Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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4. Juni 1938 Sigmund Freuds Diwan zieht um

Was braucht man für die Psychoanalyse? Auf jeden Fall einen Diwan. Keiner wusste das besser als Sigmund Freud. Daher musste das Möbel natürlich mit, als er vor den Nazis floh, mit dem Orient-Express über Paris nach London, wo es noch heute das Sigmund-Freud-Museum ziert. Autorin: Katharina Hübel

Published at: 4-6-2021 | Archiv

04 Juni

Freitag, 04. Juni 2021

Autor(in): Katharina Hübel

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

In träumerischem Halbschlaf treiben wir durch digitale Welten, eine Internetseite führt intuitiv zur nächsten, unbewusst lassen wir uns leiten. Ein neuer Link verführt, bringt uns ab von dem, was wir eigentlich wollten… Wir surfen im Internet auf einem orientalischen Teppich im Miniaturformat. Er ist aus Naturkautschuk. Abwaschbar. Wenige Quadratzentimeter groß. Ein orientalischer Teppich als Mousepad.

Freuds Teppich

Doch es ist nicht irgendein Teppich, der unsere Gedanken fliegen lässt. Er ist ein Andenken aus dem Sigmund-Freud-Museum in London. Und eine Nachbildung jenes persischen Teppichs, den Sigmund Freud als Überwurf schätzte, für sein berühmtes Sofa: dunkelrot-braun, mit Rautenmuster und Fransen. Ein Brückenschlag in die Vergangenheit. Passendes Dekor für eine dämmrige bürgerliche Welt. Dämmrig, da die teuren Materialien und Objekte im Salon vor dem zersetzenden Licht der Sonne geschützt werden sollten. Das perfekte Szenario für Sigmund Freuds Psychoanalyse. Zentrales Möbelstück: das orientalische Sofa. Pardon: Der Diwan.

Ein Diwan wie aus Tausend-und-einer-Nacht lädt zum Erzählen ein. Er lässt die Patienten jegliche Haltung vergessen, lässt sie herabsinken in eine halb liegende Position, erlaubt ihrem Geist abzugleiten in tiefere Sphären, in einen Zustand zwischen Wachsein und Schlafen. Freud selbst entzieht sich dem Zauber, aufrecht sitzend am Kopfende. Eine dankbare Patientin, Madame Benvenist, soll Sigmund Freud das gute Stück um 1890 herum geschenkt haben. Ein Jahr, bevor Freud innerhalb Wiens in die Berggasse 19 umzieht. Neun Jahre später beginnt er, seine Patienten dorthin einzuladen. In sein Wohnzimmer. Und der Alltagsgegenstand Diwan wird zum zentralen analytischen Instrument.

An der Wand, wo einst der Diwan seinen Platz hatte, ist heute nur noch ein Foto zu sehen, das 1938 entstand. Einen Monat, bevor Sigmund Freud nach London emigrierte. Am 4. Juni 1938, um 15 Uhr 25, startete der Orient-Express nach Paris, wo Freud von der Weltpresse mit Blitzlichtgewitter empfangen wurde. Weiter nach London, Ankunft 6. Juni 1938, Victoria Station. Mit im Gepäck: Der Diwan.

Des Diwans neue Heimat

Sein neues Zuhause: 39, Elsworthy Road – kurze Zeit später: 20, Maresfield Gardens. Und dort steht der berühmte Diwan noch heute – mit demselben Teppichüberwurf wie damals. Nach einigem Ringen mit der nationalsozialistischen Bürokratie durfte Sigmund Freud tatsächlich all seine Habe mit ins Exil nehmen. Ein Drittel seines gesamten Vermögens bezahlte Freud dafür, über 31.000 Reichsmark "Reichsfluchtsteuer". Es wäre für Sigmund Freud wohl billiger gewesen, sich einen neuen Diwan zu besorgen. Aber das kommt offenbar nicht in Frage. Und so emigriert auch der Diwan – von Wien nach London, wo er heute im Museum steht. Er lässt den Zauber nur noch erahnen, den er einst auf die Patienten ausgeübt hat.


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