Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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9. Mai 1911 Magier "The Great Lafayette" vergeigt letzten Trick

"The Great Lafayette" gilt als einer der größten Magier seiner Zeit. Was er zauberhaft anpackt, gelingt auf wundersame Weise. Immer. Bis auf dieses eine letzte Mal. Autor: Simon Demmelhuber

Stand: 09.05.2019 | Archiv

09 Mai

Donnerstag, 09. Mai 2019

Autor(in): Simon Demmelhuber

Sprecher(in): Christian Baumann

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

The Great Lafayette! Ein Name wie ein Fanfarenstoß! Der größte aller Zauberer, Magier, Illusionisten um 1900. Keiner ist erfolgreicher, keiner berühmter, keiner rätselhafter. England liegt ihm zu Füßen, Amerika betet ihn an. Seine stets ausverkauften Shows liefern den Suchtstoff einer varietéberauschten Epoche. Lafayette serviert, wonach das Fin de Siècle lechzt: Eine sämige Mischung aus Kostümschwelgerei und Kulissenpomp, ein Feuerwerk funkelnder Tricks und Illusionen, die den Verstand aushebeln und die Sinne foppen.

Pomp… und Fopp

Sahnestück des Zauberspektakels ist die "Die Löwenbraut". Das genüsslich ausgespielte Schauermärchen voller Spiegeltricks, Geheimtüren, Trugböden, Doppelgänger und rasanter Kleiderwechsel erzählt die Geschichte der schönen Prinzessin Laila. Sie liebt einen Prinzen, wird aber von einem Pascha entführt, der sie zur Gattin begehrt. Weil kein Locken, kein Drohen hilft und Laila dem Prinzen treu bleibt, sinnt der Verschmähte auf Rache: Laila soll als Braut eines leibhaften Löwen sterben, der im Käfig knurrend auf den Hochzeitsbraten wartet.

In höchster Not sprengt Prinz Lafayette auf einem Rappen heran. Aber ach, zu spät! Das Gitter schnappt hinter Laila zu, die Bestie reißt das Maul auf, zeigt Zähne, setzt geifernd zum Sprung an - und dann passiert etwas, das alle sehen und niemand begreift: Die Löwenhaut reißt, heraus platzt - der Große Lafayette! Das ist völlig unmöglich! Da steht er als Prinz vor dem Käfig und schält sich drinnen zugleich aus dem Fell! Nach einem Moment verblüffter Stille kapituliert das Publikum: Jetzt wollen alle nur noch staunen, an Wunder glauben und klatschen, bis die Hände brennen.

Braut gerettet!

Auch am 9. Mai 1911 schlägt "Die Löwenbraut"voll ein. Das Empire Theatre in Edinburgh ist voll bis auf den letzten Sitz. Als das Ensemble zum Schlussapplaus an die Rampe tritt, tobt das Haus.

Beim Verbeugen passiert ein Missgeschick: Jemand stößt eine Lampe um, Öl läuft aus, Flammen schießen auf, naschen Kordeln und Fransen, fassen Appetit, verschlingen heißhungrig Decken, Kissen, Requisiten, fressen Vorhänge, Tapeten, Holzaufbauten, fallen, immer noch gierig, über alles her, was kopflos und panisch auf der verqualmten Bühne einen Ausweg sucht. Aber es gibt kein Entkommen. Ein eiserner Feuervorhang sperrt die Flucht in den Zuschauerraum, die Seitenabgänge sind verriegelt.

Am Morgen finden Arbeiter in den Trümmern verbrannte Tierkadaver und drei verkohlte Leichen. Neben einer liegt das Schwert des Prinzen. Auch wenn seine auffälligen Ringe fehlen, das muss, das kann nur Lafayette sein! Die Überreste werden eingeäschert, Floristen legen Sonderschichten ein, Edinburgh bereitet sich auf ein Prunkbegräbnis vor. Doch der große Lafayette hat noch eine Überraschung in petto. Zwei Tage vor der Bestattung gibt der Brandschutt eine vierte Leiche frei. Diesmal trägt sie die Ringe des Zauberers. Er hat es noch einmal geschafft, hat noch einmal alle überlistet und genarrt. Ein letzter Doppelgängertrick, ein letztes Ablenkmanöver, eine letzte rabenschwarze Schlussverbeugung des Meisters der Täuschung.


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