Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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3. Juli 1951 Kaiserin Elisabeths Gedichte werden Schweizer Bundesarchiv überreicht

Wie sie daheim in Possenhofen die Tiere freilässt, weil sie nach Wien geht, um Kaiserin von Österreich zu werden – diese Episode gibt es im Sissy-Film, nicht in Sisis Leben. Das war weniger romantisch. Autorin: Regina Fanderl

Stand: 03.07.2019 | Archiv

03 Juli

Mittwoch, 03. Juli 2019

Autor(in): Regina Fanderl

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

Zur Klarstellung: Sisi, die unglückliche Kaiserin von Österreich – man schreibt sie mit zwei "s"! Wer Sissi mit drei "s" schreibt und gar noch mit einem Ypsilon hinten, der hat ja keine Ahnung! Und um gleich noch mit anderen, kitsch-sisi-film-gesteuerten Irrtümern aufzuräumen: die Schwiegermutter war gar nicht so bös‘. Und Sisis Ehe mit dem Kaiser war nur ganz am Anfang harmonisch. Später hat sie ihren Franzl an eine Schauspielerin verkuppelt und sich auf die Schulter einen Anker tätowieren lassen. Und: sie war überall lieber als daheim, in Wien. Immer auf Kur, immer auf Reisen. Am Tag vor dem Gesicht einen Schleier, in der Nacht im Gesicht die rohe Kalbfleisch-Maske. So schaut’s aus. Aber:

Klartext… mit zwei S

Sisi ist auch eine elegante Reiterin, furchtlose Bergsteigerin, perfekte Turnerin und: sie interessiert sich für Wissenschaft und Philosophie! Vertieft sich ins Altgriechische, übersetzt Shakespeares "Hamlet" und studiert Schopenhauer. Ganz Wien rümpft die Nase über diese Extravaganzen der Kaiserin. Und nur deswegen, so ihre Biographin Brigitte Hamann, kann der Sisi-Mythos erst 100 Jahre später entstehen, durch die Filme mit Romy Schneider. Ihren Zeitgenossen ist Sisi suspekt. Oh! Wenn die noch wüssten, dass die Kaiserin von Österreich glühend den Heinrich Heine verehrt, und sogar selber dichtet!!! Aus wär’s!

Kaiserlich gereimt!

Reimt Sisi in ihrer Jugend noch harmlose Verserl zusammen, so klingen die Gedichte der reifen Frau immer trübsinniger. Ein, laut Hamann, einziges lamentierendes Klagen und Zeugnis von Überempfindlichkeit und Selbstmitleid.

Die Gedichte strotzen aber auch von Spott und Hohn auf Monarchie und Habsburger. Ihrem Franzl gegenüber bleibt sie zwar loyal, bezeichnet ihn trotzdem wenig charmant als "glotzenden Karpfen" oder "Vollblut-Eselein". Zwischendrin aber entpuppt sich Sisi als Naturfreundin.

Sie reimt über den Tegernsee, beklagt die wachsende Zahl protziger, landschaftsverschandelnder Villen, preis wortreich die Schönheiten der Nordsee, des Dachsteins und vor allem Griechenlands.

Da kommt schon was zusammen im Laufe der Jahre. Sisi will unbedingt alles der Nachwelt erhalten. Im Jahr 1890, kurz nach dem Tod ihres Sohnes Rudolfs in Mayerling, beendet sie abrupt das Dichten und verfügt in Detail folgendes: nach ihrem Tod – sie fiel 1898 in Genf einem Attentäter zum Opfer – sollen die in einer verschlossenen Kassette verwahrten Werke an ihren Bruder Carl Theodor in München gehen. Dessen Nachfahren haben sie zu hüten und nach Ablauf einer Frist von 60 Jahren der Schweiz zu übergeben. Einer Republik also. An die Zukunft der Habsburgermonarchie glaubt sie schon längst nicht mehr.

Der Akt geht dann, nicht ganz fristgerecht, am 3. Juli 1951 in Bern über die Bühne. Bundespräsident Eduard von Steiger öffnet die von Herzog Ludwig Wilhelm in Bayern überreichte Kassette und übergibt deren Inhalt dem Schweizerischen Bundesarchiv zur Aufbewahrung. Die Tagebücher und Gedichtbände werden seither für Ausstellungen ausgeliehen und zu Forschungszwecken ausgewertet. Eine breite Quelle des Frustes. Arme Sisi…

"Eine Möwe bin ich von keinem Land,
Meine Heimat nenne ich keinen Strand,
Mich bindet nicht Ort und nicht Stelle;
Ich fliege von Welle zu Welle."


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