Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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20. April 1974 Erster Stadionflitzer rennt nackt aufs Spielfeld

Michael O’Brian war der erste, der im Adamskostüm über den Rasen einer großen Sportveranstaltung flitzte. Dass er damit zum Vorbild vieler Nackten nach ihm wurde, war ihm später allerdings peinlich. Autorin: Prisca Straub

Stand: 20.04.2021 | Archiv

20 April

Dienstag, 20. April 2021

Autor(in): Prisca Straub

Sprecher(in): Caroline Ebner

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Die Gelegenheit ist günstig: Mit einem Satz springt Michael O'Brien über die Absperrung, steht barfuß auf dem feuchten Rasen. Ein paar Bier hat er auch schon intus. Socken und Schuhe haben seine Kumpels auf der gegenüberliegenden Tribüne deponiert - ebenso wie den Rest seiner Kleidung: Michael ist nämlich splitternackt. Dann flitzt er los, immer entlang der Mittellinie. Seine langen dunklen Haare flattern im Wind, das Gemächt schwingt im Rhythmus seiner ausladenden Schritte. Wird es dem Nackt-Sprinter gelingen, das gesamte Rugby-Feld zu überqueren? Ohne von Aufsehern gestoppt zu werden? Die Wette gilt!

An diesem 20. April 1974 ist die Stimmung im Londoner "Twickenham Stadium" [engl. Aussprache] ebenso trübe wie das Wetter. Das englische Rugby-Team hat sich zur Halbzeit in die Umkleidekabinen verzogen, der französische Gegner muss sich aufwärmen, aus dem Publikum hört man Bierflaschen ploppen. Doch dann: Erst macht ungläubiges Raunen die Runde, dann Kichern, schließlich lautes Gelächter. Da hat Michael O'Brien bereits die Mitte des Spielfelds erreicht. Die Foto-Journalisten sind plötzlich hellwach - einen Nacktauftritt bei einem Sportereignis hat es noch nie gegeben.

Blankgezogen: Nacktauftritt in Twickenham

Nur wenige Schritte trennen den 25-jährigen Michael noch vom gegenüberliegenden Spielfeldrand. Dann - wird er ausgebremst! Vier Bobbies in Uniform holen O'Brien ein, packen ihn an Oberarmen und Handgelenken. End of the Show. Die Fotoapparate klicken: Ein bleicher, nackter Körper - der dunkle Vollbart - mit weit ausgebreiteten Armen hängt O'Brien in den Fängen der Beamten. So verletzlich und gleichzeitig so anmutig … ein Bild von einem Mann!

Der erste Streaker - Schnappschuss mit Helm

Das Foto seiner Verhaftung geht am kommenden Morgen um die Welt: Ein Polizist hat sich kurzentschlossen die Kopfbedeckung heruntergerissen und verhüllt mit ihr - O'Brien's blanke Lenden. Der filzüberzogene Bobby-Helm mit Kinnriemen, Mützenband und Polizei-Abzeichen umfasst Michaels "private parts", die inzwischen natürlich alles andere als privat sind. Aber eben auch nicht jugendfrei. Der Schnappschuss mit Helm wird später zum "Foto des Jahres" gekürt und gewinnt den renommierten "World Press Photo Award".

Ein Glückstreffer. Nicht nur für den Fotografen. Auch für den geistesgegenwärtigen Bobby wird der Nacktlauf von Twickenham zum Höhepunkt der Karriere. Über 30 Jahre später kommt es zum Wiedersehen - in einer TV-Sendung. Der pensionierte Bobby darf dem weltweit ersten Flitzer seinen ausrangierten Helm schenken. Alle sind gerührt. Nur Mister O’Brien ist die Sache schrecklich peinlich. Der inzwischen arrivierte Business-Man bedauert längst, was er losgetreten hat. Der Trend zum Streaking, zum Stadion-Flitzen, soll auf ihn zurückgehen? Wie unangenehm! Ob er für seine Nachahmer einen Tipp bereit hätte? Ja, um Himmelswillen: "Please, absolutely don't!"

Seine Wette hat er damals übrigens doch noch gewonnen, die netten Bobbies hatten ein Einsehen: Bevor sie Michael O’Brien abführten, durfte er noch die Ziellinie berühren.


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