaii kamen Berichte von buntem Licht!

Doch das war noch nicht alles! Denn weltweit spielten auf einmal auch die Telegrafensysteme verrückt. Die Maschinen sprühten Funken, manche fingen sogar Feuer.

Und sie konnten sogar dann noch Telegramme versenden, nachdem die Techniker die Batterien herausgenommen hatten. Das Polarlicht lieferte den Strom in den Leitungen.

Weltraumwetter

Helle Lichtblitze, buntes Polarlicht in den Tropen, Telegrafensysteme, die Funken sprühen - heute wissen wir, was Richard Carrington und die ganze Welt damals erlebt haben: Eine magnetische Sonneneruption. Elektrisch geladene Teilchen sind in einer gigantischen Explosion von der Sonne weggesprengt worden, haben die Erde erreicht und sind dort mit unserem Magnetfeld kollidiert. Das führt zu Polarlichtern und dem Ausfall der technischen Systeme, auch heute noch. Der Fachbegriff: Carrington-Ereignis, weil Richard Carrington es war, der die hellen Lichtblitze, die Auslöser für all das waren, gesehen hat.

Was für ein Zufall: Ein paar Minuten lang hat die Explosion auf der Sonne nur gedauert, der Astronom hat sie gesehen. Und es muss eine gigantische Explosion gewesen sein - das Ereignis von 1859 war wohl das größte der letzten 500 Jahre und es war doppelt so stark wie das nächstkleinere, von dem wir wissen. Und es wird wieder passieren – mit Auswirkungen auf unsere technische Infrastruktur. Man mag gar nicht daran denken, was mit einem Flugzeug passieren könnte, das in so ein Carrington-Ereignis hineinfliegt. Zum Glück arbeiten die Wissenschaftler heute an genauen Vorhersagen von Sonnenstürmen – an Weltraumwetter-Vorhersagen. Damit wir uns das nächste Mal am Strand in den Bahamas einfach nur am Polarlicht erfreuen können, ohne, dass überall die Lichter ausgehen.


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