Bayern 2 - Das Kalenderblatt


1

11. Dezember 1981 Muhammad Alis letzter Kampf

Der dreimalige Boxweltmeister Muhammad Ali wollte nach seiner ersten vorzeitigen Niederlage im Ring seine Karriere so nicht beenden. Und so kam es zum Drama auf den Bahamas. Autor: Thomas Grasberger

Stand: 11.12.2019 | Archiv

11 Dezember

Mittwoch, 11. Dezember 2019

Autor(in): Thomas Grasberger

Sprecher(in): Christian Baumann

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Der erste überlieferte Text der abendländischen Philosophiegeschichte ist einer der schönsten und geheimnisvollsten. Er wird einem gewissen Anaximander zugeschrieben, der im sechsten Jahrhundert vor Christus lebte. Wie viele seiner griechischen Kollegen suchte auch Anaximander nach dem Urstoff des Lebens. Er fand ihn im Apeiron, im Grenzenlosen. Alle Dinge, sagt der Naturphilosoph, haben in diesem Grenzenlosen ihren Ursprung. Und werden darin auch wieder vergehen, mit Notwendigkeit. Denn sie leisten einander Buße und Vergeltung, für das "Unrecht", das sie einander antun. Schließlich lebt und wächst alles auf Kosten von anderen. Aber nicht ewig. Irgendwann ist Schicht im Schacht, und etwas Anderes rückt nach. Gemäß der Ordnung der Zeit. Dieser ständige Kreislauf von Werden und Vergehen ist ein kosmisches Urgesetz – der Lauf des Lebens.

Das kosmische Urgesetz

Ob Muhammad Ali, einer der größten Boxer aller Zeiten, jemals das Fragment des Anaximander gelesen hat, ist nicht überliefert. Tatsache aber ist, dass Ali das kosmische Urgesetz sehr wohl durchschaute, als er sagte. "Vater Zeit hat mich eingeholt. Es ist vorbei. Ich muss den Tatsachen ins Auge sehen."

Zu dieser philosophischen Einsicht kam der dreifache Schwergewichtsweltmeister am 11. Dezember 1981. An jenem Freitag wurde im Queen Elizabeth Sports Centre von Nassau auf den Bahamas das Ende einer Ära eingeläutet. Zehn lange Runden stand die 39 Jahre alte Box-Legende Muhammad Ali seinem 12 Jahre jüngeren Kontrahenten Trevor Berbick gegenüber. Der große Ali wollte es noch einmal wissen. Vierzehn Monate zuvor war er in Las Vegas von seinem ehemaligen Sparringspartner Larry Holmes fürchterlich verhauen worden. So erbärmlich wollte Ali natürlich nicht abtreten. Er, das Box-Genie und Enfant terrible, das seine Gegner einst tänzelnd aus dem Ring prügelte und regelrechten Demütigungen unterzog.

Drama in Bahama

Ali brauchte den allerletzten Kampf, wollte ein viertes Mal den Schwergewichts-Titel holen. Viele Ärzte rieten ab, hatten gesundheitliche Bedenken. Der Boxer nuschelte manchmal und seine Hände zitterten leicht. Hatte sein Gehirn unter den vielen Schlägen Schaden genommen? Ali behauptete, er sei fit. In den USA aber bekam er keine Lizenz für einen weiteren Fight. Deshalb wich man in die Karibik aus. Doch das von den Medien sogenannte "Drama in Bahama" geriet zur Farce, und der Titelkampf zum Trauerspiel. Der Schwergewichts-Champion von einst schien schon in der dritten Runde müde zu werden. Ab und zu blitzte seine alte Kraft und Fertigkeit noch auf, er parodierte sich sogar selbst, indem er in Runde acht zu tänzeln anfing. Aber letztlich fehlte es an Schnelligkeit und Ausdauer. Berbick war zwar kein herausragender Faustkämpfer, aber einfach jünger und kräftiger. Der Fight verlief über die volle Distanz, und am Ende gewann Berbick klar nach Punkten. Es war Alis allerletzter Kampf. Keine zwei Jahre später kam dann die öffentliche Bekanntgabe der Diagnose: Parkinson.

Die Ordnung der Zeit hatte den Champion endgültig eingeholt. Und noch etwas verbindet den großen Ali mit dem großen Anaximander. So wie dieser wohl ewig in den Büchern der Philosophiegeschichte seinen Platz hat, ist jenem eine Seite in den Annalen des Sports sicher: Als Ikone des Boxens, die viel mehr war als nur ein Champion.


1