Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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11. Juli 212 Freie Bewohner des Römischen Imperiums erhalten Bürgerrecht

Kaiser Caracalla gewährt 212 allen freien Bewohnern des Imperiums das römische Bürgerrecht. Er hätte sich und seinem Reich kaum schneller das Grab schaufeln können. Autor: Sebastian Kirschner

Stand: 11.07.2019 | Archiv

11 Juli

Donnerstag, 11. Juli 2019

Autor(in): Sebastian Kirschner

Sprecher(in): Hans-Jürgen Stockerl

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

Es hätte eine große Sache sein können. Gleiches Recht für alle, Gerechtigkeit im ganzen römischen Reich – und sich zugleich von allen Sünden reinwaschen. Denn davon hatte ein römischer Kaiser gewöhnlich genug auf sich geladen, auch Caracalla. Die ganz große Nummer eben. Aber wie so oft steckt der Teufel im Detail. Das muss Caracalla lernen, als er allen freien Bewohnern seines Imperiums das römische Bürgerrecht verleiht. Denn Recht ist nicht gleich Gerechtigkeit. Und die ist letztlich immer auch eine Sache des Standpunkts.

Gerechter als gerecht?

Marcus Aurelius Severus Antoninus, genannt Caracalla, ist ein – nun, der Lateiner würde wohl sagen monstrum. Seinen Bruder lässt er ermorden, um allein zu herrschen. Auch dessen Freunde, Verbündete, sogar seine Lieblingssportler schickt er in den Tod. Insgesamt angeblich 20.000 Männer, Frauen und Kinder.

Dabei ist er nicht schlechter als die meisten seiner Vorgänger. Es gehört mehr oder weniger zur Jobbeschreibung. Wer römischer Kaiser sein will, sollte nicht zimperlich agieren. Trotzdem wird er, Caracalla knapp 2000 Jahre später den Ruf eines teuflischen Tyrannen haben. Ist das etwa gerecht? Und das alles wegen dieses EINEN missgünstigen Bastards im Senat, Cassius Dio. Generationen von Historikern werden ihm Glauben schenken. Ein Geschichtsschreiber will er sein? Von wegen!

Geschichte schreiben oder erfinden?

Doch was am 11. Juli 212 geschieht – die Historiker werden sich zwar wieder das Maul darüber zerreißen – man könnte es doch auch als Neuanfang lesen. Tabula rasa. Ein geläuterter Caracalla. Ein Dank an die Götter. War es nicht eigentlich auch sein Bruder gewesen, der IHM nach dem Leben trachtete? Fortan soll mit der "Constitutio Antoniniana" alles besser werden.

Mit einem Schlag Millionen Nichtrömer zu Bürgern Roms erklären. Ein einheitlicher Rechtsraum, der von Britannien bis nach Ägypten reicht, vom Atlantik bis jenseits des Schwarzen Meeres. Gleiche Rechte für alle. Das soll ihm einer nachmachen! Dass er damit auch um loyale Anhänger in Roms Provinzen buhlt? Einerlei. Dass er so auch zusätzliche Steuern einnehmen will, um seine teuren Soldaten zu bezahlen? Wen kümmerts! Soll Cassius Dio doch schreiben, was er will!

Eines will Caracalla jedenfalls nicht: sich und seinem Reich das Grab schaufeln. Doch genau das tut er. Er sägt an einem der Stützpfeiler des Imperiums: die Aussicht für Nichtrömer im Reich, irgendwann dazuzugehören, wenn sie sich nur anstrengen. Doch wenn nun alle gleich sind, was sind dann die Bürgerrechte noch wert? Wo jetzt die Rechte der einen beginnen, da hören die Privilegien der anderen plötzlich auf. Und wem man keine Privilegien mehr bieten kann, dessen Loyalität muss man sich erkaufen. Geld regiert die Welt – und treibt Rom in den Bankrott. Gerecht ist auch das nicht.

Apropos Gerechtigkeit: Am Ende hat das Schicksal seine ganz eigene Vorstellung davon. Fünf Jahre kann Roms Imperator sich und sein System noch halten. Im Frühling 217 ist Caracalla unterwegs nach Karrhae im Südosten der heutigen Türkei. Da drückt die Blase, da zwickt der Po. Als der Kaiser dem "Bedürfnis der Natur" folgt, ist die Gelegenheit da, auf die sein Mörder gewartet hat.


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