Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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7. September 1936 Letzter Tasmanischer Tiger stirbt in Gefangenschaft

Manchmal mag die Natur nicht so, wie der Mensch denkt… und am Ende eines erfolglosen Zuchtprogramms stellt man fest, die Natur hätte sich das schon anderes besser gedacht. Beispiel: Tasmanischer Tiger. Autorin: Prisca Straub

Stand: 07.09.2018 | Archiv

07 September

Freitag, 07. September 2018

Autor(in): Prisca Straub

Sprecher(in): Ilse Neubauer

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

Benjamin tänzelt unruhig durch sein Gehege. Das quergestreifte Hinterteil flimmert in der Sonne, die lange Hundeschnauze schnuppert nervös nach allen Seiten. Dann reißt das Tier, das aussieht wie eine seltsame Mischung aus Wolf und Tiger das Maul auf und zeigt spitze Zähne. Die kurze Filmdokumentation in Schwarzweiß ist etwas ganz Besonders: Benjamins Partnerin im Zoo von Hobart auf Tasmanien ist verendet, ohne Nachwuchs zu hinterlassen - jetzt ist Benjamin der letzte Tasmanische Tiger auf diesem Planeten.

Ganz allein?!?!?

Für seine Art ist es damit unwiderruflich zu spät. Doch wie hat es so weit kommen können? Wo sind die Artgenossen in Freiheit? Einst ging der Tasmanische Tiger in ganz Australien auf Nahrungssuche, ernährte sich von kleinen Säugetieren, Possums und Vögeln und zog den Nachwuchs im Beutel groß - ganz so wie seine Verwandten, die Kängurus. Von dort, vom Kontinent, vertrieb ihn der Dingo, der verwilderte Haushund der Aborigenes. Schließlich blieben die scheuen, nachtaktiven Tiere allein auf Tansmanien zurück.

Die kleine, Dingo-freie Insel südöstlich von Australien bietet zunächst ideale Zuflucht. Doch als im 19. Jahrhundert immer mehr europäische Siedler dort anlanden, wird auch das letzte Refugium zur ausweglosen Falle. Die Farmer haben nur ihre Schafzucht im Kopf - und das unbekannte Zwitterwesen mit dem tigerähnlichen Muster und dem Raubtiergebiss ist ihnen suspekt: Wenn diese Bestie nicht blutrünstig ist! Für jedes tote Exemplar gibt's eine satte Abschussprämie.

Heute weiß man: Die Kiefer des Beuteltiers sind für ein ausgewachsenes Schaf mit Sicherheit viel zu schwach gewesen - zu mehr als einem Hühnerdieb wird es der Tasmanische Tiger kaum gebracht haben. Doch die Erkenntnis kommt für den rapide schrumpfenden Bestand um Jahrzehnte zu spät.

Inzwischen lebt Benjamin mit einer Partnerin schon seit vielen Jahren im Zoo von Hobart . Doch die Gefangenschaft scheint den schlanken Tieren mit den dunklen Knopfaugen nicht gut zu bekommen. Die Nachzucht schlägt fehl. Der Beutel von Benjamins Partnerin bleibt unbewohnt. Bald dreht das Tier als Witwer seine ewig gleichen Runden, springt gegen die Gitter und bellt dumpf. Ein Publikumsmagnet wird er nie.

Traurige Berühmtheit

Und doch wird Benjamin auf tragische Weise populär. Der Schutz, unter den der Tasmanische Tiger gestellt wird, kommt zu spät: Nur wenige Monate später verendet Benjamin am 7. September 1936 - und zwar als Letzter seiner Art, wie man jetzt plötzlich befürchtet.

Bis heute tauchen regelmäßig Gerüchte auf, nach denen irgendwo in den zerklüfteten Wäldern der Insel eines der gestreiften Beuteltiere überlebt haben soll. Die Regierung hat eine Prämie für ein lebendes Exemplar ausgesetzt. Bisher wurde sie nie ausbezahlt.

Nach seinem Tod wird Benjamin für das tasmanische Naturkundemuseum präpariert - die Ohren steil aufgerichtet, schaut er grimmig in die Runde. Vielleicht weil das Schicksal seiner Art hätte abgewendet werden können, wenn man rechtzeitig ein wenig aufmerksamer hingeschaut hätte: Benjamin, der zeitlebens für ein Männchen gehalten wurde, war tatsächlich - ein Weibchen!


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