Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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10. Dezember 1823 Mary Anning findet einen Plesiosaurus

Sie hatte kaum Werkzeug, sie hatte nie studiert, aber sie war ehrgeizig: Die Britin Mary Anning gilt heute als bedeutende Paläontologin. Am 10. Dezember 1823 entdeckte sie das Skelett eines Plesiosaurus - und verwirrte die Gelehrten.

Stand: 10.12.2013 | Archiv

10 Dezember

Dienstag, 10. Dezember 2013

Autor(in): Ulrike Rückert

Sprecher(in): Ilse Neubauer

Illustration: Angela Smets

Redaktion: Julia Zöller

Es war schon spät am Nachmittag des 10. Dezember 1823. In dem Schieferbrocken am Fuß der Klippen von Lyme Regis, an der englischen Kanalküste, erkannte Mary Anning zuerst nur einen Schädel, er war kleiner als ihre Hand. Aber sie holte gleich Helfer aus dem Ort, um die fossilen Knochen freizulegen. Tatsächlich war es ein ganzes Skelett, fast drei Meter lang.
Mit Hammer und Meißel schlugen sie es in einer Platte aus dem Fels.

Zu Hause schälte Mary Anning jedes Detail aus dem Stein - bis die bizarrste Kreatur vor ihr lag, die je ein Mensch gesehen hatte: ein gedrungener Rumpf mit dickem Schwanz, statt Beinen vier seltsame Paddel und dazu ein absurd langer Hals, wie ein Schlangenleib, mit diesem winzigen Eidechsenkopf.

Die große Verwirrung

Der Herzog von Buckingham bezahlte Mary Anning üppige zweihundert Pfund für das Ding und schickte es nach London. Die Gelehrten dort gerieten aus dem Häuschen. Sie sandten Zeichnungen an George Cuvier in Paris, die Koryphäe der Zoologie, der rundweg erklärte, Mary Anning sei eine Betrügerin. Nie könne ein solches Monstrum existiert haben. Mitglieder der Geologischen Gesellschaft prüften es gründlich. Kein Zweifel, es war echt. Es bekam einen Namen: Plesiosaurus, Beinah-Echse. Aber - was war es?

Die Geologie war eine junge Wissenschaft. Forscher suchten nach Spuren der biblischen Sintflut und fanden versteinerte Überreste unbekannter Geschöpfe, zur Verwirrung ihrer selbst und der Öffentlichkeit. Wie konnten Arten verschwinden, wenn Gott die Welt vollkommen geschaffen hatte? War die Erde sechstausend oder Abermillionen Jahre alt? Während die einen mit der Bibel rangen, entwickelten andere Ideen über die Evolution der Arten. Zu dieser Zeit wurden die Grundlagen verhandelt, auf denen Charles Darwin später seine Theorie aufbaute.

Mary Anning, die Schreinerstochter aus Lyme Regis, lieferte Material dafür. Die Hafenstadt war bei Touristen beliebt. Die kauften auch gern die kuriosen Gebilde, die sich im Geröll an den Klippen fanden. Nach dem Tod von Mary Annings Vater waren die Fossilien das einzige Einkommen der Familie. Schon mit zwölf Jahren hatte sie einen spektakulären Fund gemacht: das vollständige Skelett einer sieben Meter langen Meeresechse - und zum ersten Mal hatten Forscher begriffen: dies war kein Krokodil aus Noahs Zeiten, sondern ein unbekanntes Wesen aus einer verschwundenen Welt.

Leider keine Lorbeeren

Mit den Jahren war Mary Anning eine Expertin geworden. Sie hatte wissenschaftliche Bücher studiert, Meeresgetier seziert und gelernt, präzise Zeichnungen anzufertigen. Der Plesiosaurus machte sie berühmt. Aber dass sie eine Frau war, noch dazu eine aus kleinen Verhältnissen, die kaum eine Schule besucht hatte, brachte sie um den vollen Lohn ihrer Arbeit. Sie grollte, wenn Gelehrte ihr Wissen als eigene Erkenntnisse ausgaben.

Mary Anning war eine Geburtshelferin der Geologie und Paläontologie. Trotzdem wurde keine von ihr entdeckte Spezies nach ihr benannt, keine wissenschaftliche Gesellschaft nahm sie auf. Als der König von Sachsen zufällig in ihre Fossilienhandlung geriet und sein Begleiter sie bat, ihren Namen aufzuschreiben, sagte sie stolz: "Ich bin in ganz Europa bekannt."


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