Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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2. Mai 1856 Helene von Druskowitz geboren, Pessimistin

Sie war die zweite promovierte Philosophin weltweit, die am 2. Mai 1856 geborene Helene von Druskowitz. Als Frau in einer männlich dominierten Gelehrtenwelt entdeckte sie für sich den Pessimismus und entlarvte den Mann als bösen und dummen Teufel.

Published at: 2-5-2011 | Archiv

Sendung nachhören: Helene von Druskowitz geboren, Pessimistin

02 Mai

Montag, 02. Mai 2011

Autor: Xaver Frühbeis

Sprecherin: Krista Posch

Redaktion: Thomas Morawetz / Wissenschaft und Bildung

Philosophen sind für gewöhnlich nette Menschen, freundlich, und mit guter Kinderstube, bloß ihre Gedanken, die sind manchmal entbehrlich. Jener Philosoph zum Beispiel, der den "Optimismus" erfunden hat: Er hat behauptet, wir würden in der Besten aller Welten leben. Begründung: Es sei die einzige, die wir haben, und eine bessere sei deshalb nicht drin. Das, meine Damen und Herren, ist als würden Sie ein Wettrennen mit nur einem einzigen Teilnehmer veranstalten. Am Schluss ist der ungeschlagen und steht auf dem Siegertreppchen ganz oben. Auf solche Gedanken kommen Philosophen, wenn man einen Moment lang nicht auf sie aufpasst.
 
Auch Helene von Druskowitz war eine Philosophin, aber sie hat nicht in der Besten aller Welten gelebt. Denn: Sie war eine Frau, und das Siegertreppchen war ihr somit verwehrt. Geboren am 2. Mai 1856 in Hietzing bei Wien, eine höhere Tochter, deshalb wurde sie erst mal Pianistin, aber: Helene war eine rebellische Natur, Klavierspielen war ihr nicht genug, und so zog sie nach Zürich, um dort zu studieren. Das durften Frauen dort seit kurzem, die Schweiz war ein fortschrittliches Land. Helene von Druskowitz wurde die erste Österreicherin mit Doktorgrad und die zweite promovierte Philosophin weltweit.

Danach lehrte das "Fräulein Doktor" Literaturgeschichte und schrieb Theaterstücke unter mehreren falschen männlichen Namen. Sie wollte nicht, dass man sich über sie als schriftstellernde Frau lustig machte. Unter ihrem wirklichen Namen dagegen gründete sie streitbare Frauenzeitschriften: "Der heilige Kampf" etwa oder "Der Fehderuf". Denn was Helene von Druskowitz auf keinen Fall wollte, war, unter der Knute irgendeines Mannes zu stehen. Rauchen und trinken erledigte sie als emanzipierte Frau selbst, und in Liebesdingen wandte sie sich ihresgleichen zu. Und so ging, als sie 33 war, mit einem Mal durch die Presse, dass das Fräulein Doktor von Druskowitz eine geschlechtliche Beziehung zu einer berühmten Dresdener Opernsängerin pflege. Die Blätter hetzten, die Sängerin dementierte, und die Beziehung, wenn es denn eine gewesen war, brach auseinander.

Gestorben war bereits ihr Bruder, gestorben war auch ihre Mutter, Druskowitz war nun ganz alleine und rauchte und trank immer mehr und schrieb immer streitbarere Artikel, und als sie 35 war, hat man sich ihrer entledigt. Man hat sie entmündigt und in die niederösterreichische Landesirrenanstalt von Mauer-Oehling verbracht. Dort hat sie weitere siebenundzwanzig Jahre gelebt und ihr berühmtestes Traktat geschrieben: "Pessimistische Kardinalsätze" oder "Der Mann als logische und sittliche Unmöglichkeit und als Fluch der Welt". Nicht gut sei die Welt, schrieb sie, sondern erbärmlich und "faul im innersten Kern", und zwar, weil der Mann, dieser "böse und dumme Teufel", die Frauen knechte, in eine Ehe zwinge, in der sie sich prostituieren müssten, um der "blöden und blinden Volksvermehrung" zu dienen. Und das, wo doch die Frauen die "wahre Menschheit" darstellten, instinktvoll und sanft, aber eben unterdrückt und aus ihrem eigenen Innersten geworfen.

Eine Lösung für das Problem hatte sie auch parat: Die vollständige Trennung der Geschlechter. Abgeschieden voneinander sollten Frauen und Männer leben, von der Geburt bis hin zum Grabe. Nur so könnten die Frauen genesen. Die Menschheit würde zwar binnen kurzem aussterben, aber das Leben hätte Gelegenheit, sich neu zu erschaffen und einen frischen Anlauf zu wagen, hin zur wirklich Besten aller Welten.

So schrieb das Fräulein Doktor von Druskowitz in der Landesirrenanstalt von Mauer-Oehling, und sie schrieb es mit Eifer und heiligem Ernst. Im Mai 1918 starb sie dort an der Ruhr.


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