Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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17. März 1908 Erstes Fahndungsfoto

Das erste Fahndungsfoto erschien in der britischen Zeitung "Daily Mirror" und war ein überzeugender Erfolg. In Deutschland verhalf die TV-Fahndungsserie "Aktenzeichen XY" dem Fahndungsfoto zu Kultstatus.

Stand: 17.03.2020 | Archiv

17 März

Dienstag, 17. März 2020

Autor(in): Prisca Straub

Sprecher(in): Ilse Neubauer

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Sie hängen am Bankschalter, bei der Polizei und in öffentlichen Behörden, und wen sie schwarz auf weiß abbilden, der blickt meist ziemlich finster drein: verschattete Augen, verkniffene Lippen und ein verschlagener Gesichtsausdruck. Die vielen Männer und die wenigen Frauen auf den Fahndungsplakaten der Polizei lächeln nie. Und das Betrachten der düsteren Porträts hat uns schon als Kind ein mulmiges Gefühl bereitet. Kein Wunder, dass es beim Räuber-und-Gendarm-Spiel immer Schwierigkeiten gab, die Rolle des Verbrechers zu besetzen.

Sieht fies aus?!?!

Das erste Fahndungsfoto dieser Art veröffentlichte die Londoner Zeitung "Daily Mirror". Es erschien vor 100 Jahren, am 17. März 1908, und zeigt einen Mann, der tags zuvor bei einem Überfall kostbare Juwelen erbeutet hatte. Und das Ergebnis dieser völlig neuen Methode der Verbrecherjagd war überaus vielversprechend: Der flüchtige Gauner wurde von eifrigen Lesern innerhalb weniger Stunden identifiziert, konnte festgenommen und eingebuchtet werden. Doch während die Pressevertreter euphorisch auf ihren Erfolg anstießen, blieb die Polizei zunächst skeptisch: Nicht ganz zu Unrecht befürchteten die Beamten nämlich, ein Gesuchter könne sein Aussehen gezielt verändern, wenn er sein Bild auf einem Steckbrief entdeckte.

Falscher Bart und neue Brille

Tatsächlich ist es so, dass nicht nur Polizei, sondern auch Ganoven von Fahndungsaufrufen profitieren. So ist die Fernsehsendung "Aktenzeichen XY ungelöst" seit mehr als 40 Jahren nicht nur eine Unterhaltungssendung für jedermann, sondern auch eine informative Veranstaltung für Täter. Schließlich gewährt das Magazin Einblicke in aktuelle Ermittlungen. Nicht zuletzt deshalb gehört das "Aktenzeichen" zum Pflichtprogramm auch für Ganoven. Mit Eduard Zimmermann, der das "XY"-Format erfand und die Zuschauer bis 1997 durch die Sendung führte, erreichte die Personenfahndung via Bildschirm in deutschen, österreichischen und Schweizer Haushalten Kultstatus. Täter können schließlich überall sein, und so huschen die TV-Diebe, -Verbrecher und -Mörder in nachgestellten, pseudo-dokumentarischen Filmchen als Schatten über die Wand oder müssen von unbekannten, aber möglichst nicht allzu unbegabten Schauspielern gedoubelt werden.

Doch nicht jeder Unbekannte, der sein Gesicht als Betrüger, Mörder oder Vergewaltiger in die Kamera hielt, blieb auch unbekannt: Der spätere Glücksrad-Moderator Peter Bond beispielsweise taucht in einem halben Dutzend "XY"-Fällen auf, bevor er zum Liebling aller Schwiegermütter avancierte. Eine für ihn ohne Zweifel viel dankbarere Rolle. Die öffentliche Fahndung per Bild konnte ihr Repertoire in den vergangenen Jahrzehnten um einiges erweitern: Digital hergestellte Phantombilder kommen heute ebenso zum Einsatz wie die bewegten Bilder der Video-Überwachungskameras. "Zweckdienliche Hinweise zur gesuchten Person" werden aber nach wie vor ebenso gerne entgegengenommen wie Tipps zur Identifizierung von Indizien. Die häufigsten Angaben in diesem Zusammenhang lauten:

"Der Gesuchte ist ein freundlicher, bei Kollegen geschätzter und völlig unauffälliger Büroangestellter." Oder, jeweils in Abhängigkeit vom verwendeten Tatwerkzeug: "Wer hat diesen Topflappen schon mal gesehen?" 1967, in seiner ersten Sendung von "Aktenzeichen XY ungelöst", empfahl Eduard Zimmermann seinen Zuschauern übrigens noch, die Fotos der Gesuchten direkt vom Bildschirm abzufotografieren. Nur für den Fall, dass der Straftäter am nächsten Morgen beim Metzger mit in der Schlange stehen sollte. Doch wer von Zimmermann vorgeführt wurde, der hatte ohnehin schlechte Karten: "Ganoven- Ede", wie er von seinen Fans auch genannt wurde, blickt auf eine Aufklärungsquote von vierzig Prozent zurück. Der Verbrecherjäger, der für "XY" 30 Jahre lang sein Gesicht mit den dicken Brillengläsern in die Kamera hielt, kann aber aus noch anderen Gründen stolz auf sich sein: Bis zuletzt ist es nämlich niemandem gelungen, ihm sein eigenes Handwerk zu legen. Erst im Jahre 2005 enthüllte Zimmermann in seiner Autobiografie seine düstere Vergangenheit als Dieb, Schwarzhändler und Betrüger.

Der Titel: "Auch ich war ein Gauner".


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